Nam June Paik "So wunderbar anarchisch"
SPIEGEL ONLINE:
Sie gelten als der Vater der Videokunst. Warum arbeiten Sie nach jahrzehntelangem Experimentieren mit Video plötzlich mit Laserprojektionen? Haben Sie die Nase voll von flimmernden Fernsehern?
Paik: Nein, diese Projektionen sind für mich die Kunst der Zukunft. Laser wirken sehr mystisch, sehr transzendental. Genau das gefällt mir. Ich habe von Laserarbeiten geträumt, nachdem ich den Schlaganfall hatte.
SPIEGEL ONLINE: Im Guggenheim Museum leiten Sie grüne Laserstrahlen im Zickzack durch einen Wasserstrahl gen Himmel - die Arbeit heißt "Jacob's Ladder", nach der Himmelsleiter, die der biblische Erzvater Jakob im Traum sah. Sind Sie nach Ihrem Schlaganfall religiös geworden?
Paik: Wenn die Hälfte des eigenen Körpers plötzlich ausfällt, wird man natürlich ein bisschen religiös. Aber der Titel stammt aus der Oper "Moses und Aaron" von Arnold Schönberg, den ich sehr verehre. Mein Lebensstil hat sich verändert, ich kann nicht mehr so viel herumreisen und habe mehr Zeit zum Nachdenken. So kam ich auf die Idee mit dem Laser. Ich habe auch schon vor fünf Jahren (August 1995, Anm. der Red.) in der Loreto-Barock-Kapelle bei Münster eine Laser-Installation gezeigt - in der Kirche fanden Barockkonzerte statt, und ich habe sie mit elektronischen Bildern bemalt, wie ein Fresko. Das war Musik zum Sehen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Deutschland Musik studiert und mit einer Arbeit über Schönberg abgeschlossen. In Deutschland haben Sie sogar mit dem Avantgarde-Komponisten Karlheinz Stockhausen gearbeitet. Wollten Sie nie Musiker werden?
Paik: Wollte ich schon, aber meine Finger wollten nicht. Als ich 13 war, brach ich mir zwei, da war es mit der Pianistenlaufbahn vorbei. Also beschloss ich, Komponist zu werden.
SPIEGEL ONLINE: In den sechziger Jahren haben Sie dann aber lieber das Fernsehen zur Kunst erhoben. Wie kam das?
Paik: Ich war ein sozialer Denker. Das Fernsehen war damals überall präsent, so mussten wir einfach darüber nachdenken. Ich wollte das Fernsehen zu einer Kunstform erheben, die ebenso hoch geschätzt wird wie die Musik von Johann Sebastian Bach. Es gab eine Menge junger Leute, die ähnlich dachten. Wir experimentierten. In Amerika bin ich zum erstenmal 1965 aufgetreten. Ich komponierte elektronische Musik, weil ich dachte, das wäre eine intelligente Verbindung zum TV. Die elektronische Musik sollte sich zu einer Vision verbinden. Ich habe mich damals mit Mathematik und mit Zahlen beschäftigt, nach diesem Prinzip wollten wir Bilder produzieren. So sind einige sehr schöne Arbeiten entstanden.
SPIEGEL ONLINE: Ihren Durchbruch erlebten Sie aber in Deutschland...
Paik: Oh ja, in Deutschland habe ich eine Art sexualisierte Musik erfunden. Ich habe zunächst keine Musikerin gefunden, die nackt für mich spielen wollte. In Japan habe ich auch gesucht, aber klassische Musik war damals vor allem eine Sache für den Mittelstand, da waren die Mädels sehr prüde und verstanden nicht, was ich wollte. Dann fand ich Charlotte Moorman, sie war ein aufmüpfiges Ding, ein wirklich starkes Mädchen und eine ausgezeichnete Cellistin. John Cage hatte sogar ein paar Stücke für sie komponiert. Mit ihr trat ich auf. Es ist schade, dass sie die Ausstellung nicht mehr miterleben kann. Sie starb 1991.
SPIEGEL ONLINE: Nutzen Sie das Internet?
Paik: Dazu braucht man so viel Geduld! Ich habe keine Lust, 15 Minuten zu warten, bis ich 30 Sekunden lang einen Film in Briefmarkengröße angucken kann. Da gebe ich vorher auf. Grafisch gibt das Internet schon viel her, aber meine Filme schneide ich lieber auf Video. Irgendwann wird es wachsen. Bis dahin gucke ich CNN; seitdem ich im Rollstuhl sitze, erfahre ich so, was in dieser Fashion-World der Supermodels vor sich geht! Haben Sie an Silvester ferngesehen?
SPIEGEL ONLINE: Nein, warum?
Paik: Da gab es eine fantastische globale Sendung! Einspielungen über den Jahreswechsel aus der ganzen Welt konnte man sehen. PBS hat ein zehnminütiges Band über die demilitarisierte Zone in Korea von mir gesendet. Es hieß "Tiger Lives". Ich habe schon eine ganze Reihe von Live-TV-Sendungen produziert, auch mit Joseph Beuys, die über Satellit 20 Millionen Menschen erreicht haben.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die "Toten Hosen" auch im Fernsehen entdeckt?
Paik: Nein, das war mein deutscher Freund Ingo Günther. Er hat mir ein paar Videobänder von einer TV-Übertragung aus der Millenniumsnacht geschickt. Ich mag alles, was in Bewegung ist. Campino ist wunderbar anarchisch! Im Guggenheim Museum werde ich ein paar ihrer Songs in einer Installation mit einhundert auf dem Boden liegenden Fernseh-Monitoren spielen, aber nur die lauten! Die "Toten Hosen" werden einmal so berühmt wie Bach!
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Pläne nach der Ausstellung in New York?
Paik: Aber ja, ich will Videoausstellungen - von Bill Viola, Tony Oursler und den Leuten rund um Marshall McLuhan - nach China bringen! Wir brauchen nur noch das Geld dafür aufzutreiben. Wir legen einen Stop in Korea ein, versuchen, einen koreanischen Sponsor zu gewinnen und schon sind wir in China!
"The world of Nam June Paik", bis 26.4.2000 Guggenheim Museum New York