Private Handybilder "Dieses Unvorhersehbare gefällt mir"
Mann im Anzug: "Manchmal erkenne ich mich in einer Szenerie wieder"
Foto: Nidal Sadeq
Nidal Sadeq, 44, ist Marketingmanager und lebt in Essen (Instagram @bottropx). Fotografie hat eine große Bedeutung in seinem Leben, egal ob mit dem Handy oder der Spiegelreflexkamera. "Manchmal schmeiße ich mich spontan auf den Boden, wenn ich ein tolles Motiv sehe," sagt Sadeq. "Einmal in Berlin ging dabei eine Krawatte drauf, leider auf dem Weg zu einem Geschäftstermin." Sadeq hat 1769 Fotos auf seinem Handy.
SPIEGEL ONLINE: Herr Sadeq, Sie fotografieren Männer in Anzügen?
Sadeq: Nicht ausschließlich. Ich mache Fotos von Augenblicken, die mich berühren.
SPIEGEL ONLINE: Warum hat sie dieser Mann berührt?
Sadeq: Das Foto hat für mich eine besondere Bedeutung, weil es einen eilenden Geschäftsmann zeigt, wie ich es sonst selber bin. Er lief die Champs-Élysées entlang. Ich sah ihn, ging spontan in die Hocke und drückte ab. Die Qualität des Bildes hat mich dann aber selbst überrascht.
Hobby-Fotograf Nidal Sadeq: "Der Moment, in dem man auf den Auslöser drückt, ist am spannendsten"
Foto: Anne BackhausSPIEGEL ONLINE: Was genau macht die Qualität für Sie aus?
Sadeq: Zufällig wehte beim Abdrücken sein Anzug etwas auf. Dieses Unvorhersehbare gefällt mir besonders und macht für mich den Reiz von Fotografie aus. Der Moment, in dem man auf den Auslöser drückt, ist am spannendsten. Man weiß ja nicht, was genau passiert. Manchmal kribbelt es dann im ganzen Körper.
SPIEGEL ONLINE: Sie hören sich gar nicht wie ein gestresster Geschäftsmann an.
Sadeq: Das gehört zu der Geschichte meines Lieblingsbildes.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Sadeq: Vor drei Jahren wurde ich sehr krank. Als der Arzt mit mir sprach, hörte ich nur zwei Wörter: "Krebs" und "bösartig". Das war ein Schlüsselerlebnis. Mein erster Gedanke im Schock war, dass ich mehr vom Leben haben will, als nur zu arbeiten. Kaum war ich aus dem Krankenhaus, habe ich mir eine Kamera gekauft.
SPIEGEL ONLINE: Steigert Fotografie Ihre Lebensqualität?
Sadeq: Es war eine alte Leidenschaft von mir. Ich wollte aber vor allem nicht auf dem Sofa versauern - sondern brauchte etwas, das mich vor die Tür bringt und kreativ sein lässt. Da ich im Ruhrgebiet lebe, habe ich als Erstes stillgelegte Industrieanlagen fotografiert. Dafür war ich viel unterwegs, bin Bergehalden hochgeklettert und spazieren gegangen. Schließlich habe ich deshalb sogar meine Prinzessin gefunden.
SPIEGEL ONLINE: Sie lernten Ihre Freundin auf einem Ausflug kennen?
Sadeq: Genau. Zuerst hat es aber fotografisch peng gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Fotografiert sie ebenfalls?
Sadeq: Ja, wir lernten uns bei Instagram kennen. Ich wollte eigentlich gar keine Frau finden, aber ihre Bilder gefielen mir. Sie war ebenfalls im Ruhrgebiet unterwegs, und ihre Heimatliebe hat mich sehr berührt. Wir folgten uns gegenseitig und haben uns nach ein paar Monaten verabredet.
SPIEGEL ONLINE: Um gemeinsam auf Foto-Tour zu gehen?
Sadeq: Das war nur logisch. Du stehst auf Halden, ich stehe auf Halden - lass uns zusammen losziehen.
SPIEGEL ONLINE: Wo trafen Sie sich?
Sadeq: Auf der Halde Haniel in Bottrop. Seit diesem ersten Treffen sind wir zusammen. Es war Liebe auf den ersten Blick.
SPIEGEL ONLINE: Kommen Sie sich fotografisch nicht in die Quere?
Sadeq: Wenn wir fotografieren, geht jeder seiner Wege. Manchmal genieße ich auch nur den Augenblick und lasse ihr den Vortritt. Außerdem bin ich ja beruflich viel unterwegs und mache inzwischen sehr gerne Bilder von Menschen in Großstädten, wie zum Beispiel von dem Mann im Anzug in Paris.
Anne Backhaus, Jahrgang 1982, bekam die Idee für "Eins aus tausend", als sich auf ihrem Handy 3574 Fotos angesammelt hatten und sie aus Speichermangel löschen musste. Das ging viel leichter als befürchtet. Backhaus lebt in Hamburg, im Anschluss an ihr Volontariat bei SPIEGEL ONLINE arbeitete sie als Video-Reporterin für die Redaktion. Heute reist sie als Autorin und Filmemacherin um die ganze Welt. Von den Menschen, die sie unterwegs trifft, finden sich einige mit ihrer Foto-Geschichte hier wieder.