Neue Staffel "Schillerstraße": Antithese zum Teleprompter-TV - DER SPIEGEL
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Neue Staffel "Schillerstraße" Antithese zum Teleprompter-TV

Die "Schillerstraße" ist spontan, frivol und durchaus witzig - und damit der natürliche Feind aller Fernsehnasen, die sich nur mit Moderationskarten sicher fühlen. In der neuen Staffel bekommen die Ad-hoc-Routiniers diesmal prominente Unterstützung: Jürgen Vogel zieht ins Gaglabor ein.
Von Peer Schader
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was ist eigentlich mit Jürgen Vogel los? War der Mann nicht mal Schauspieler und hat, ganz altmodisch, in Filmen mitgespielt, die nachher ins Kino gekommen sind? Gibt es keine neuen Angebote? Oder spielt er schneller als sein Schatten und ist besonders schnell fertig?

In den vergangenen Monaten war Vogel jedenfalls auffällig oft im Fernsehen zu sehen. Und damit ist nicht mal unbedingt seine Rolle als Drogenhändler in der düsteren ZDF-Krimiserie "KDD – Kriminaldauerdienst" gemeint. Sondern eher die Auftritte, bei denen man sich ein bisschen wunderte: Für den Männersender Dmax ließ sich Vogel filmen, wie er mit riesigen Baumaschinen durch die Sendung "Fat Machines" walzte. Bei ProSieben alberte er sich mit Bully Herbig in der Jury durch dessen "Wickie"-Castingshow. Und als Gast staunte er sogar bei "The Next Uri Geller" artig über die Tricks der vermeintlich übersinnlichen Illusionisten.

Danach konnte man ein bisschen Angst bekommen, die nächste Stufe würde Vogel automatisch zu "Germany's Next Topmodel" katapultieren, wo er den Kandidatinnen dann als Juror das Schauspielen beibringen würde und Heidi Klum, dass man auch als Topmodel mehr als einen Gesichtsausdruck mit sich herumtragen darf.

Aber so schlimm ist es dann doch nicht gekommen. Vorerst.

Jetzt zieht Vogel bei Sat.1 erst mal in die "Schillerstraße" ein, die früher von Cordula Stratmann bewohnt wurde, mal sehr erfolgreich war und dann so oft über den Bildschirm lief, dass irgendwann nicht nur die Schauspieler keine Lust mehr hatten, sondern auch die Zuschauer.

Dabei gehört "Schillerstraße" zu den wenigen Sendungen, für die das deutsche Fernsehen mal keine Vorlage aus dem Ausland einkaufen musste. Eine paar Comedians treffen sich auf einer als Wohnzimmer eingerichteten Bühne, um Alltagsgeschichten zu spielen. Ein Drehbuch gibt es nicht, nur die Regieanweisungen der unsichtbaren Moderatorin Maike Tatzig, die den Darstellern ihre Befehle direkt ins Ohr flüstert, ohne dass die anderen Bescheid wissen. Das Studiopublikum bekommt die Anweisungen auf einer Videotafel angezeigt – und lacht deshalb meist schon, bevor sie überhaupt befolgt wurden.

Keine Angst vor Spontaneität

Dieses Konzept ist eigentlich erstaunlich für ein Medium, das sich vor nichts so sehr ängstigt wie vor Spontaneität. Sonst bräuchte DSDS-Ansager Marco Schreyl nicht Unmengen von Karteikarten für seine Moderationen, und die Teleprompterindustrie bekäme längst Finanzspritzen vom Staat. Im Fernsehen, das immer dann am besten ist, wenn es Situationen nicht kontrollieren kann, und das gleichzeitig alles Mögliche unternimmt, um sich dem so selten wie möglich auszusetzen, war "Schillerstraße" ein kleiner Lichtblick.

Dass Vogel jetzt quasi zum Hauptdarsteller ernannt wurde, ist vor allem ein toller PR-Gag um der Sendung wieder Aufmerksamkeit zu verschaffen. Außerdem hat der Mann zweifelsfrei Humor. Gleich in der ersten Folge spielt er den Schauspieler Jürgen Vogel, der von Berlin nach Köln kommt und in die Wohnung ziehen will, die früher einmal Stratmann gehörte – und schlägt sich ganz gut.

Das einzige Problem, dass der neue Hauptmieter bekommen könnte, ist, dass die meisten seiner Kollegen ihm die Show stehlen, weil sie bereits eine Spur vertrauter mit den unausgesprochenen Regeln im Improvisationstheater sind und deshalb ihre Gags besser plazieren können.

Von einem wie Martin "Maddin" Schneider mag ja jeder halten, was er will – aber in "Schillerstraße" sitzt bei ihm beinahe jeder Witz, weil er genau weiß, welche Rolle er zu spielen hat. Und selbst Oliver Pocher nervt als Gast in der "Schillerstraße" kein Stück, weil ihm seine Großspurigkeiten sofort von den Kollegen heimgezahlt werden.

Als Opfer ist er toll

Es ist wirklich zum Brüllen komisch, wenn Pocher in der Auftaktfolge der neuen Staffel von der vermeintlichen Wohnungsvermieterin Ilka Bessin in den Schwitzkasten genommen wird, weil sie demonstrieren will, wie mit Leuten umgegangen wird, die ihre Miete nicht pünktlich zahlen – und wie sich das im Laufe der Zeit zum Running Gag entwickelt, unter dem Pocher immer wieder zu leiden hat. Als Opfer ist er toll, und Bessin, die sonst die nervige "Cindy aus Marzahn" spielt, möchte man augenblicklich raten, nie wieder ihr Prollkostüm anzulegen, weil sie sich ohne Perücke und Trainingsanzug einfach auf ihren trockenen Humor verlassen kann.

Damit sich Vogel nicht alleine einzuspielen hat, stellt ihm Sat.1 freundlicherweise einige neue Kollegen zur Seite, die in der laufenden Staffel zeigen können, was sie drauf haben: unter anderem Lisa Feller, die sich in der ersten Folge ebenfalls als Nachmieterin empfiehlt. So bietet "Schillerstraße" jungen Comedians die Möglichkeit, sich auszuprobieren.

Demnächst sollen aber auch bekannte "Schillerstraße"-Gesichter wie Bernhard Hoëcker, Dieter Nuhr und Tetje Mierendorf wieder auftauchen.

Der Start ist jedenfalls gelungen – für alle, die keine große Geschichte erwarten, sondern einfach ein paar gut gelaunte Gags, die genau für den Moment halten, in dem sie gemacht werden. Länger ist auch gar nicht nötig, um sich am Freitagabend ein Stündchen gut unterhalten zu lassen.


"Schillerstraße", freitags um 20.15 Uhr, Sat.1.

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