Orange Social Design Award 2014: Die Sieger - und die Shortlist
Orange Social Design Award U-Bahn-Schacht als Lebensquell
Gewinner-Projekt "U-Rangerie": Gewohnter Raum
Der Jury-Preis des Orange Social Design Award, dotiert mit 2500 Euro, geht an die "U-Rangerie", ein provisorisches Mini-Gewächshaus über einem U-Bahn-Schacht. Zur 50-Jahr-Feier der Gropiusstadt in Berlin 2012 haben Sara Lusic-Alavanja, Paul Kunzel, Zara Pfeifer, Stefan Liczkowski, Salome Wackernagel, Johanna Dreier und Malte Heinze den Prototypen entwickelt und auch gebaut. Als grünen Ort der Gemeinschaft. Stellvertretend für die Gruppe hat SPIEGEL ONLINE den Studenten Malte Heinze interviewt.
SPIEGEL ONLINE: Herr Heinze, warum baut man als Architekturstudent eigentlich ein Gewächshaus?
Heinze: Die Idee ist aus einem Semesterprojekt in der Berliner Gropiusstadt entstanden, unter dem Thema: Gewohnter Raum. Wir haben einen ganzen Katalog von Szenarien entwickelt, waren über Wochen oft vor Ort, haben mit den Anwohnern gesprochen. Die Gropiusstadt ist ein typische Satellitenstadt der Nachkriegsmoderne: Sie ist durch die U-Bahn gut angeschlossen, fühlt sich aber nicht mehr an wie Berlin. Es gibt viele Grünflächen. Doch gerade in den kalten Monaten verlieren die Grünräume ihre gemeinschaftlichen Qualitäten. Das wollten wir ändern.
SPIEGEL ONLINE: Gewohnter Raum, Grünflächen in der Stadt nutzen, klingt gut. Aber warum dann ein Gewächshaus über dem U-Bahn-Schacht?
Heinze: Uns sind diese Gitter über den Schächten schon zu Beginn aufgefallen, als unauffällige Hinweise für das Städtische. Letztlich haben uns Kinder zu unserer eigentlichen Idee hingeleitet.
SPIEGEL ONLINE: Wie das?
Heinze: Bei unserer Recherche beobachteten wir eine Kindergartengruppe. Als die Kleinen eine heranfahrende Bahn hörten, stellten sie sich auf das Gitter des Luftschachtes, aus dem für einen kurzen Moment ein Luftstrom aufsteigt. Sie ließen sich die Haare durchpusten und tanzten dabei herum.
SPIEGEL ONLINE: Von der wärmenden Luft aus der U-Bahn zu einem Gewächshaus ist es gedanklich immer noch ein weiter Weg.
Gewinner des Jurypreises v.l.n.r.: Malte Heinze, Salome Wackernagel, Sara Lusic-Alavania, Zara Pfeifer, Stefan Liczkowski, Paul Künzel, Johanna Streicher
Foto: Katrin WürtembergerHeinze: Zunächst ging es darum, dass die Kinder dem Prozess spielerisch begegnen. Bei einem ersten Rundgang unseres Kurses mit dem Professor haben wir Tüten auf die Gitter des Luftschachtes gelegt und sie tanzen lassen. Irgendwann kam uns im Studio die Idee, mit der warmen Luft ein Gewächshaus zu beheizen. Nachdem wir einen Prototyp entwickelt hatten, haben wir unsere Semesterferien genutzt, um die "U-Rangerie" innerhalb von drei Wochen zu bauen.
SPIEGEL ONLINE: Gab es Probleme beim Aufbau?
Heinze: Es war Sommer, also musste unser Konzept umgekehrt funktionieren: Statt warmer leiteten wir kühle Luft ins Gewächshaus. Viele Anwohner sorgten sich zudem um Vandalismus. Unsere Konstruktion war sehr filigran, Hölzer mit ein paar Folien. Das hätte man sehr leicht zerstören können. Schon beim Aufbau mussten wir jeden Morgen bangen, ob noch alles steht. Doch nur ein einziges Mal war ein Teil der Folie eingeschnitten.
Orange Social Design Award 2014: Die Sieger - und die Shortlist
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Anwohner auf Ihr Projekt reagiert?
Heinze: Sehr positiv. Die Genehmigung vom Grünflächenamt hat zu Beginn etwas länger gedauert. Doch nachdem wir uns entschieden hatten, die Installation vier anstelle von zwei Wochen stehen zu lassen, haben wir sogar eine Expressgenehmigung bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das Gewächshaus auch selbst bepflanzt?
Heinze: Nein, um die Bepflanzung und ein Programm hat sich eine andere Studentengruppe gekümmert, im Kontext unseres Seminars Akademie einer neuen Gropiusstadt. Sie haben mehrere Workshops angeboten, vor allem mit einem Kindergarten haben sie schnell wachsende, essbare Pflanzen wie Kresse gesät. Abends dann haben Nachbarn das Gewächshaus zugeschlossen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Projekt zu siebt gestemmt. Wollen Sie auch weiterhin zusammenarbeiten?
Heinze: Ein Teil von uns hat das Studium schon beendet, ein paar andere sind gerade dabei, ihre Abschlussarbeit zu machen. Wir haben auch nach 2012 in kleineren Konstellationen in diesem Gruppenverbund zusammengearbeitet. Wir würden gerne weiter im und mit dem öffentlichen Raum arbeiten. Dann vielleicht auch weniger provisorisch.
Trampen für Gemütliche
Die "Mitfahrerbank": Trampen im Sitzen
Der Publikumspreis für den Orange Social Design Award, ebenfalls mit 2500 Euro dotiert, geht an die "Mitfahrerbank". Gemeinsam mit Kollegen von der Caritas Westeifel und weiteren Freiwilligen initiierte Ursula Berrens im Rahmen eines großen Demografieprojekts ein Teilkonzept, das die Mobilität in der Kleinstadt Speicher fördern soll. Die Psychologin und Psychotherapeutin Berrens arbeitet seit Jahren bei der "Anlaufstelle für Senioren" in Speicher, knapp 20 Kilometer von Bitburg entfernt.
SPIEGEL ONLINE: Frau Berrens, erklären Sie mal: Wer soll auf der Mitfahrerbank Platz nehmen?
Berrens: Die Bank soll ein Kristallisationspunkt für spontane Fahrgemeinschaften sein, also unkompliziert die Möglichkeit geben, von Randgebieten ins Zentrum der Stadt zu kommen und zurück. Bei uns in Speicher ist das ÖPNV-Netz wirklich löcherig.
SPIEGEL ONLINE: Fahrgemeinschaften sind einleuchtend. Wie sind Sie auf das Symbol der Bank gekommen?
Berrens: Es gab da so einen erhellenden Moment. Ich fuhr mit meinen Kollegen Senta und Karin Plein durch den Ort. Wir wollten Plätze für neue Ruhebänke aussuchen. Senta erinnerte sich plötzlich, wie sie als Kind die Bahnhofsstraße regelmäßig hinabhechtete, um den Schulbus zu erreichen. Und so manches Mal verpasste. Da kam mir die Idee: Lass uns die Bänke doch als Mitfahrerbänke installieren.
SPIEGEL ONLINE: Trampen im Sitzen- auf solch eine Idee kommt man spontan?
Berrens: Mobilität ist auch für ältere Leute ein großes Thema. Viele Seniorinnen haben keinen Führerschein und möchten nicht ständig darauf angewiesen sein, von Nachbarn oder Verwandten gefahren zu werden. Oft liegen Seniorenheime ja auch in Randbezirken. Bei der Mitfahrerbank können sie mit einem Schild anzeigen, wo sie hinwollen. Hat der Fahrer das gleiche Ziel, kann er oder sie anhalten. Gleichzeitig lernt man Leute kennen.
Gewinner des Puplikum- Preises (v.l.n.r.): Marius Berrens, Karin Plein, Ursula Berrens, Senta Plein, Joachim Hansen
Foto: Katrin WürtembergerSPIEGEL ONLINE: Aber widerspricht das nicht der Regel, die man schon als Kind lernte: Nie mit Fremden in ein Auto steigen?
Berrens: Na ja, eine Stadt hat ja ein Gemeinwesen, man kennt sich zumindest oberflächlich. Ein solches Projekt fordert noch mehr auf, sich kennenzulernen. Außerdem gibt es eine soziale Kontrolle: Die Bank steht in der Öffentlichkeit. Irgendwer sieht immer, wer dort wartet und wer anhält.
SPIEGEL ONLINE: Aber man könnte einer alten Dame schon leicht die Tasche entwenden während der Fahrt.
Berrens: Natürlich gibt es ein Risiko. Aber die Kriminalität ist nicht hoch bei uns.
SPIEGEL ONLINE: Und was passiert bei Unfällen?
Berrens: Dann greift die Haftpflicht des Fahrers.
SPIEGEL ONLINE: Das alles erfordert schon viel Engagement.
Berrens: Ich bin davon überzeugt, dass man mit solchen Impulsen das Engagement der Leute noch steigern kann. Ich höre immer wieder, wie viele Leute gerne jemanden mitnehmen. Kritiker, die sich um die Sicherheit sorgen, machen eben einfach nicht mit.
SPIEGEL ONLINE: Wie wird die Bank denn angenommen?
Berrens: Noch etwas zögerlich, klar, es ist eine neue Idee. Gerade für Jüngere ist die Mitfahrerbank selbstverständlicher. Kürzlich verpasste ein Junge den Bus zur Schule. Da setzte er sich auf die Bank und wurde vom Pastor mitgenommen.
SPIEGEL ONLINE: Und was kommt nach der "Mitfahrerbank"?
Berrens: Ach, ich habe noch viel vor. Ich will mit den Speicherer Senioren Skype-Abende machen, einen Rufbus für Ärzte einrichten und Rollatortraining veranstalten. Und die Aktion: Ich teile meine Bank, für Bänke auf Privatgrundstücken. Irgendwas fällt mir immer ein.