NS-Dokumentationszentrum: Verdrängen auf Münchnerisch - DER SPIEGEL
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NS-Dokumentationszentrum Verdrängen auf Münchnerisch

Der Würfel ist gefallen - und zwar sehr spät: Fast 70 Jahre nach Hitlers Ende soll in München mit einem gigantischen Kubus endlich ein großes NS-Dokumentationszentrum stehen. Warum hat sich die einstige "Hauptstadt der Bewegung" so viel Zeit gelassen?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Da stehen sie, die Vertreter von Stadt und Staat, vor einem würfelförmigen Architekturmodell im ersten Stock des Stadtmuseums. München stelle sich "seiner Geschichte als ,Hauptstadt der Bewegung' und den schrecklichen Verbrechen", sagt der sozialdemokratische Oberbürgermeister Christian Ude. Das Vorhaben sei "klares Bekenntnis zu einem ,Nie wieder'", sagt Bayerns christsozialer Finanzminister Georg Fahrenschon.


Der Würfel ist das Siegermodell im Wettbewerb für ein NS-Dokumentationszentrum. Stadt, Staat und Bund übernehmen je ein Drittel der Kosten über 30 Millionen Euro, Bayern bringt zudem das Grundstück ein. Die Politiker sind an diesem März-Vormittag 2009 erkennbar froh über das Erreichte, 64 Jahre nach Kriegsende. 2013 soll der Bau fertig sein. Fahrenschon drängt, man dürfe "jetzt keine weitere Zeit verlieren".

Das klingt bizarr angesichts der Zeit, die München hat verstreichen lassen. "Das Dokumentationszentrum ist lange überfällig", sagt Winfried Nerdinger. Der Architekturprofessor der Technischen Universität gilt als einer der Väter dieser Idee, in den achtziger Jahren hielt er einen beachteten Vortrag über Erinnerungskultur und "das schlechte Beispiel" der bayerischen Metropole. Städte wie Nürnberg oder Berlin hätten sich ihrer Geschichte weit früher gestellt. Dass München erst jetzt nachzieht, findet Nerdinger beschämend.

Denn in München, da habe ja alles begonnen.

Im antisemitischen Milieu der Stadt begann Adolf Hitler nach dem Ersten Weltkrieg seinen Aufstieg, in München wurden die NSDAP gegründet und die Mordinstrumente SA und SS geschaffen. Hier wagte Hitler im November 1923 den Putsch.

"Früher hatte die schöne, behagliche Stadt die besten Köpfe des Reiches angezogen", schrieb Lion Feuchtwanger in seinem 1930 erschienenen München-Roman "Erfolg" und fragte: "Wie kam es, dass die jetzt fort waren, dass an ihrer Stelle alles, was faul und schlecht war im Reich, magisch angezogen nach München flüchtete?"

Ja, warum eigentlich? Die Frühgeschichte des Nationalsozialismus müsse ein zentraler Bestandteil des Dokumentationszentrums werden, sagt Irmtrud Wojak, seine Gründungsdirektorin. "Internationalen Anspruch" solle das Zentrum haben, sein Wissenschaftlicher Beirat rechne mit an die 400 000 Besucher pro Jahr.

München war der Kultort der Nazis. 1935 ernannte Hitler die Stadt zur "Hauptstadt der Bewegung". Im Zentrum des NS-Kosmos stand das "Braune Haus", ein Bürgerpalais in der Brienner Straße nahe dem Königsplatz, das Hitler 1930 für die Partei erwarb und zu ihrer Zentrale ausbaute. Im Krieg zerstört, soll an seiner Stelle nun das NS-Dokumentationszentrum entstehen.

Etliche Gebäude in der Münchner Maxvorstadt waren im "Dritten Reich" von NS-Dienststellen oder der NSDAP-Reichsleitung belegt. Hier residierten der "Reichsschatzmeister" der Partei, das "Amt für Agrarpolitik", die "Reichsführung SS" oder die "NS-Frauenschaft". Im Reiseführer "Trautwein" ist in der Auflage von 1941 vom "unauslöschlichen Ruhm" Münchens die Rede, "Ausgangspunkt und Hort der Bewegung zu sein, einer Bewegung, die Deutschlands Zukunft wurde, wie es der Führer verhieß". Mit "eiserner Unaufhaltsamkeit" hätten die Nazis "ihren Lauf über München, Bayern, ganz Deutschland" genommen.

München, die Brutstätte des Bösen? "Einerseits war der Nationalsozialismus eine Zeitlang eine spezifisch Münchner Sumpfblüte", sagt der Historiker Hans-Günther Hockerts, andererseits aber müsse man die deutsche Gesellschaftsgeschichte auch im Ganzen betrachten, um den Erfolg der Nazis zu erklären.

Zum einerseits: Da gab es nach dem Ersten Weltkrieg ein in Teilen antisemitisches, von der in München besonders radikalen Revolution und besonders blutigen Gegenrevolution verunsichertes Bürgertum. Bayern entwickelte sich zur "Ordnungszelle", mit seinem düsteren Bierkeller-Chauvinismus zum Gegenpol Berlins. Und in Bayern war Hitlers Partei in den frühen zwanziger Jahren keineswegs verboten - anders als in den meisten anderen Ländern.

In Justiz und Polizei fand Hitler Unterstützer, einflussreiche Bürgerfamilien wie die Verleger Bruckmann oder die Klavierbauer Bechstein förderten ihn. Die Stadt habe für seine Karriere eine "zentrale, ja singuläre Rolle" gespielt, schreibt der Münchner Stadtarchivar Andreas Heusler in seinem Buch "Das Braune Haus - wie München zur ,Hauptstadt der Bewegung' wurde".

Andererseits griff die rechtskonservative bayerische Regierung ab Mitte der Zwanziger entschiedener gegen die Hitler-Partei durch, die ausgeprägten katholischen Milieus in München entwickelten eine Abwehrhaltung. Und bei den letzten halbwegs freien Reichstagswahlen im März 1933 blieb die NSDAP in München unter dem Reichsdurchschnitt. Heusler schreibt: "München war die Stadt des Nationalsozialismus. Aber München war keineswegs die Stadt der Nationalsozialisten."

Es ist ein schwieriges Erbe, von dem Münchens Bürgerschaft lange nichts wissen wollte. Der Begriff von der "Hauptstadt der Verdrängung" machte die Runde. München habe das "Millionendorf" und die "Weltstadt mit Herz" sein wollen, sagt Nerdinger, man habe sich ein neues Image gebastelt und die braune Vergangenheit einfach weggedrückt.

Alt-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel dagegen glaubt, die Münchner hätten sich unmittelbar nach 1945, wie andere Deutsche auch, nicht primär mit dem Vergangenen beschäftigt, weil der Wiederaufbau der zerstörten Stadt, die Schaffung demokratischer Strukturen und nicht zuletzt das eigene wirtschaftliche Überleben elementarer gewesen seien.

So dauerte es Jahrzehnte, bedurfte es der unbequemen Art des Winfried Nerdinger und brauchte es einen Politiker von der Basis, damit die kollektive Verdrängung allmählich aufweichte: Klaus Bäumler, CSU-Kommunalpolitiker aus der Maxvorstadt, kämpfte in den Achtzigern für Erinnerungstafeln an Täterorten. Die Widerstände waren erheblich.

Erst in den Neunzigern setzte sich München in Ausstellungen mit seiner braunen Vergangenheit auseinander. 1996 stellte Bäumler in seinem Bezirksausschuss einen Antrag zum Bau eines Dokumentationszentrums - und kam durch. Es dauerte noch ein paar Jahre, dann schlossen sich Stadtrat und Landtag an.

Nun sind die Vertreter von Stadt und Staat stolz auf den Würfel der Erinnerung. Doch die Eingeweihten wissen, dass die spezifische NS-Geschichte Münchens vor allem durch die Hartnäckigkeit engagierter Bürger in den Blickpunkt rückte. "Nerdinger und Bäumler", sagt Alt-OB Vogel, "haben daran großen Anteil."

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