Opern-Absetzung: "Kein Regisseur wird sich einschränken" - DER SPIEGEL
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Opern-Absetzung "Kein Regisseur wird sich einschränken"

Die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" wird als Beschneidung der Kunstfreiheit bewertet. Frank Baumbauer, Intendant der Münchner Kammerspiele, erwartet für das Regietheater dennoch keine gravierenden Folgen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE plädiert er für Gelassenheit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Können Sie die Entscheidung Ihrer Intendanten-Kollegin Kirsten Harms, die Inszenierung der Mozart-Oper "Idomeneo" abzusetzen, nachvollziehen?

Baumbauer: Ich möchte nicht auch noch auf ihr rumhacken, aber ich denke, dass sie überreagiert hat. Wenn ich richtig informiert bin, wusste sie schon seit August von den Sicherheitsbedenken. Sie hätte also reichlich Zeit gehabt, sich von Fachleuten beraten zu lassen. Ich denke, da hat ein klassischer Mechanismus der Angst gewirkt, der zu ihrem Entschluss geführt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie hätten Sie in dieser Situation reagiert?

Baumbauer: Ich habe in meiner Laufbahn mehrere ernstzunehmende Fälle von Bedrohung erlebt. In Basel hatten wir bei einem Liederabend über die Schweizer Armee heftige Bombendrohungen. Wir haben damals eng mit der Polizei zusammengearbeitet, um sämtliche Risiken auszuschließen. Natürlich war ich aufgeregt, als die Vorstellung dann lief, aber sie abzusetzen, wäre für mich nicht in Frage gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen ist Kritik an Politik und Behörden laut geworden, die Intendantin mit der Entscheidung alleine gelassen zu haben.

Baumbauer: Wir Intendanten haben das Hoheitsrecht über unsere Theater, keiner kann uns verbieten, eine Aufführung stattfinden zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen wird der Vorfall für das Regietheater haben?

Baumbauer: Ich plädiere für Gelassenheit. Es handelt sich um einen Einzelfall. Für das moderne Regietheater wird das jedenfalls keine Konsequenzen haben. Dessen Verfechter sind seit jeher streitbar und lassen sich nicht so leicht einschüchtern.

SPIEGEL ONLINE: Besteht nicht die Gefahr, dass Theatermacher künftig mit einer Schere im Kopf an die Stückauswahl gehen und von brisanten Themen lieber die Finger lassen?

Baumbauer: Auf diese Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Ich wüsste keinen einzigen Regisseur, der sich deswegen in seiner Arbeit einschränken lassen würde. Im Grunde hat bereits jede Inszenierung eines Klassikers wie "Nathan der Weise" das Zeug dazu, zu provozieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben also nicht, dass mit der Absetzung der "Idomeneo"-Inszenierung ein Präzedenzfall in Sachen Selbstzensur geschaffen wurde?

Baumbauer: Dadurch werden mit Sicherheit keine neuen Regeln aufgestellt werden. Es handelt sich hier um eine zugespitzte Situation, die keinen Flächenbrand auslösen wird. Im Gegenteil - ich glaube, dass die Debatte die Haltung der Theater eher stärken wird als dass sie sie schwächt.

Das Interview führte Jenny Hoch

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