New York: Whitney Biennale kritisiert Donald Trump und die Politik - DER SPIEGEL
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Whitney Biennale 2017: Kunst als Widerstand

Foto: Mike Coppola / Tiffany & Co / Getty Images

Kunstausstellung in New York Die Wiederentdeckung der Wut

Rassismus, Unterdrückung, Gewalt: Die diesjährige Whitney Biennale steht ganz im Zeichen der politischen Aktualität. Dabei gerät zwangsläufig Donald Trump ins Kreuzfeuer.
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Emmett Till starb einen schaurigen Tod. Der 14-jährige Schwarze wurde 1955 gefoltert und gelyncht, weil er angeblich eine weiße Verkäuferin belästigt hatte. Obwohl sein zerschlagenes Gesicht nicht mehr erkennbar war, bestand die Mutter auf einem offenen Sarg, damit "die Welt das sieht".

Für Amerikas Bürgerrechtsbewegung bleibt der ungesühnte Mord eine offene Wunde - zumal voriges Jahr bekannt wurde, dass die Verkäuferin alles erfunden hatte . Am Dienstag trafen sich Hinterbliebene Emmetts mit US-Justizminister Jeff Sessions, um die Ermittlungen wieder aufzurollen.

Auch anderswo sorgt der alte Fall gerade für neue Diskussionen. Deren Auslöser findet sich im fünften Stock des New Yorker Whitney Museums: Ein Ölporträt zeigt Emmett Till in seinem Sarg, sein Kopf eine abstrakte Masse aus braun-verschmierter Farbe.

Das Gemälde "Open Casket" von Dana Schutz sorgt bei der diesjährigen Whitney Biennale für Diskussionen

Das Gemälde "Open Casket" von Dana Schutz sorgt bei der diesjährigen Whitney Biennale für Diskussionen

Foto: Alina Heineke / AP

"Open Casket" von Dana Schutz ist eines von Dutzenden Werken in der Whitney Biennale , der größten Ausstellung zeitgenössischer US-Kunst seit Jahren. Doch seit die am Wochenende eröffnet hat, können viele Besucher das Emmett-Till-Bild kaum sehen: Ein schwarzer Protestler blockiert es oft stundenlang. "Black Death Spectacle", hat er sich aufs T-Shirt geschrieben.

Schutz, eine Weiße, habe kein Anrecht auf das Leid der Afroamerikaner, kritisiert Parker Bright, der Mann im T-Shirt: "Schwarze Künstler sind empört." Die Debatte spiegelt aktuelle Sensibilitäten wider: Schutz verteidigte ihre Arbeit als mütterliche Reaktion, doch viele haben sich Bright angeschlossen, fordern die Entfernung, ja, Zerstörung des Bildes. Andere verbieten sich solche "Zensur", die die Kunst nur bedrohe.

Zeichen der Zeit. Die Mammutshow, die alle zwei Jahre stattfindet und jetzt erstmals im neuen Heim des Whitneys am Hudson River, hat diesmal besondere Brisanz: Amerikas Kunst hat ihre politische Wut wiederentdeckt - in den aktuellsten Entwicklungen und namentlich in US-Präsident Donald Trump, der hier mehrfach direkt angegriffen wird. "Fuck this racist asshole", steht auf einem Exponat, dem Foto eines Graffitis in New Orleans.

Hass, Gewalt, Ungleichheit, Nationalismus: Die Themen der 63 Künstler und Kollektiven sind universell, doch zugleich so individuell-persönlich wie ihre Darstellungsformen. Die Politik der letzten Monate sowie Trumps Drohung, den US-Kulturetat ganz zu streichen, haben die Kuratoren spürbar beflügelt, ein starkes Zeichen zu setzen - nicht nur für die Kunst, sondern für Aufklärung und Gedankenfreiheit, die Grundfesten der Demokratie.

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New Yorker Whitney Museum: Die Kunst des Umzugs

Foto: Timothy Schenck / Whitney Museum

Es mag den Anschein haben, die Biennale bleibe in der gleichen Blase stecken wie die sonstige Trump-Kritik: Mehr als die Hälfte der Teilnehmer kommen aus New York oder Los Angeles, den Brennpunkten der Resistance, und allein elf aus Brooklyn, darunter Dana Schutz. Aber: Die Hälfte sind Nichtweiße, fast die Hälfte Frauen. Viele sprechen Probleme an, die sie selbst erlebt haben: Armut, Ausgrenzung, rassistische und sexuelle Anfeindung.

"THE TIMES THAY AINT A CHANGING, FAST ENOUGH!", ein Gemälde des Kaliforniers Henry Taylor zeigt einen schmerzhaft bekannten Moment - den Tod des Afroamerikaners Philando Castile, wie ihn seine Freundin 2016 live auf Facebook streamte. Castile, im Auto erschossen von einem weißen Cop, dessen Waffe ins Bild ragt, wirkt hier wie ein gefallener Held.

Mit "THE TIMES THAY AINT A CHANGING, FAST ENOUGH!" hält Henry Taylor den Moment fest, in dem ein Mann von einem Cop in seinem Auto erschossen wird

Mit "THE TIMES THAY AINT A CHANGING, FAST ENOUGH!" hält Henry Taylor den Moment fest, in dem ein Mann von einem Cop in seinem Auto erschossen wird

Foto: SPIEGEL ONLINE

Fünf Bilder Taylors sind mit überdimensionalen Porträtfotos der New Yorkerin Deana Lawson kombiniert: Schwarze in gestellten Arrangements, die kulturelle Vorurteile und Widersprüche verwirbeln. Auf "Sons of Cush" posieren zwei tätowierte Männer mit einem Bündel Cash und einem Baby, umgeben von traditionellen Familienfotos.

Rafa Esparzas "Figure Ground: Beyond the White Field" ist ein Tempel aus 3100 Lehmziegeln, in dem er Werke präsentiert, die es nicht in die eigentliche Biennale geschafft haben. Überhaupt gibt es von Künstlern auch Kritik an der Veranstaltung. Occupy Museums, ein Ableger der Occupy-Bewegung, prangert deren Kommerzialisierung an, indem die Aktivisten in einer Installation 30 Werke der Verschuldung der jeweiligen Künstler zuordnen.

Der Performance-Künstler Puppies Puppies, dessen Objektserie "Triggers" die Waffengewalt vergegenständlicht, tritt am Wochenende auf der Dachterrasse im achten Stock als Freiheitsstatue auf. Das Begleitsouvenir dazu gibt es im Museumsshop: Lady Libertys Krone, aus Schaumstoff - für fünf Dollar pro Stück.

Whitney Biennial, Whitney Museum of American Art, New York City, noch bis zum 11. Juni 2017