Nahaufnahme Die Dokumentare
KulturSPIEGEL: Mr. Clark, der Star Ihrer jüngsten Fotoserie ist ein Teenager aus El Salvador, der in dem Ghetto South Central, Los Angeles, lebt. Warum ausgerechnet dieser Junge?
Larry Clark: "Rebel Magazine", eine französische Zeitschrift, bat mich um einen Beitrag zum Thema "Adoleszenz". Ich hatte erst keine Lust, aber meine damalige Freundin Tiffany war der Meinung, dass ich den Job machen sollte. Wir zogen durch die Straßen und fanden schließlich in einem kleinen Skate Park in Venice Jonathan Velasquez und seine Kumpel.
KulturSPIEGEL: Was gefiel Ihnen an diesen Jungs?
Clark: Sie hatten mit ihren Klamotten merkwürdige Dinge angestellt. Genauer gesagt: Ihre Kleidung war zu klein, zum Teil zerrissen und bemalt mit Graffiti. Die Schuhe fielen auseinander und waren mit Wandfarbe bestrichen. Sie hatten Stil und, wie ich fand, ohne jeden Zweifel Charakter.
KulturSPIEGEL: Graffiti und angemalte Schuhe kennt die Teenagerkultur seit mehr als 40 Jahren. Was unterscheidet Jonathan und seine Freunde von den Graffitikids im Rest der Welt?
Clark: Die meisten Kids experimentieren irgendwann einmal mit ihrer Identität, indem sie ihr Aussehen verändern. Für die meisten Kids bleibt das meist ohne Folgen, aber für Jonathan und seine Freunde hatte die Art, wie sie sich präsentierten und neu erfanden, ernste Konsequenzen. Sie leben in South Central. Dort sind HipHop und weite Klamotten angesagt. Enge, zerrissene Kleidung wie die von Jonathan bedeutet in diesem Zusammenhang eine extreme Individualität, die gefährlich werden kann. Es gibt Drive-by-Shootings, schon ein Schulweg von zwei Blocks kann sehr ungemütlich sein. Man selbst zu sein bedeutet für diese Jungs eine extreme Abgrenzung. Sie nannten ihre Klamotten "Young Clothes" - "Junge Kleidung".
KulturSPIEGEL: Sie gelten als legendärer Experte, was den sogenannten Street Style, den Stil der Straße, angeht. Wann sagt Ihnen Ihr Instinkt, dass Sie es mit einem interessanten Phänomen zu tun haben?
Clark: Es muss visuell spannend sein, und ich muss dazu den Eindruck haben, dass dieser Stil Ausdruck eines interessanten Lebens ist. Genau das war bei Jonathan und seiner Clique der Fall. Sie hörten Punk-Rock, tranken keinen Alkohol, nahmen keine Drogen und hatten trotzdem mehr Spaß als die meisten Leute, die ich im Laufe meines Lebens kennengelernt habe. Für mich war das eine Entdeckung. So wie es aussieht, war ich 40 Jahre mit den falschen Leuten zusammen.
KulturSPIEGEL: Sie fotografieren junge Menschen nun schon seit mehr als 40 Jahren. Hat sich in Ihren Augen das Jungsein in dieser Zeit verändert?
Clark: Es ist eine völlig andere Welt heute als in den sechziger Jahren. Heute gibt es dank des Internets jede Information zu allem Möglichen. Als ich jung war, hatte ich das Gefühl, in einer Welt zu leben, in der die meisten Dinge geheim gehalten wurden und sich hinter verschlossenen Türen abspielten. Amerika damals, das war Moms Apple Pie und der weißgestrichene Vorgartenzaun. Ich aber sah ganz andere Dinge. Ich kannte Kinder, die mit blauen Augen zur Schule kamen, weil sie von ihren Eltern verprügelt wurden. Eltern, die tablettenabhängig waren, die tranken und Drogen nahmen. Ein Mädchen in meiner High School hatte ein inzestuöses Verhältnis mit ihren fünf Brüdern - niemand sprach darüber. Deshalb war mein Anspruch, als ich anfing zu fotografieren: Ich will alles zeigen - also genau jene Dinge, die verborgen sind hinter der geheimen Wand.
KulturSPIEGEL: Ihr radikaler Realismus beeinflusste Hollywood - Regisseure wie Martin Scorsese und Gus Van Sant ebenso wie die Fotografin Nan Goldin. Ihre schonungslosen Bilder waren Vorbild für einen Stil, der in den neunziger Jahren in der Modefotografie unter dem Namen "Heroin Chic" Furore machte. Hatten Sie 1971, als Sie in Ihrem ersten Buch "Tulsa" eine Schwangere zeigten, die sich eine Spritze setzt, das Gefühl, zu einer Avantgarde zu gehören?
Clark: Als ich 18 war, wusste ich, dass ich raus musste aus Oklahoma, weg von den Drogen. Ich ging auf eine Fotoschule, wo einem beigebracht wurde, eine Flasche Mineralwasser so zu beleuchten, dass sie sich gut verkauft. Die Ausbildung war kommerzielle Scheiße. Es gab sogar ein Fach namens Retouching, wo man lernen sollte, das Leben aus den Gesichtern der Porträtierten zu entfernen. Ich hielt mich an die Maler und Bildhauer, die einen Stock über uns studierten, und begann einfach meine Bekannten und ihr geheimes Leben zu fotografieren.
KulturSPIEGEL: Eine Menge Leute kritisieren Ihre Arbeit bis heute. Eine Journalistin der "New York Times" schrieb über eine Gesamtschau von Ihnen in Manhattan, Ihre Bilder seien "düster, traurig und letztlich ekelhaft". Verleiht Ihnen derartige Ablehnung zusätzliche Energie?
Clark: Ich verstehe, warum manche Leute sich provoziert fühlen und der Meinung sind, dass die Welt ein viel hübscherer Platz wäre, würde man viele Dinge nicht zeigen. Ich versuche bloß, die Wirklichkeit so widerzuspiegeln, dass sich die Abgebildeten darin wiedererkennen können. Denn genau das ist mein Ansatz. Nicht die Kritikerin der "New York Times" soll sich in meinen Bildern erkennen, sondern die Menschen, die ich fotografiere - deren Leben will ich dokumentieren.
KulturSPIEGEL: Werbung und Modefotografie haben diese Haltung von Ihnen längst übernommen und setzen Symbole, Stil und Lebenshaltung der Gegenkultur für ihre kommerziellen Zwecke ein. Am Ende geht es der Industrie aber nur um eins: mit Ihrem Lebensgefühl Klamotten verkaufen. Stört Sie das?
Clark: Diese Leute stehlen von jedem. Das ist okay. Ich arbeite nicht in der Werbung, denn ich finde, sie kommt der Kunst in die Quere. Es gibt Regeln, wenn man als Künstler arbeitet, und ich käme nicht auf den Gedanken, sie zu brechen. Denn das hat böse Folgen. Eine Menge Künstler verkaufen sich an den Kommerz - sie kommen nie mehr zurück.
KulturSPIEGEL: Stellen jene 40.000 Dollar, die eine Jeans-Firma einem Fotografen Ihrer Liga am Tag bezahlt, für Sie keine Versuchung dar?
Clark: Auf der Kunsthochschule hatte ich eine Freundin. Sie rief mich neulich an. Wir sprachen über die alten Zeiten, und sie fragte mich, wie es mir so gehe. Ich sagte: "Ziemlich gut - ich habe mich nie verkauft." Sie sagte: "Diesen Ausdruck hört man heutzutage kaum noch." Ich glaube, in meinem Alter ist es sowieso zu spät, den "Sell-Out" zu erwägen. Die Arbeit war mir immer wichtiger als das Geld. Sonst wäre ich reich. Aber ein großer Scheck in der Post berührt mich nicht wirklich. Ich springe nicht in die Luft. Ich spüre kein Glücksgefühl. Mir geht es nur um die Arbeit. Ich bin nie zufrieden, und ich fühle mich nie wohl in meiner Haut. Ein gutes Foto macht mich glücklich. Aber nie zufrieden. Ich muss weiter, immer.
Das Interview führte Thomas Hüetlin
Fotograf Ryan McGinley: "Ich erfinde eine Utopie"
KulturSPIEGEL: Mr. McGinley, fühlen Sie sich mit 30 Jahren noch jung?
Ryan McGinley: Und ob. Ich fürchte, meine Freunde und ich sind alle noch sehr kindisch, wir haben genauso viel Spaß wie vor zehn Jahren.
KulturSPIEGEL: Ihre Bilder zeigen junge, häufig nackte Menschen, die ins Wasser springen, auf Bäume klettern, Sex haben. Alles wirkt sehr unverkrampft, auch unschuldig. Ist das Ihre Sicht auf die Jugend von heute, die Jugend des 21. Jahrhunderts?
McGinley: Diese Fotos handeln vom Jungsein, von den perfekten Momenten im Leben, aber mir ist es wichtig, dass sie zeitlos wirken. Klar: Sie müssen nach der Erfindung der Farbfotografie entstanden sein, aber niemand soll erkennen können, wann genau. Es sind ja auch keine digital aufgenommenen Bilder, die sind mir nicht sinnlich genug, da bin ich ganz altmodisch.
KulturSPIEGEL: Sie gelten als Porträtist Ihrer Generation - was sagen die Bilder also doch gerade über Leute in Ihrem Alter aus?
McGinley: Sie stehen für etwas, was für uns von Bedeutung ist, verraten etwas über unseren Wunsch nach Freiheit, unseren rebellischen Geist, aber auch über die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach einem glücklichen Ort, an dem einem nichts Schlechtes widerfahren kann - und an dem jeder nackt herumlaufen darf, wenn er Lust dazu hat.
KulturSPIEGEL: Also nach einem modernen Paradies?
McGinley: So ungefähr. Ich erfinde eine Utopie. Und in dieser Hinsicht bin ich ein Perfektionist, auf den Bildern muss alles passen, das Licht, die Farben. Wenn ich zu einem Dinner eingeladen bin und mein Tischnachbar fragt mich, welche Art Fotos ich mache, sage ich: Stellen Sie sich Schnappschüsse vor, die Nudisten bei ganz alltäglichen Tätigkeiten zeigen, außerdem Pornobilder der späten sechziger und frühen siebziger Jahre und dann noch die Aufnahmen aus Magazinen wie "Sports Illustrated" - meine Arbeiten haben von allem etwas.
KulturSPIEGEL: Sie gelten als jemand, der authentische Bilder für ein Lebensgefühl findet - schon deshalb, weil Sie oft Ihre Freunde fotografieren. Aber es ist alles inszeniert?
McGinley: Ich würde von Pseudo-Dokumentation sprechen, der Stil wirkt dokumentarisch. Und es sind tatsächlich meine Freunde oder Leute, die mich interessieren, mit denen ich herumreise, und zwar quer durchs Land. Alles, was Sie auf den Fotos sehen, ist so geschehen - auch der Sex. Aber es wäre nicht passiert, wenn wir nicht eigens zu dem Zweck losgefahren wären, diese Fotografien zu machen. Ich suche den Ort aus, bringe bestimmte Leute zusammen, dann lasse ich es laufen.
KulturSPIEGEL: Die Firma Puma hält Ihre Ästhetik für so imageprägend und konsumfördernd, dass Sie beauftragt wurden, ein Werbevideo zu drehen: Ein nacktes Paar fährt auf dem Fahrrad zwischen Obstbäumen entlang. Auch so ein Garten Eden. Offenbar treffen Sie damit den Zeitgeist.
McGinley: Wer träumt nicht von einer kleinen Flucht in die Natur. Aber Zeitgeist? Nein. Das ist nichts, was mich als Künstler interessiert. Da will ich etwas schaffen, was eine Gültigkeit hat, und etwas, was mich ausmacht.
KulturSPIEGEL: Andere Fotografen interpretieren das Thema Jugend sehr viel düsterer - wollten Sie mit dieser Tradition brechen?
McGinley: Mir erschien sie nur einfach zu extrem, diese Trash-Ästhetik, diese Atmosphäre von Verzweiflung - das war die Sichtweise dieser Fotografen. Ich habe mich, meine Freunde, nie so verstanden. Und meine Bilder erzählen einfach eine Menge über mich: Wären es Filmbilder, sie würden den Film meines Lebens ergeben.
KulturSPIEGEL: Wie meinen Sie das?
McGinley: Ich stelle eine Stimmung her, die ich mit meiner Kindheit in New Jersey verbinde. Die Atmosphäre in meinem Elternhaus war offen, ohne Berührungsängste. Wir sind sieben Geschwister, ich bin der Jüngste, und eigentlich wurde ich nicht von meinen Eltern erzogen, sondern von meinen Geschwistern, einem Haufen wilder Teenager. Wir haben über alles gesprochen. Auch über Sex. Aber natürlich gibt es in meiner Kunst auch diese allgemeine Ebene, der Betrachter soll sich einfach in den Bildern verlieren können.
KulturSPIEGEL: Die Leute darauf sind attraktiv, die Orte idyllisch. Wie wichtig ist Schönheit?
McGinley: Sehr wichtig. Die Schönheit eines Ortes, eines Körpers, einer Geste. Aber es sind vor allem bestimmte Typen, die ich gern fotografiere und die mich eben auch an meine Brüder und Schwestern erinnern.
KulturSPIEGEL: Nackte Körper, viel Natur, freie Liebe: Träumen Sie von einer neuen Flower-Power-Bewegung?
McGinley: Warum nicht? Ich liebe den rebellischen Geist der sechziger Jahre. Es wurde zur kollektiven Idee, der Einzelne müsse politisch werden, seine Stimme erheben. Und klar, es gab Drogen.
KulturSPIEGEL: An denen mangelt es heute auch nicht.
McGinley: Ich will keinesfalls für sie werben, aber ist es nicht in einem gewissen Alter normal, mit ihnen zu experimentieren?
KulturSPIEGEL: Zur Jugendkultur gehören auch Musik und Mode. Was hat Sie geprägt?
McGinley: Trends waren mir nie wichtig. Als Jugendlicher war ich Skateboarder, das war meine Welt und die meiner Freunde, und sie war anders als heute. Wir waren damals echte Außenseiter. Musik? Da war mein Geschmack nicht gerade altersgemäß: Ich mochte die Sex Pistols oder Patti Smith, Punkrock und auch Ska.
KulturSPIEGEL: Sie haben sich eine Zeile von The Who ausgeliehen und Ihre erste größere Schau "The Kids Are Alright" genannt. War das eine Aufforderung zu mehr Gelassenheit im Umgang mit der Jugend?
McGinley: Es war kein gesellschaftspolitisches Statement. Mir erschien dieser Satz einfach passend. Wir waren, sind ja auch ganz in Ordnung. In einem gewissen Alter ist es einem sehr wichtig, Regeln zu brechen, nur zu tun, was man selbst will. Aber das muss niemanden beunruhigen.
KulturSPIEGEL: Ihre Arbeiten waren vor einiger Zeit in der Frankfurter Ausstellung "Die Jugend von heute" zu sehen. Eine These lautete, die Jugendlichen seien erwachsener als ihre Eltern, die nämlich verhielten und kleideten sich wie Teenager ...
McGinley: ... für meine Eltern galt das nie.
KulturSPIEGEL: Dennoch: Sind die Teens und Twens heute früher reif?
McGinley: Eher cleverer, smarter als früher. Sie sind es gewohnt, sich über alles sofort im Internet zu informieren. Sie wollen genau wissen, was war, was ist, was kommen wird. Selbst in meiner Kindheit musste ich erst noch alles in Büchern nachschlagen. Und wenn ich etwas über eine bestimmte Musik wissen wollte, kaufte ich die Platte. Heute wird alles gegoogelt.
KulturSPIEGEL: Oder man stellt private Fotos und Videos ins Netz. Gibt es eine neue Kultur, eine neue Ästhetik der Selbstinszenierung?
McGinley: Auf jeden Fall. Jeder ist ein Fotograf, ein Regisseur. Das ist phantastisch, jeder bestimmt selbst darüber, was er preisgeben will. Was privat, was öffentlich ist, wird gerade neu definiert. Für mich gab es da ohnehin nie eine Grenze. Das hat weniger mit Selbstdarstellung zu tun. Mir ging es dabei immer um das Gefühl, nichts verstecken, verbergen zu müssen. Ich packe alles auf den Tisch.
KulturSPIEGEL: Versteht nur, wer selbst jung ist, die Jugend?
McGinley: Ich glaube, das Alter spielt keine Rolle. Für Künstler gibt es da keine Regeln. Höchstens eine. Ein Künstler sollte Risiken eingehen, neue Dinge ausprobieren, sich entwickeln.
Das Interview führte Ulrike Knöfel