Obamas Amtseinführung: Remake des Urknalls - DER SPIEGEL
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Obamas Amtseinführung Remake des Urknalls

Superstar, Idol, Hoffnungsträger für Millionen: Mit Barack Obama glaubt Amerika wieder an seine Träume. Die Deutschen können von so viel Begeisterung nur lernen. Denn Demokratie ist sexy - und kostbar.
Von Reinhard Mohr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Barack Obama ist sympathisch, sportlich, gebildet und verdammt cool. Sein jungenhaftes Lächeln ist jetzt schon legendär. Dennoch ist es wenig wahrscheinlich, dass der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika den deutschen Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde kennt.



Muss er auch nicht. Andererseits: Der langjährige Richter am Bundesverfassungsgericht hat schon vor Jahren jene Erkenntnis in Worte gefasst, die Obamas Inauguration Speech beseelte, mehr noch, die über der gesamten Zeremonie seiner Amtseinführung lag: "Der freiheitlich säkularisierte Staat", so Böckenförde, "lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann".

Anders gesagt: Die westliche Demokratie hat zwar ihre Regeln und Gesetze, die auf den historischen Errungenschaften von Aufklärung und (bürgerlicher) Revolution beruhen, aber das reicht nicht.

Dazu müssen noch jene "Sekundärtugenden" kommen, ohne die das komplizierte, oft schwer durchschaubare Handeln von Regierung, Parlament, Justiz, Verwaltung und freier Presse auf Dauer, zumal in extremen Konfliktfällen, nicht wirklich funktionieren kann. Demokratie braucht die aktive Unterstützung des Volkes.

Obama nannte unter anderem Loyalität, Fairness, Disziplin und Ehrlichkeit. Am wichtigsten aber ist Leidenschaft für die Demokratie selbst, die in der Überzeugung jedes Einzelnen besteht, dass sie es am ehesten gestattet, jenes "wahre Maß an Glück anzustreben" (Obama), das auf Erden erreichbar scheint.

Nicht zufällig ist "The Pursuit of Happiness" Bestandteil der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776.

Diese durchaus religiös inspirierte Weltanschauung hat viel mit Gefühlen zu tun, mit praktischen Lebenserfahrungen, historischen Überlieferungen und individuellen Hoffnungen. Kurz: Es ist auch eine Sache der Emotionen. Eine Frage von Stolz und Ehre, von Ernsthaftigkeit und Verantwortungsgefühl. So kommt das Pathos ins Spiel.

Pathos für die Demokratie, demokratisches Pathos

"The Dead who brought us here" - so erinnerte Obama an diejenigen, die im langen zähen Kampf für die Demokratie ihr Leben ließen. Und für die Freiheit, die ausdrücklich auch eine Freiheit von Not und Elend ist.



Die große emotionale Anziehungskraft der Inaugurations-Zeremonie in Washington lebte von diesem Pathos, bei dem die Allmacht Gottes und sein "Geschenk der Freiheit" so selbstverständlich zusammengingen wie die militärische Präzision der stundenlangen Inszenierung mit der fröhlichen Ausgelassenheit der zwei Millionen Menschen auf der National Mall.

Hier die Marschmusik auf der großen Abschlussparade, dort Aretha Franklins hinreißende Soul-Interpretation der US-Hymne. Hier das dramatische Gebet des Reverend, dort das prononciert vorgetragene Gedicht der Schriftstellerin, die die eigenartige Schönheit des zivilen Lebens beschwor - und die Liebe.

Hier "The Beast" - die schwarzglänzende, panzerartige Superlimousine des Präsidenten -, dort die Spontaneität und das befreite Lachen der Schwarzen in Harlem, die ihren "dream of dreams" verwirklicht sehen.

Hier die schusssicheren Scheiben vor dem Rednerpult, dort das begeisterte Kreischen der Massen an der Pennsylvania Avenue, als Michelle und Barack Obama ein paar Blocks weit zu Fuß auf der Straße gingen.

Hier das steife Zeremoniell, bei dem die Reihenfolge der einmarschierenden Ex-Präsidenten samt Gattinnen minutiös festgelegt worden ist, dort das Bekenntnis eines schwarzen Pastors bei CNN am Telefon: "I can't stop crying."

Es waren die Freudentränen eines gigantischen Volksfests, die wie eine Art Beglaubigung wirkten - die Beglaubigung eines Versprechens, das Volk und Präsident sich gegenseitig gaben.

Hoffnung statt Furcht ist das Wort der Stunde, und die Kraft, an das Gute und den Fortschritt zu glauben, holt sich Amerika, wie schon oft, aus der Selbstbeschwörung, aus dem puren Willen, die Dinge zu ändern.

Genau aus jenen Quellen also, die der moderne, technokratische Staat, so effizient er geführt sein mag, nicht bieten kann. Und so befremdlich dem abendländisch desillusionierten Westeuropäer - erst recht dem zynisch abgeklärten Westdeutschen - dieser Enthusiasmus erscheinen mag, so beneidenswert ist dieses Remake des Urknalls der US-Demokratie zugleich.

Wer sich über Stunden und auf den unterschiedlichsten Fernsehkanälen das historische Spektakel zu Gemüte führte, der durfte allerdings keine Sekunde an Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier oder all die andern deutschen Spitzenpolitiker denken.

Auch wenn Maybrit Illners Frage für ihre nächste Talkshow - "Wo ist der deutsche Obama?" - unfair ist, es stimmt ja: Wo bleibt er eigentlich? Wo bleibt das Selbstbewusstsein der deutschen Demokratie, die in diesem Mai immerhin 60 Jahre alt wird?

Warum ist es hierzulande populärer, die Demokratie verächtlich zu machen oder ihr gleichgültig gegenüberzustehen, als sie zu verteidigen und aus eigener Kraft zu stärken? Wo bleibt der Stolz der vereinten Republik, 20 Jahre nach dem Mauerfall? Und wenn es denn sein müsste: Wo bleibt die Selbstverständlichkeit, im Fall des Falles den Staub von den Klamotten abzuklopfen und die Ärmel hochzukrempeln?

Alles nur billige Sprüche und Parolen, die die Herrschenden zur Verdummung des ausgebeuteten Volkes vom Stapel lassen? Oder ist da etwa doch noch etwas anderes? Kann Amerika nach den politisch verheerenden Bush-Jahren vielleicht doch wieder zu einem Kraftzentrum der westlichen Demokratie werden, die ihre Glaubwürdigkeit zu Hause und in der Welt neu begründet?

Die Bilder aus Washington machen zumindest Hoffnung darauf.

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