OP-Serie "Nip/Tuck" Schnippler, Aufschneider, Selbstzerfleischer
Leichtfertiges Rumschnippeln am menschlichen Körper muss bestraft werden. Botox-Spritzen in sämtliche Muskelpartien des Gesichts sind da die perfekte Maßnahme. Zehn Kanülen mit dem Nervengift kriegt der Schönheitschirurg Christian Troy (Julian McMahon) nach und nach in sein hübsches Gesicht gerammt, danach sieht er vorübergehend wie ein Schlaganfallpatient aus. Ausgeführt werden die Injektionen von einem wütenden Drogenbaron.
Der Arzt hätte sich eben nicht darauf einlassen sollen, einem zwielichtigen Südamerikaner für 300.000 Dollar (steuerfrei!) ein komplett neues Konterfei zu verpassen. Aber der Raffke im Weißkittel sammelt das Geld nun mal da ein, wo es wächst - bei Koksdealern, Pornofilmproduzenten oder jungen Frauen, die von einer Modelkarriere träumen.
Geldgier, Selbstekel, Chaos-OPs
Kollege Sean McNamara (Dylan Walsh), mit dem Troy in Miami eine Praxis unterhält, beobachtet das enthemmte Treiben mit wachsendem Zorn. McNamara ist ein gescheiterter Idealist, ein verkümmerter Hippokratiker. Seine aufgeregten Erbauungsreden für den Geschäftspartner verklingen erstmal ebenso ungehört wie seine moralischen Ansprachen an die Lieben daheim, die vom Gatten und Vater die eine oder andere Nachbesserung am eigenen Äußeren einfordern. Der Chirurg verachtet sich und seinen Job.
Geldgier, Selbstekel, aus dem Ruder laufende Operationen: "Nip/Tuck" lässt keine Ungeheuerlichkeit aus dem Bereich der plastischen Körperaufrüstung aus. Dass die US-Serie - eine perfide Mischung aus "Emergency Room" und "Miami Vice" - jetzt von ProSieben ins Programm gehoben wird, darf man wohl als Indiz dafür werten, dass sich der Trend zur OP-Show bei den Privaten unaufhaltsam dem Ende neigt. Mag MTV mit der Körperoptimierungsshow "I Want A Famous Face" einen guten Schnitt gemacht haben - das euphorisch abgefilmte Schnippeln, Spritzen, Saugen und Straffen auf RTL, RTL 2 und ProSieben treibt längst nicht mehr unweigerlich die Quote in die Höhe. "Nip/Tuck" ist weniger eine Werbemaßnahme fürs angeschlagene Beauty-TV als eine Grabrede auf das Genre.
Prekärerweise legt ProSieben die kleine feine boshafte Serie auf den freigewordenen Sendeplatz von "Sex and the City" - und damit ausgerechnet vor das hauseigene Kosmetik-Massaker "The Swan". Hier werden Hausfrauen so umoperiert, dass sie von ihren eigenen Kindern nicht mehr wieder erkannt werden. Das ganz normale deutsche Fernsehgruseln. Ob dieses Gruseln fortgesetzt wird, steht zurzeit in den Sternen. Die Quoten waren nach Sendereinschätzung akzeptabel. Dienstagnacht läuft die letzte reguläre Folge von "The Swan", Mittwoch gibt es das "Finale". Über eine zweite Staffel hat man bei ProSieben noch nicht nachgedacht. Euphorie klingt anders.
Definitiv vorbei ist es indes mit der RTL-Serie "Beauty Queen", von der nur vier Teile im Herbst dieses Jahres liefen. Dabei handelte es sich um eine deutsche Kopie von "Nip/Tuck", die allerdings bei weitem nicht so kompromisslos und inspiriert war wie das Original. Wie sollte sie auch? Der Part des skrupellosen Operateurs wurde vom RTL-Simpel Karsten Spengemann gespielt. Den konnte man schlecht ernst nehmen.
Zwischen Satire und Realismus
Genau das aber tun die Macher der US-Serie in Bezug auf ihre Figuren. Sicher, die beiden Chirurgen in "Nip/Tuck" zeichnen sich erstmal durch denkbar krasses Fehlverhalten aus. Bei einer Pobacken-OP setzen sie schon mal die Silikonkissen falsch herum ein; einmal lassen sie eine Leiche verschwinden, indem sie ihr Schinkenkeulen um den Bauch binden, mit denen die Alligatoren der Everglades angelockt werden sollen. So verschwindet der lästige Tote schließlich klein gekaut auf immer in den Sümpfen Floridas. Und in den OP-Szenen wird mit Effekten geklotzt, die jeden Horror-Regisseur vor Neid erblassen ließen.
Doch trotz der derben und satirischen Überzeichnungen weisen die Charaktere in "Nip/Tuck" durchaus eine gewisse psychologische Tiefe auf. Ihr Scheitern bedingt einander, zumindest in der ersten Episode. Troy und McNamara, der polygame Hasardeur und der impotente Familienvater, können nicht so recht miteinander. Aber eben auch nicht ohne einander. Der Narzissmus des einen ist unauflöslich mit dem Selbstekel des anderen verbunden.
Gerade McNamara, der von der medizinischen Mission träumt und doch nur mit Mühe und Not die Schlampereien des Kollegen bereinigt, verfügt über ausreichend neurotisches Potenzial. Aus der Abscheu vor dem Schönheitswahn seiner Kunden entwickelt er eine regelrechte Kosmetikphobie: Dem halbwüchsigen Sohn verbietet er die Beschneidung (die in den USA üblicherweise schon bei Neugeborenen vorgenommen wird); seine Frau motzt er an, dass ihn ihre Intimrasur an ein Porno-Starlet erinnere. So legt er einen geradezu militanten Natürlichkeitswahn an den Tag, wie er wohl nur in Gegensatz zum demonstrativen Bodytuning in der Glamourmetropole Miami gedeihen kann.
Zum positiven Helden taugt der Öko-Choleriker McNamara genauso wenig wie der bedenkenlose Egomane Troy. Ein bisschen Hoffnung verbreitet das Drehbuch trotzdem am Ende des Pilotfilms: Während der Alligator die Reste der letzten chirurgischen Aktion verschlingt, ringt McNamara dem Partner das Versprechen ab, dass man ab jetzt 20 Prozent aller Praxisarbeit gratis für Bedürftige leistet. Rührend. Wenn jedoch die 80 verbleibenden Prozent an Schönheitsreparaturen weiterhin so grausam und genüsslich in Szene gesetzt werden, reicht das noch immer lässig, um die Lust auf die letzten OP-Shows im deutschen Fernsehen zu zerstören.
"Nip/Tuck - Schönheit hat ihren Preis". Dienstag, ProSieben, 21.15 Uhr.