Ornament-Schau: Teppichbild mit Schlachthausszenen - DER SPIEGEL
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Ornament-Schau Teppichbild mit Schlachthausszenen

Keine Angst vor Mustern und Dekorativem: Das einst geschmähte Ornament ist zu einer globalen Sprache geworden, wie eine wunderbare Kunstausstellung in Wien beweist. Die meisten der gezeigten Künstler sind in Europa unbekannt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die "Macht des Ornaments" heißt die Ausstellung im Unteren Belvedere in Wien, die schon beginnt, ehe man die Schau überhaupt gesehen hat. Nämlich dann, wenn man durch das verzierte geschwungene Mitteltor die barocke Sommerresidenz des Prinzen Eugen betritt – ein gebautes Ornament. Rechts herum geht es durch prunkvoll barocke Repräsentationsräume und für ein paar Schritte führt der Weg durch die Gartenanlage – mit formvollendeten Kegelschnitt-Bäumen, frisierten Hecken, gewinkelten Rasenstücken, Putten und Muschelbrunnen – zur Orangerie, in der die Ausstellung zu sehen ist.

Seit 2007 ist die Orangerie zum weißen Raum für Sonderausstellungen ausgebaut. Das sei der "perfekte Platz" für ihre Ornament-Schau, sagt die Kuratorin Sabine B. Vogel, denn nirgendwo sonst hätte sie in ihre Ausstellung ein Werk von Gustav Klimt einbeziehen können. Und nirgendwo sei ihre Ausstellung besser zu verstehen als in der Stadt Adolf Loos', der seine Polemik von 1908 über "Ornament und Verbrechen" 16 Jahre später selbst revidierte: "… Ich habe aber damit niemals gemeint, was die Puristen ad absurdum getrieben haben, dass das Ornament systematisch und konsequent abzuschaffen sei… Das klassische Ornament spielt im Zeichenunterricht dieselbe Rolle wie die Grammatik." Man brauche das Ornament, um "Ordnung in unser Leben" zu bringen, so der geläuterte Loos.

Vogel zeigt in ihrer Ausstellung mit zeitgenössischer Fotografie, Objekten und Gemälden und drei Künstlern aus der Jahrhundertwende, nämlich Klimt, Josef Hoffmann und Carl Otto Czescheka, dass das Ornament heute "vor allem voller Widersprüche" ist. Das Ornament sei heute "eine Kulturuniversale", schreibt Vogel in ihrem Katalog. Traditionen, ob aus der Katholischen Kirche oder der islamischen Miniaturmalerei und Kalligraphie würden aufgegriffen, modifiziert, aktualisiert oder kritisiert. Das Ornament sei nicht mehr Dekor, sondern globale Sprache.

Und wie die aussieht ist sehr schön in ihrer Ausstellung zu sehen. Das Besondere und Schöne daran ist, dass Vogel Arbeiten von Künstlern aller Kulturen zusammen bringt, von denen die meisten in Europa unbekannt sind. Wie die 85-jährige Iranerin Monir Shahroudy Farmanfarmaian, die nach ihrem Kunststudium in Teheran in den fünfziger Jahren in New York lebte und den Abstrakten Expressionismus, Pop- und Minimal Art kennen lernte. Als sie ein paar Jahre später, zurück in ihrer Heimat, einen völlig mit winzigen Spiegeln besetzten Heiligenschrein besucht, ist sie fasziniert von der tausendfachen Lichtbrechung und der minimalistischen Klarheit des Materials und arbeitet seitdem an Bildern mit Mustern und Rastern aus kleinen Spiegelformen.

Auch der junge Inder Imran Qureshi bezieht sich in seiner Arbeit auf eine traditionelle Kunstform, die Miniaturmalerei. Sein gemaltes Blattwerk, ursprünglich ein Zitat aus kleinen religiösen Bildern, rankt sich inzwischen über Wände in Ausstellungen, in Moscheen und sogar in eine Londoner U-Bahn. Und seine gezeichneten Blätter bedecken auch Massenvernichtungswaffen – Qureshis Kommentar zum Indien/Pakistan-Konflikt.

Ein Teppichbild im Digitaldruck von Rashid Rana, der auch Miniaturmalerei studierte, zeigt auf den ersten Blick das klassische persische Medaillon der Teppichknüpfkunst, beim genauen Hinsehen entpuppen sich die roten Muster allerdings als kleine Fotos von blutigen Schlachthausszenen. Hunderte von ausgebluteten Ziegen hatte er an dem Tag fotografiert, an dem Benazir Bhutto aus dem Exil zurückkam. Die ganze Erfahrung auf dem Schlachthof sei zu überwältigend, um in ein Kunstwerk übersetzt werden zu können, fand Rana. Aber als er abends das Attentat im Fernsehen sah, habe er nicht anders gekonnt, als seine Fotos mit den blutigen Szenen des Attentats in Verbindung zu bringen, und er habe gewusst, dass er seine Fotos zu einem Kunstwerk verarbeiten musste.

Auch die 1962 in Teheran geborene Parastou Forouhar, die in Offenbach lebt, arbeitet mit Irritation. Ihre zwölf ausgestellten Sitzsäcke mit arabischer Schrift hat sie nach oben hin so verjüngt, dass deren Silhouetten wie die einer kauernden Burka-Trägerin aussehen.

Augentäuscherei ist auch Sakshi Guptas "Landscape of Walking Memories". Was auf den ersten Blick wie eine sehr schöne geknüpfte weiche Steppdecke aus langen Wimpernkränzen und Federn aussieht, entpuppt sich als ein Konstrukt aus Draht und Metall – Kälte und Starre statt Weiblichkeit und Wärme.

Genau Hinsehen sollte man bei allen Bildern und Objekten, auch wenn sich der schöne Schein als Dekadenz und Frivolität wie in den funkelnden mit Halbedelsteinen besetzten Lackbildern von Raqib Shaw entpuppt. In der märchenhaften Welt im indischen Kaschmir, berühmt für die Schönheit seiner Landschaft und seine exquisiten Textilien, ist Shaw aufgewachsen. Woher dann die Folterwerkzeuge, die Körperfesselungen, sadomasochistischen Szenen, Spritzen oder phallusförmigen Hörner auf den schönen Bildern? "Als ein fröhliches Zusammenfinden diverser Stile und Kulturen" wolle der Künstler, der heute in London lebt, seine Szenen verstanden wissen. Und "als Spiegelbild seiner eigenen komplexen Lebensgeschichte und persönlichen Gemütslage", schreibt Christine Bruckbauer, Lektorin an der "School of Oriental and African Studies" in London, in ihrem Katalogbeitrag.

Auch Arbeiten bekannter Künstler zeigt Vogel, etwa Objekte von Mona Hatoum, Fotoarbeiten der in New York lebenden Iranerin Shirin Neshat, ein Bild der Britin Sarah Morris und drei riesengroße Gemälde des US-Amerikaners Philip Taaffe, der auf seine Architekturfragmente, Fliesenmuster und Ornamente aus allen Kulturen oft noch Schmetterlinge oder Echsen malt, bis die Überlagerungen einen psychedelischen Effekte erzielen.

Hier kommen Orient und Okzident zusammen, Tradition und Moderne, Globalisierung inbegriffen. Kleine Verschiebungen machen aus der eigenen Tradition einen politischen Kommentar. Manche Künstler arbeiten konsequent und streng, andere bunt durcheinander, Schriften und Sprache können zum Bild werden und Bilder Geschichten erzählen. Wer sich dann noch durch den guten Katalog liest, macht in ein paar Stunden im Unteren Belvedere eine kleine Kultur-Weltreise.


Ausstellung "Die Macht des Ornaments". Wien. Orangerie, Unteres Belvedere  bis 17.5.