Neue N3-Gastgeber: Das große Schnattern - DER SPIEGEL
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Neue N3-Gastgeber Das große Schnattern

Fernsehköche, Volksmusikanten und Horoskopschreiberinnen: Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt als Gastgeber der NDR-Talkshow versammelten Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt die üblichen Talk-Statisten um sich - zur Nabelschau.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wollten Sie immer schon mal wissen, was Birgit Schrowange alles kochen kann? In einer Art frühkindlichem Singsang zählte die RTL-Frau gestern Abend auf, was daheim auf dem Herd steht: Möhrchen und Kartoffelbrei, Erbsen und Nudeln. Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt machte kurz den Versuch, den einschläfernden Wortschwall zu unterbrechen. Dann lehnte er sich zurück, murmelte matt "ich will ja nicht stören" und überließ Schrowange sich selbst.

Ein paar Minuten später wachte der Gastgeber wieder auf und schaltete sich erneut ein. Schrowange plapperte inzwischen gerade etwas davon, wie sie Mutter und Vater einst mit Darbietungen erfreute hätte. Meyer-Burckhardt fragte knallhart nach: "Wie macht man denn nun Privatfernsehen für die Eltern?" Aber irgendwie war das Interesse für den Gast da schon erloschen, weshalb sich der Moderator schnell seiner Kollegin Barbara Schöneberger zuwandte. "Barbara gibt ja immer ein 'Stern'-Interview, wenn sie eine neue eigene Sendung haben will."

Offensichtlich hat das mit dem Interview diesmal wieder prima geklappt. Denn nach unterschiedlich erfolgreichen Shows für ProSieben, ZDF oder RTL ist die robuste Unterhaltungsallrounderin jetzt beim NDR angekommen, der mit seiner hauseigenen Talkshow eine der traditionsreichsten Institutionen des Genres ausrichtet.

Sicher, man muss die spezielle Gesprächsmischung der NDR-Talkshow schon mögen. Mal kommt sie daher wie ein entfesselter Spieleabend bei einem verregneten Dänemark-Urlaub, mal wie ein Intimtalk aus der Promi-Backstagekabine. In ihren besten Momenten war sie immer beides – und somit Berieselung auf hohem Niveau.

Die Kombination aus Meyer-Burckhardt und Schöneberger versprach nun, neue Impulse in die Show zu bringen, die zuvor von Julia Westlake und Jörg Pilawa auf Vorabendformat runtergeplappert worden war. Die Mischung erschien perfekt: Meyer-Burckhardt, der schon in der zweiten Hälfte der Neunziger beim NDR talkte, ist ein Mann des charmanten Nachhakens. Schöneberger eine Meisterin darin, allzu eitles Promi-Gelaber im eigenen divaesken Gestengewitter zum Verstummen zu bringen. Man durfte also hoffen, dass den geladenen Öffentlichkeitsarbeitern nicht allzu viel Raum zur Eigenwerbung gegeben wird.

Die Hoffnung wurde leider bitterlich enttäuscht. Die erschreckend einfallslos zusammengestellte Talkmischpoke aus Fernsehköchen, Volksmusikanten und Horoskopschreiberinnen wurde mehr oder minder sich selbst überlassen. Barbara Schöneberger zog zwar die Augenbrauen zusammen wie eine Gouvernante, die Selbstbezüglichkeit ihrer Gäste konnte sie damit aber nicht im Zaun halten – weil sie einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. Immer wieder kam sie aufs eigene N3-Debüt zu sprechen, und gleich zu Anfang ließ man die Tarotkarten-schwingende Astrologin Hermine-Marie Zehl die Chancen des eigenen Erfolgs beleuchten. Für echte gute Gespräche war bei diesem egomanischen Geschnatter kaum Platz.

Am auffälligsten war das bei Stefanie Hertel und Stefan Mross, dem Traumpaar des deutschen Trachtenstadl. Die beiden hatten sich als Kinderarbeiter der Volksmusik schon in ihren frühen Teenagerjahren kennen gelernt, später wurden sie öffentlichkeitswirksam ein Paar. Sicher hätten ein paar geschickt platzierte Fragen Erkenntnisse über das komplizierte Zusammenspiel von Kinderfreundschaft und Geschäftsbeziehung zutage fördern können.

In der Vorbereitung haben sich Meyer-Burckhardt und Schöneberger da wohl einige Strategien ausgedacht. Doch dann eröffnet Meyer-Burckhardt sein Gespräch mit den Worten: "Barbara und ich haben uns gefragt, ob sie eine richtige Kindheit gehabt haben." Bei so einem Brachialeinstieg wird der Mustervolksmusikant, der seine heile Stadl-Welt verteidigen will, natürlich misstrauisch. Und so betrieben Hertel und Mross im Anschluss umso gnadenloser Eigenwerbung. Sie berichtete, wie beliebt sie einst bei ihren Mitschülern war, und er verteidigte mit kernigen Sprüchen seinen Ruf als "Robbie Williams der Volksmusik".

Im Anschluss promoteten dann noch Jürgen von der Lippe sowie die Fernsehköche Johann Lafer und Horst Lichter ihre Produkte und Produktionen. In anderen Talkshows haben sie schon mal dasselbe gesagt. Wozu also das ganze Gerede?

Vielleicht ja für diesen einen eindringlichen Moment: Denn neben all dem Showpersonal war auch Lothar Kannenberg geladen, der vielleicht bekannteste Jugendarbeiter dieser Tage, der mit seinem Box-Camp für kriminelle Halbwüchsige immer wieder in der momentan tobenden Gewaltdiskussion zitiert wird. Mit einer einzigen konkreten Frage brachte Meyer-Burckhardt eine intensive Erzählung in Gang. "Wie wichtig war es, dass Sie Ihr Vater geschlagen hat?"

Der Boxer mit der breit gekloppten Nase berichtete von seiner Karriere als Angstschläger, der beinahe seinen Erzeuger umgebracht hätte. So wurde die entgleiste gesellschaftspolitische Debatte, in der Kannenberg immer wieder instrumentalisiert wird, auf eine höchst persönliche, von falschen Sentiments und Ressentiments befreite Leidensgeschichte runtergefahren. Und das war vor allem eben deshalb möglich, weil Meyer-Burckhardt und Schöneberger den Gast endlich mal aussprechen ließen.

Am Ende sollte es dann allerdings wieder heiter werden, weshalb Astrologin Zehl aufgefordert wurde, noch mal ihre Tarot-Karten rauszuholen. Barbara Schöneberger schließlich bekam ein Kärtchen, auf dem eine Frau zu sehen war, die von einer Eisenkugel ins Wasser gezogen wurde. Das suizidale Szenario befeuerte dann noch mal kurz vor dem Abspann ihre schlimmsten Ängste. "Ja, ab jetzt will ich schweigen", schrie die Neu-Talkerin und stürzte sich theatralisch ins Auditorium.

Nein, Schweigen wäre übertrieben. Vor dem Reden auch mal an die anderen zu denken, wäre aber ganz schön.

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