Nowottny als Maischberger Flirten statt fragen
München Erst als es endlich vorbei ist, wird die entscheidende Frage gestellt. Sie kommt nicht aus dem Fernsehapparat, sie kommt nach dem Abspann vom Schaukelstuhl nebenan: "Worüber haben die da eigentlich diskutiert die ganze Zeit, was war'n das für ein Thema?" "Politik regiert, Volk frustiert? mit Fragezeichen, wie der Herr Nowottny extra betonte" "Ach, herrje." Genau.
Dieser konzise mitternächtliche Bildungsdialog fasst die gestrige Ausgabe von "Menschen bei Maischberger" recht prägnant zusammen. Während Sandra Maischberger in der Babypause weilt, oblag ihre wöchentlich wechselnde Vertretung in dieser Woche dem verdienten TV-Politjournalisten und ehemaligen WDR-Intendanten Friedrich Nowottny.
Der Mann ist jetzt auch schon bald 78 Jahre alt. Deshalb durfte man so einiges erwarten: Der in den Siebzigern vor Ironie sprühende und immer eloquent nachfragende Friedrich Nowottny, verpflanzt in einen Polittalk der öffentlich-rechtlichen Gegenwart das versprach Spannung. War doch Nowottny insbesondere den Kanzlern Brandt und Schmidt ein legendärer journalistischer Konterpart.
Nun sollte er auf CSU-Rebellin Gabriele Pauli, Ex-SPD-Ministerpräsidentin Heide Simonis, "Stern"-Vize Hans-Ulrich Jörges, den jüngsten Bürgermeister Deutschlands (Christoph Meineke, 28 Jahre, aus Wenningsen bei Hannover) und vor allem auf Bernhard Vogel treffen. Letzterer war nur Ersatzmann, kam für Roman Herzog ins Team. Der 74-Jährige war früher gleich zwei Mal Ministerpräsident: Vogel regierte sowohl Rheinland-Pfalz als auch Thüringen. Worauf er in den folgenden 75 Minuten auch das ein oder andere Mal hinzuweisen wusste.
Das konnte ja was werden.
Von Beginn an klammerte sich Nowottny an seine Zeit. Er klammerte sich an Bernhard Vogel. Und der ließ gern klammern. "Sie haben es übernommen, den erkrankten Altbundespräsidenten zu vertreten, dafür sind wir sehr dankbar", flirtete Nowottny. Und Vogel: "Soweit ich das kann." Wieder Nowottny: "Das werden Sie locker machen, Sie waren ja zwei Mal Ministerpräsident."
Weil Wahlbeteiligungen ein schönes Instrument zur Diagnose von Politikverdruss sind, erinnerte Nowottny erstmal an die dollen Quoten von früher. An die "Willy-Wahlen" von 1972, als Brandt gegen CDU-Mann Rainer Barzel antrat: "Das waren 91,1 Prozent". Aber da wusste Vogel: "Über 90 Prozent ist eher ein Krisenzeichen." Denn man habe diese Wahlbeteiligung auch "in Berlin ganz typischerweise zu Zeiten der Luftbrücke" gehabt.
Flirten statt fragen
Die Nostalgieshow der Herren Nowottny und Vogel nahmen ihren Lauf. Während "Stern"-Mann Jörges es noch mit der Gesundheitsreform probierte ("Von drei Vierteln der Menschen abgelehnt, dennoch vom Bundestag beschlossen"), der Jungbürgermeister mit einer 50-Prozent-Wahlbeteiligung bei seiner Kommunalwahl protzt und SPD-Frau Simonis die Wortschöpfung vom Prekariat kritisierte ("Da könnte ich hochgehen"), schmeichelt Herr Nowottny vor allem dem Herrn Vogel.
Dessen Politik habe ja zur absoluten Mehrheit in Rheinland-Pfalz geführt. "Und in Thüringen, und in Thüringen", funkte Vogel dazwischen. Nowottny: "Und in Thüringen." So ist es.
Und das Thema der Sendung? Ach ja, irgendwas mit frustriertem Volk.
Nach 23 Minuten platzte Gabriele Pauli herein, sie hatte es nicht rechtzeitig nach Köln geschafft. Der Zuschauer daheim hoffte auf ein Ende der Langeweile, es gab da durchaus interessante Wortwechsel zwischen Pauli und Jörges. Doch Friedrich Nowottny und die ARD waren knallhart. Er sagte: "Frau Pauli, Sie wurden am Aschermittwoch niedergemacht." Und die Regie spielte noch mal die Bilder ein, wie Frau Pauli in Passau niedergemacht wurde. Altbekanntes seit drei Wochen. Gabriele Pauli konnte nur das sagen, was sie immer sagt: "Ich geb' nicht auf."
So plätscherte "Maischberger" mit Nowottny dahin, immer weiter, immer langweiliger. Schließlich wollte Gabriele Pauli etwas zum Thema der Sendung sagen: Dass Parteimitglieder "völlig außen vor" seien bei Personalentscheidungen, dass man das jetzt wieder in der CSU sehe, wo Huber, Seehofer und Beckstein Entscheidungen im stillen Kämmerchen treffen würden. Da ging Friedrich Nowottny beherzt dazwischen: "Klingelingeling, wir wollen hier keine Vergangenheitsbewältigung betreiben" und richtet das Wort schließlich an Bernhard Vogel: "Ihr Bruder lebt im Altersheim, haben Sie das auch vor?"
Alt sein oder alt aussehen
Nowottny machte Schlummertalk statt politischem Gespräch. Sein Alter spielt dabei keine Rolle. Ganz im Gegenteil: Mit der Souveränität eines der größten deutschen Fernsehjournalisten hätte er doch ganz andere Fragen stellen können, ja müssen. Wie das geht, zeigte vor einigen Monaten ein gelernter Politiker bei "Maischberger": Der 80-jährige Erhard Eppler nahm mit der Leidenschaft des Alters den Heidelberger Steuerrechtler Paul Kirchof und dessen Konzepte regelrecht auseinander. Das war großes Kino. Politikverdruss kam da nicht auf. Fernsehverdruss schon gar nicht
Am Ende der gestrigen Sendung wendete sich Friedrich Nowottny noch einmal an Heide Simonis: Nun habe man gar nicht über das ihr am Herzen liegende Thema Krippenplätze gesprochen. Ja, schade. Man kann nur hoffen, dass Sandra Maischberger recht schnell einen solchen Krippenplatz findet. Oder ihren Mann von den Vorzügen des Erziehungsurlaubs überzeugen kann. Auf dass sie schnell zurückkehren möge in ihren eigenen Polittalk.