NDR-Doku über Loki Schmidt Für Exzesse ist kein Platz im Reihenhaus
Eine ältere Dame geht am Elbufer spazieren. Gleich darauf steht sie in ihrer Küche, hantiert mit einem Wasserkocher und sagt: "Diesen Kessel hat mir meine Tochter aus England mitgebracht, damit ich nicht solange rumstehe in der Küche." Es sieht alles nicht nur sehr ordentlich, sondern auch porentief sauber aus. Die Küche ist aufgeräumt, als würde sie nur zum Teekochen benutzt, und die ältere Dame in derhochgeschlossenen Bluse mit dem Mao-Kragen könnte ihre eigene Haushälterin sein: Loki Schmidt, vor 85Jahren als Hannelore Glaser geboren, ist ein schönes Beispiel dafür, wie man in Würde alt werden kann, wennman Glück im Leben hatte und sich nie zur Ruhe gesetzt hat. Ihren Mann, Helmut Schmidt, nennt sie einen "ehemaligen Klassenkameraden", sie haben sich in derSexta der Lichwark-Schule kennengelernt, aber Liebe auf den ersten Blick war es nicht, die kam erstspäter. "Nun sind wir inzwischen 61 Jahre verheiratet und finden das beide sehr angenehm."Es ist die Art von Understatement, wie sie unter hanseatischen Ehepaaren üblich ist: Was anLeidenschaft fehlt, wird durch Disziplin und Zuverlässigkeit ausgeglichen. Sie hätten sich, erzähltLoki, "noch niemals gezankt", nur einmal sei sie auf ihn so böse gewesen, dass sie ihm "etwas an den Kopfwerfen" wollte, es war in der Zeit vor der Währungsreform, und sie überlegte sich: "Das darfnichts sein, das man nicht kaufen kann, das man nicht ersetzen kann", und da habe sie ihm "einen nassenLappen an den Kopf geworfen". Er aber würde so weit nie gehen: "Helmut hat ganz viel Gefühl, aber er kanndas sehr sorgfältig verstecken." Zum 70. Geburtstag, also vor 15 Jahren, schenkte Helmut seiner Loki ein Gewächshaus, "weil er meinte, fürs Alter sollte ich etwas zu tun haben. Dass das etwas voreilig war, haben wir inzwischen begriffen". Die gelernte Lehrerin, Hobby-Botanikern und passionierte Naturschützerin hält sich in ihrem Garten ebenso gerne wie in ihrer Küche auf. "Ich bin noch nie eine Emanze gewesen und werde es auch nie werden." Sie kocht am liebsten Suppen, zu Essen gibt es viel Obst und Gemüse aber wenig Fleisch und man trinkt nur Tee bei den Schmidts. Für Exzesse ist kein Platz in dem Reihenhaus. Schon mit 25 habe sie begriffen, worauf es ankommt: "Man muss seinen Gartenzaun enger ziehen, unddamit es nicht so auffällt, sollte man Rosen drum pflanzen." Erst jetzt, im Alter, "fangen wir beide an,gelegentlich abends albern zu werden, dann singen wir oder wir dichten".Es ist das vollkommene Glück, als würde man einen Roman aus dem 19. Jahrhundert lesen, als Ehen wirklichnoch fürs Leben und nicht für eine Doku-Soap geschlossen wurden, als es eine klare Rollenteilungzwischen Männern und Frauen gab und "Emma" ein beliebter Name für Dienstmädchen war. "Ihnen sind doch dann Erfahrungen mit anderen Männern entgangen, dadurch, dass Sie sich so früh auf Helmut eingestellt haben", sagt der Reporter. "Woher wissen Sie das so genau?", fragt Loki zurück. "Also nicht?", setzt der Reporter nach. "Darüber sollte man im Alter nicht mehr reden", stellt Loki klar. Ende der Erotik-Strecke. Der Rest ist Einsicht in die Notwendigkeiten. Auf die Frage, wie denn die Rolle einer Politiker-Ehefrau wäre, antwortete Loki schon vor Jahren mit einem Wort: "Untergeordnet."Was aber nur bedingt stimmt, denn Loki hat viele Reisen in alle Welt gemacht, um bedrohte Pflanzenartenaufzuspüren und sie ist bei der großen Hamburger Lichterkette gegen Ausländerfeindlichkeit mitgelaufen, um gegen das lasche Verhalten der Politiker zu demonstrieren. Das war allerdings erst, nachdem Helmut Schmidt als Bundeskanzler abgewählt worden war.Es gibt nur einen kurzen Moment im Film, da Loki ein wenig die Contenance verliert und für ihreVerhältnisse emotional wird. Da will der Reporter wissen, warum sie und Helmut in der Nazi-Zeit nichtweggegangen sind, so wie Willy Brandt. "Hier war unser Zuhause, mein Elternhaus war so arm, es war nieeine Erwägung, wir konnten nicht mal verreisen." Der Reporter will es genauer wissen: "Auch Willy Brandt war genauso arm wie ihre Familie." Loki wird leicht ungehalten. "Er war fünf Jahre älter als wir, das ist beinahe eine andere Generation. Er war politisch schon aktiv, während wir noch halbe Kinder waren." Der Reporter gibt nicht auf. "Helmut war ja Leutnantim Krieg..." - "Er war nicht Leutnant, er war Oberleutnant, er ist auch Kanonier gewesen", korrigiert Loki. "Man musste ja als Anti-Nazi dienen, aber man musste nicht Oberleutnant werden", gibt derReporter zu bedenken. Worauf Loki den Tonfall wechselt. "Das können Sie nicht beurteilen, Sie haben in der Zeit nicht hier gelebt, das können Sie, entschuldigen Sie, nicht beurteilen." Und es klingt wie ein Vorwurf an einen, der es in schwerer Zeit besser hatte, weil er nicht an die Front musste.Spätestens an dieser Stelle muss gesagt werden, wer diesen schönen und schön altmodischen Film zu Lokis 85. Geburtstag gemacht hat: Georg Stefan Troller. 1921 in Wien geboren, floh er 1938 nach der Kristallnacht indie Tschecheslowakei, war in Frankreich als "feindlicher Ausländer" interniert und schaffte es im Sommer 1941, in die USA zu entkommen. Dort arbeitete er in "Sweatshops" und als Buchbinder, bevor er 1943 im Range eines Corporals mit der US-Armee über Nordafrika nach Europa zurückkehrte. Da Troller Deutsch konnte, war es seine Aufgabe, deutsche Gefangene zu verhören. Nach einem Jahr in München ging er wieder in die USA, studierte in Los Angeles Anglistik und kam 1949 mit einem Fulbright-Stipendium an die Sorbonne. Seitdem lebt der Wiener Jude Troller als amerikanischer Staatsbürger in Paris. Als George W. Bush zum Präsidenten gewählt wurde, wollte er seinen US-Pass zurückgeben, "zum ersten Mal in meinem Leben", aber dann überlegte er sich anders, denn "Bush ist nicht Amerika". Troller ist beinah so alt wie Loki und aus dem gleichen Holz gemacht - das heißt, er hat immergearbeitet und denkt nicht ans Aufhören. Von 1962 bis 1997 drehte er für den WDR ("Pariser Journal") und dasZDF ("Personenbeschreibung") rund 150 Filme, mit denen er sich einen Namen als freundlicher Dokumentaristund seriöser Unterhalter gemacht hat. Troller hat eine Begabung, Leute zum Reden zu bringen und kurioseSituationen festzuhalten. Er ist, gemeinsam mit Gerd Ruge, der letzte der klassischen "Filmemacher", dieauf Gimmicks verzichten und dem Bild und dem Wort vertrauen. Und er bleibt, wie es sich gehört, im Hintergrund, ist nur aus dem Off zu hören. So dreht sich alles um Loki, die morgen 85 wird, und ihren Mann, den Ex-Bundeskanzler. Troller sagt "Loki"zu Loki und er sagt "Herr Schmidt" zu Helmut. Aber so richtig kommen der Oberleutnant und der Corporal nichtmiteinander ins Gespräch. Beim Schachspiel mit Loki knurrt Herr Schmidt: "Man kann nicht immer gewinnen"und denkt laut über die "allgemeine Benachteiligung von Frauen in der menschlichen Gesellschaft" nach:"Frauen kriegen die Kinder, das ist wesentlich wichtiger." Die Macht, die er bis 1982 ausübte, hat ihm seitdem "keinen Tag gefehlt, keinen einzigen Tag".Und so erleben wir zwei Menschen, die mit sich und ihrem Leben vollends zufrieden sind und weder Trauer nochWehmut kennen. Und diese totale, wenn auch gedämpfte Zufriedenheit ist schon fast unheimlich. Loki, nachder einige Pflanzen benannt wurden, hat "keine Angst vor dem Tod" und nicht einmal "den Ehrgeiz, dass vonmir viel nachbleibt". Sie weiß: "Atome und Moleküle vergehen nicht", sie setzen sich immer wieder neuzusammen.Ganz zum Schluss möchte Troller von Loki wissen, ob sie sich "ein Paradies ohne Pflanzen und ohne Tiere"vorstellen könne. "Das gibt es nicht", antwortet Loki, "ohne Menschen durchaus, denn das Leben auf derErde, das kann wunderbar existieren ohne uns verrückte Menschen". Nur ohne die Brennnessel und den Löwenzahn wäre das Leben halb so schön.