Neues Polt-Programm: Kraftlackel in der Zwangsjacke - DER SPIEGEL
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Neues Polt-Programm Kraftlackel in der Zwangsjacke

Im Münchner Residenztheater führen Gerd Polt und die Biermösl Blosn vor, wie sich Bayerischer Irrwitz, Hartz IV und Weltgeist in der Komödie vereinen. Das neue Programm des Brachial-Komikers heißt "Offener Vollzug" und wird heute Abend uraufgeführt.
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Wenn je eine Wahrheit in einem Kleidungsstück liegen kann, dann in der Trachtenjacke, die Gerhard Polt in seiner neuesten Revue am Münchner Residenztheater trägt. Der moosgrüne Stehkragen, die Hirschhornknöpfe, die Rückenfalte – alles jankermäßig völlig normal. Bloß die Arme in den überlangen Ärmeln kann der Mann nicht bewegen. Sie sind rechts und links um seinen Leib geschnürt. Der Kerl steckt in einer Trachtenzwangsjacke.

Das Stück mit dem Titel "Offener Vollzug" beginnt in einer Irrenanstalt. Der von Polt dargestellte Insasse faselt schlau-dummes Zeug. Das Paradies sei "immer da, wo einer aufpasst, dass keiner hinein kommt". Dass etwas gegenstandslos sei, "wenns haltlos ist". Und irgendwas von einer "Jessica, die in Baltimore war". Er bewegt sich mit spastischer Schreckhaftigkeit und steigert sich völlig unangemeldet in Schimpfkanonaden über "Milliardenverschwendung, Rentnerspione und Ministerialgeschwörl" hinein.

Der Anstaltspolitik gehorchend macht eine Zwangsjacke also durchaus Sinn. Diese jedoch, dieses Zwangswams eindeutig voralpenländischer Tradition, inkorporiert gewissermaßen auf textile Art, wovon der Komödiant und seine Volksmusikanten Hans, Michael und Christoph Well, vulgo "Biermösl Blosn", in ihrem "Staatsschauspiel" anderthalb Stunden lang virtuos singen und spielen: der Banalität menschlicher Existenz von Hitler über Hohlmeier bis Hartz IV; der unfehlbaren Erfolgsformel Katholizismus plus Korruption; von Thaifrauen, Tod und Tengelmann; von phantastischen Schulden, die ein gewisser Mozart bis heute habe, und von real existierenden Staatsbeamten, die ungestraft Kleinaktionäre entreichern.

Das Lächerliche im vermeintlich Erhabenen

Das neue Programm des Erfolgs-Quartetts, inszeniert von dem Schweizer Autor und Regisseur Urs Widmer, wurzelt, wie die vorangegangenen, in jenem kabarettistisch fruchtbaren Humus, der das Landsmannschaftliche und den Weltgeist jenseits aller Volkstümelei irgendwo zwischen Intellekt und Lachmuskel vereinigt. Seinen Heimatbegriff hat bereits der Schüler Polt im Aufsatz definiert: "Ihre Heimat hat die Salmonelle nicht nur im Kartoffelsalat."

Mit diesem untrüglichen Instinkt für das Wahrhaftige erhellt der evangelisch getaufte und katholisch erzogene Münchner seit drei Jahrzehnten die Bedrängnisse des irdischen Daseins. Ob satirische Dramolette wie "München leuchtet" (1983), Comedy-Klassiker wie der Versicherungspolicen-Streifen "Kehraus" (1986) oder die TV-Reihe "Fast wia im richtigen Leben" – Polts Sketche, wortsuchende Monologe, Hörspiele, Episodenfilme, Aphorismen leben von seinem röntgengenauen Gespür für das Lächerliche im vermeintlich Erhabenen, wie für das Berührende im Gewöhnlichen.

"Heute bin ich Papst"

Er sei der, der sich freue, Polt und den Biermösl Blosn "mit liebendem Blick dabei zuzusehen", sagt Regisseur Widmer, wie sie "voll politischem Ernst" entlarven, was sie im öffentlichen Leben "jenseits aller Pointe entsetzt". Dabei sei nicht so wichtig, zu verstehen, wann und wieso etwa "die Schlacht von Amfing stattfand". Abgesehen von einer zwangsläufig ethnologisch präzisen Kenntnis des bayerischen Wesens habe die landsmannschaftliche Zuordnung seiner Figuren und Geschichten, so Polt, "mit der Unerschütterlichkeit zu tun, mit der hier die Korruption grassiert". Der Byzantinismus sei "gute alte bayerische Tradition". Nach 35 Jahren Zweidrittelmehrheit einer Staatspartei "funktionieren Exekutive und Judikative eben nicht mehr so". Wie im Freistaat Realpolitik betrieben werde? Polt: "The idea of Freibier is deeply religious."

Die Zeiten, in denen derart radikal genaue Analysen des eigenen Biotops die Bayerische Staatsregierung und den Bayerischen Rundfunk verstörten, sind lange vorbei. Anders als Partei und Politiker des Freistaats begeistern Polt und Biermösl Blosn das Publikum nicht nur in CSU-regierten Bierzelten, sondern ebenso in der Frankfurter Alten Oper, im Hamburger Schauspielhaus oder am Wiener Burgtheater. "Standing Ovations", fragt der Arbeitsamtschef im Stück den Langzeitarbeitslosen, "wissen Sie, was das ist?" Da Polt es weiß, hat das Weißwurscht-Establishment seinem ebenso anarchischen wie behutsamen Kraftlackel dann doch lieber den angesehenen Jean-Paul-Literaturpreis und die Mitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Künste angetragen.

Zur Lachtränen treibenden Hochform läuft "der Unerreichte aus Schliersee" ("taz") diesmal auf, wenn er im Kostüm des nunmehr niederbayerischen Papstes mit einer Laubblaskanone im Anschlag gegen eine Horde Alphornbläser antritt. Er sei "molto felice", fistelt er im schönsten Ratzinger-Italienisch, denn "questa macchina" aus der "Marchetta Praktika funciona benessima". Morgen, erklärt der Anstaltsinsasse Polt, werde Herr Dr. Werner den Napoleon geben. "Aber dafür bin ich heute der Papst."