Neue TV-Soaps: Boot-Camp mit Adenauer-Flair - DER SPIEGEL
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Neue TV-Soaps Boot-Camp mit Adenauer-Flair

Das Fernsehen verroht die Sitten? Nicht, wenn es nach ZDF und ARD geht. Mit "Die harte Schule der 50er Jahre" (Start: heute Abend) und "Windstärke 8" präsentieren die beiden Sender zwei hoch anständige Retro-Soaps - und brechen eine Lanze für wertkonservative Biederkeit.
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Fanta, Hanuta, Marlboro. So schmeckt die Freiheit. Für einen kurzen Nachmittag nehmen Kera und ihre Freundinnnen Reißaus in die Gegenwart, rauchen, saufen und fressen sich den Frust von der Seele. Doch der Preis ist hoch, als ihr ungenehmigter Ausflug auffliegt. Die Mädchen werden gleich eines doppelten Vergehens angeklagt: Sie haben den sittlichen Code der Lehranstalt verletzt und zugleich die Simulation des Retro-Kosmos', dessen Teil diese Lehranstalt ist. Ein paar Extrarunden bei der morgendlichen Körperertüchtigung erscheinen eine angemessene Sanktion. Die Lehrer verfügen die Abstrafung, der Regisseur dieser Retro-Soap dürfte sie als Genugtuung empfunden haben. Immerhin hätten die jungen Delinquentinnen beinahe die Show vermasselt.

"Die harte Schule der 50er Jahre" heißt diese Show und konfrontiert 24 Jungen und Mädchen zwischen 16 und 17 mit dem verschärften Unterrichtswesen der Nachkriegszeit. Einen Monat lang setzen sich die Teilnehmer auf Schloss Hohenfels, wo sonst das reale Elite-Internat Salem untergebracht ist, der mentalen Züchtigung aus. Piercings und auch weniger auffällige Insignien aktueller Jugendkultur müssen abgegeben werden; die detailgenau nachgeschneiderten Schuluniformen samt Riesen-Feinripp-Schlüpfer vollenden den Vorgang der Entindividualisierung.

Schloss Hohenfels ist eine Art Bootcamp mit Adenauer-Flair. Der Rektor mahnt zur Begrüßung: "Der Name steht für Leistung, Disziplin und sittliche Reife." Die Lehrer agieren als Antreiber und Schließer. Wer ausschert, wird vorgeführt. Ein dickes Mädchen rennt schwitzend auf dem Sportplatz hinter den anderen her. Mitleid hat höchstens der Zuschauer. Die Pauker lassen keine Zweifel darüber, was sie von ihren Zöglingen halten: Alle sind sehr schlecht, einige noch schlechter.

Beim Casting zur ZDF-Produktion wurde darauf geachtet, dass sämtliche Lehrer die Unterrichtsmethoden der fünfziger Jahre einst als Schüler selbst kennen gelernt haben. Sie geben also nur weiter, was man ihnen einst eingebläut hat. Da scheint noch eine Menge aufgestauter Frust raus zu müssen. Körperliche Züchtigung immerhin ist bei dieser pädagogischen Rekonstruktion untersagt. Dafür wird gebellt und gedemütigt, bis den Zuchtmeistern die Augen aus dem Kopf zu springen scheinen. Der Teufel ist ein Pauker.

Dass man sich für die Fernsehzeitreise in die Räumlichkeiten der Elite-Schmiede Salem eingemietet hat, kommt wohl nicht von ungefähr. Dort wurde unlängst bereits mit den realen Internatsschülern für Arte eine Doku-Soap gedreht. Salem - das klingt für viele wie die letzte Rettung für jenes verlorene Land, in dem die Worte "Bildungsnotstand", "Pisa-Schock" und "Wohlstandsverwahrlosung" mit wohligem kulturpessimistischen Schauer ausgesprochen werden. Die Zeiten werden härter, die jungen Menschen immer verweichlichter, so heißt es. Da muss man doch was tun.

Sicher, "Die harte Schule der 50er Jahre" ist nur ein Spiel, eine Fernsehinszenierung. Trotzdem verursacht das in dem Vierteiler mitschwingende restaurative Moment ein gewisses Gruseln: Wie muss es um ein Land bestellt sein, in dem man glaubt, vielleicht doch noch in der Steinzeit der Pädagogik das eine oder andere anwendbare Konzept für die desolate Gegenwart zu finden? Tatsächlich wird dieser Hoffnung Ausdruck verliehen, wenn das ZDF sein TV-Experiment per Presseeklärung als Beitrag zur Bildungsdebatte lanciert.

Das ist der beängstigende Aspekt des öffentlich-rechtlichen Trends zur Retro-Soap: Einerseits soll in den "Living-History"-Serien Vergangenheit als sinnlich erfahrbares Bildungsfernsehen inszeniert werden, andererseits bedient man hier sehr bewusst den Romantizismus oder gar Eskapismus der Zuschauer. Nichts war damals besser, aber alles irgendwie einfacher. Für viele Menschen Grund genug, sich aus der immer komplexeren Gegenwart in die überschaubare Vergangenheit zu wünschen.

Die Resonanz auf die Erlebnis-Dokumentationen ist jedenfalls enorm: Die ARD-Serie "Schwarzwaldhaus 1902", der deutsche Vorläufer dieses im angelsächsischen Raum bereits länger kultivierten TV-Genres, erzielte vor gut zwei Jahren ganz unerwartet traumhafte Marktanteile von 20 Prozent. Es ging um eine Familie, die einen Bauernhof bewirtschaftet wie zu Zeiten der vorletzten Jahrhundertwende, also ohne fließend Wasser und Strom. Das größer angelegte TV-Spiel "Abenteuer 1900", für das man die Teilnehmer in Fronarbeiter und Gutsbesitzer aufteilte, wurde denn auch gleich als ausladende Vorabendserie konzipiert. Retro-Soap statt Daily-Soap lautete die Strategie, mit der die ARD der privaten Konkurrenz Zuschauer abjagen wollte.

Der Reiz der Simulation von historischen Lebenswelten liegt in der Entschleunigung und Übersichtlichkeit. Ein bisschen wirken die Entbehrungsszenarien von ARD und ZDF wie eine mentale Vorbereitung auf die Krisen, die diesem Land noch bevorstehen sollen. Die Hartz-IV-Republik muss belastbarer werden, die Retro-Soaps trainieren die Menschen dafür. Die Qualität der öffentlich-rechtlichen Erlebnis-Dokus kann aber eigentlich nur an dem Wissen gemessen werden, das sie vermitteln. Das ist jedenfalls der eigene Anspruch.

Doch das didaktische Potenzial hält sich oft in Grenzen. So auch bei dem Segeldrama "Windstärke 8", dem bislang aufwändigsten Trip in die Vergangenheit, der ab Montag in sechs Teilen in der ARD gezeigt wird: 16 Normalos reisen auf einem Dreimaster nach New York - zu den gleichen Bedingungen wie vor 150 Jahren deutsche Auswanderer. Die Kleidung entspricht der Epoche, die Toilette verrichtet man in Holzeimern an Deck, die Lebensmittel werden ungekühlt verwahrt und müssen immer mal wieder von Schimmel gereinigt werden.

Kulinarisch hat man sich in den zwei Monaten arg zu beschränken, räumlich sowieso. Trotzdem verbreitet sich in den engen Kajüten zuweilen bescheidener Frohsinn: Eine Mitreisende kriegt zum 17. einen Apfel geschenkt und freut sich mehr als an allen Geburtstagen zuvor; an einem besonders windstillen Tag dürfen sich alle ausziehen und ins Meer springen.

Okay, kapiert: Verzicht und das Glück der kleinen Dinge haben damals das Leben an Bord geprägt. Was nimmt man noch mit von diesem TV-Experiment, das ja vor allem Geschichte lebendig machen, aber eben auch größere geschichtliche Bewegungen vermitteln will? "Kapitän Temme und seine Mannschaft wählen die historische Südroute", hallt es vor jeder Folge bedeutungsschwer aus dem Off, während die Streicher und Bläser schäumen wie die Gischt der aufgewühlten See. Zwischendurch versucht man mit historischem Bildmaterial ein bisschen die migrationstechnischen Hintergründe aufzubereiten. Dazu werden maritime Aufnahmen aus den zehner und zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gezeigt, die pittoresk flackern, aber wenig über das Jahr 1855 verraten. Klabautermannschrilles Histotainment.

Aussagekräftiger ist da der gelegentliche Stunk zwischen den Passagieren. Bald streiten sie sich um Handtücher und Aufräumgepflogenheiten, so unterscheidet sich der deutsche Geschichtsurlauber offensichtlich kaum vom deutschen Pauschalurlauber. Bezeichnenderweise formieren sich die beiden Interessengruppen an Bord nach regionaler Zugehörigkeit - Ossis gegen Wessis. Dass sie soviel ernüchternden Gegenwartsbezug in ihr Geschichtsspektakel gelassen haben, muss man den Machern von "Windstärke 8" dann doch hoch anrechnen. Selbst patent kostümiert und auf ganz großer Fahrt kommt der Zeitreisende nicht aus dem Jammertal der deutsch-deutschen Wirklichkeit heraus.


"Die harte Schule der 50er Jahre" (vier Teile): ab 19.5., donnerstags, 19.25, ZDF.
"Windstärke 8"(sechs Teile): ab 23.5., montags und mittwochs, 21.45, ARD

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