Berliner Galerien Gute-Laune-Airbrush-Art
Das Gallery Weekend in Berlin ist passé. Und weil es unmöglich war, in zwei Tagen alle interessanten Ausstellungen der 51 beteiligten Galerien zu sehen oder die besten "off spaces" zu finden, sind hier die Ausstellungen empfohlen, die man in Berlin auf keinen Fall verpassen darf.
Da gibt es zum Beispiel den "Shootingstar" Oscar Murillo, Londoner mit kolumbianischen Wurzeln. Die Preise seiner Bilder steigen und steigen - sicherer als jede Aktie. Seine Werke begeistern in der Galerie Isabella Bortolozzi: Riesengroße Leinwände stehen dort herum, als habe der Künstler sie gerade auf dem Boden bemalt.
Ein Statement gegen glatte Kunst und edle Galerien? So jedenfalls sehen die Bilder aus - sie sind aus zerschnittenen und unregelmäßig wieder zusammengenähten Leinwänden, von Schmutz und Staub gezeichnet, bemalt mit Betonpulver, Ölfarben und -stiften und manchmal rotzig mit Worten wie "Yoga" oder "Pigs" versehen.
Durch den schmalen Flur mit Bildern, die Kante an Kante stehen, kommt man zu einem Video, in dem Murillo in Kolumbien auf einem Fahrrad den Losverkäufer Ramón durch einen kleinen Ort begleitet. Ramón geht zu Fuß und ruft gebetsmühlenartig "win two and a half million, two millions...". Ein sinnloses Unternehmen, trotzdem preist er immerfort seine Lose an und spricht zwischendurch mit dem filmenden Murillo. Seine Frau habe sein Fahrrad verkauft, Geld haben er und seine Familie nicht und jetzt täten ihm die Füße weh - schlechte Schuhe oder vielleicht ein Splitter?
Faust in Blattgold
Unbedingt sehenswert ist auch die Ausstellung der Turner-Preisträgerin Tomma Abts in der Galerie Buchholz mit sechs neuen, sorgfältig Schicht um Schicht gemalten, kleinformatigen Gemälden. Dazu zeigt Abts Zeichnungen und Collagen mit farbigen grafischen Strukturen. Die Künstlerin entwickelt ihre Arbeiten langsam und sorgfältig, und selten genug sind so umfassende Ausstellungen wie diese zu sehen.
Das genaue Gegenteil ist die Schau von Alex Israel bei Peres Projects: Zurückhaltend und leise ist hier nichts. Israel, 31, kommt aus Los Angeles, hat ein Sonnenbrillen-Label und eine YouTube-Talkshow namens "As It Lays", in der er Berühmtheiten wie Christina Ricci, Larry Flint, Oliver Stone oder Melanie Griffith komische Fragen stellt. Im Kontext mit seiner Show entstanden Israels "Self-Portraits" - eine große, bunte, Gute-Laune-Airbrush-Malerei, die zur Zeit ziemlich gefragt ist.
Sehr, sehr schön sind auch die neuen großformatigen Zeichnungen von Jorinde Voigt bei Klosterfelde . "9 Times Philosophy" heißt die Schau, für die Voigt philosophische und literarische Texte (zum Beispiel aus Goethes "Faust") in visuelle Kompositionen aus ihren Systemen mit Notizen, Notationen und Flächen überführt, die sie mit Weiß- und Blattgold belegt.
Pädagogisch wertlos
Gleich drei Galerien zeigen Künstlerinnen der älteren Generation aus Österreich. Valie Export stellt bei Zak Branicka "Bilder der Berührung" aus, die 94-jährige Wienerin Maria Lassnig hat eine Schau mit anrührenden Alterswerk-Bildern bei Capitain Petzel . Beide kennt man, aber Martha Jungwirth, 73, ist in Deutschland eine Entdeckung. Viele kleine Formate zeigt sie bei Cinzia Friedländer , meist Öl auf Pappe, montiert auf Leinwände. "Pädagogisch wertlos" nennt Jungwirth ihre Bilder aus den achtziger Jahren, jedes ein Kosmos zwischen Abstraktion und Figuration, der nicht belehren will, sondern in dessen Materialität, Struktur und Komposition man sich vertiefen kann.
Kaum zu finden ist der non-profit Raum "in situ" in der Kurfürstenstraße. Drei junge Kuratoren bespielen das Souterrain für ein Jahr. Jetzt zeigen sie präzise und überraschende Arbeiten der Wahlberliner Sinta Werner, Ulrich Vogl und Ignacio Uriarte, die man sich genau ansehen sollte - denn eventuelle Täuschungen sind beabsichtigt.
Auch die Schau "Between the Lines" im Hof des ehemaligen "Tagesspiegel"-Gebäudes ist temporär. Zu sehen sind Videos von fünf Künstlern aus Berlin - Ulf Aminde, Candice Breitz, Ming Wong, Yael Bartana und Asta Gröting - und verschiedene Arbeiten von südafrikanischen Künstlern, darunter - Achtung Stolpergefahr - eine Drahtseil-Verspannung in 20 Zentimeter Höhe quer durch den Raum von Gabrielle Goliath.
Versäumen solle man genauso wenig Alexandra Birckens "Inside out"-Schau, bei BQ zum Thema Körper und Kleidung, und damit auf Innen und Außen, Hülle und Substanz. Bircken, die früher im Modebereich arbeitete, zeigt eine sehr persönliche, ungewöhnliche und radikale Sicht auf die Funktion von Kleidung, die Individualität generieren soll.
Auch Jerszy Seymour, der auch als Designer arbeitet, fällt mit seiner Installation und einem Film bei Galerie Crone aus dem Rahmen des sonst Gesehenen. In einem Film stellen junge Schauspieler die Suche nach dem Heiligen Gral nach - ignoriert von peinlich berührten Fahrgästen. Im oberen Raum gibt Seymour in seinem "Brain Cave Spaceship" die Möglichkeit, in eine Art Gehirnlabor einzutreten. Sein Kosmos ist auf weißem Sand gebaut, mit bemalten Felsen, halluzinogenen Pflanzen, "Memory Tanks", die auch mal auslaufen können, mit Treppe und Tor aus bemalten Steinen. Aber überall stößt man auf gemalte Kreise - ein Gehirn also, das in ewiger Wiederholung um sich selbst kreist?
Wenn man diese Annahme auf das Gallery Weekend überträgt, dann gibt es auf jeden Fall Ausbrüche in der Kunst und gute Aussichten.