Neuköllner Oper: "Die Inder kommen" - DER SPIEGEL
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Neuköllner Oper "Die Inder kommen"

Die Grand Opéra ist jetzt in Neukölln zu Hause: Mit Atombomben und indischen Computerspezialisten hat die Neuköllner Oper in Berlin mit "IndierInnen" eine Nummernrevue à la Meyerbeer erschaffen.
Von Harriet Dreier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit dicken Seilen ist sie an den Kühlschrank gefesselt, der auf der grell ausgeleuchteten weißen Studiobühne steht. Soraya, Informatikerin aus Indien wurde von dem New-Economy-Ausbeuter Amor von Kaufland auf seine Burg entführt. Was wie der Inhalt eines Groschenromans klingt, ist der neueste Coup der Neuköllner Oper in Berlin. Die erstbeste Schlagzeile eines bekannten Boulevardblattes "Die Inder kommen" inspirierte Librettist Holger Siemann und Regisseur Dirk Rave zu einer "Grand Opéra". Doch statt eines großen Orchesters und 400 Mitwirkenden bestreiten vier Darsteller und ein Klavier mit "IndierInnen" einen überaus unterhaltsamen Opernabend.

Die verschleppte Soraya hebt verzweifelt zu ihrer Arie an: "Freund, ich bin in Not." - Doch Moment - das klingt bekannt! Und richtig: "IndierInnen" versetzt die Musik von Giacomo Meyerbeer ins 21. Jahrhundert - und zwar als Nummernrevue, zusammengesetzt aus sieben seiner abendfüllenden Opern wie "L'Africaine", "Le Prophète" oder "Le Pardon de Ploërmel". Der damals viel gespielte und heute viel geschmähte preußische Generalmusikdirektor schuf Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche monströse Werke, die populäre exotische Sujets aufgriffen, die ihm Zuhörer sichern sollten - genau wie die jüngst verkündete Parole "Kinder statt Inder" von Jürgen Rüttgers. Das Libretto von Siemann nimmt den Streit um indische Computerexperten, der Deutschland wochenlang beschäftigte, auf die Schippe und verquickt diesen zu einem grotesken Text über das nordostindische Liebespaar Soraya und Mahatma - al gusto di Meyerbeer.

Der Librettist Siemann: "Wir beginnen die Geschichte in Indien, das gibt hübsche Kostüme und einen exotischen Hintergrund. Modern sind Computer und Internet - und damit wir der Gefahr der Klischees entschlüpfen, lassen wir nicht Mahatma sondern Soraya Informatik studieren. Sie sind getrennt, haben Sehnsucht und sie gleich mehrere Probleme (make it hard for your characters): Er ist behindert, und sie muss schon kurz nach ihrer Heimkehr zur Arbeit nach Deutschland."

Der gelähmte Mahatma (Guido Hackhausen) hat Sorayas (Kathrin Unger) Informatikstudium mit Streichholzschnitzen finanziert, und dabei beim New-Economy-Ausbeuter Amor von Kaufland (Christian Grygas) Schulden gemacht. Um dieser Last zu entkommen, lässt sich die junge Frau von dem Profithai an einen deutschen Computerexpertenjäger verschachern ("Ich komme aus dem Abendland, wo Programmiererstellen sind vakant"). Nicht nur, dass Sorayas Deutschlandaufenthalt eine Qual ist, auf der Flucht nach Indien wird sie auch noch von Kaufland entführt. Vorher jedoch hat sie schnell noch Geld an das Internetkonto einer indischen Klinik überwiesen, damit Mahatma wieder gehen kann. Der Gesundete befreit seine Liebste und endlich könnte alles schön sein ("Ich sehe uns beide machen, ein Kind, ein Haus, ein Lachen"), wenn Mahatma im "Macho-Terzett" nicht zugeben würde, dass er seine emanzipierte Frau lieber am Herd als an der Maus sähe. Und weil Opern immer tragisch enden, zündet Soraya aus enttäuschter Liebe eine indische Atombombe...

Wettrüsten, Behinderungen, Rassismus, Emanzipation, Dritte-Welt- und Ausländerproblematik - "IndierInnen" fegt mit Leichtigkeit über gewichtige Themen hinweg. Heiter wurde auf der sechzehn Quadratmeter großen Studiobühne der Neuköllner Oper das Weltganze zu vier Stimmen und einer Klavierbegleitung verdichtet - unter der musikalischen Leitung Robert Nassmachers. An dieser wüsten Interpretation der so genannten großen Oper haben sicher nicht nur Meyerbeerianer ihren Spaß.

Nächste Aufführungen: 11.-16. April. Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131-133, 12043 Berlin. Karten unter 030/688 90 777