Palast der Republik: Auferstanden als Ruine - DER SPIEGEL
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Palast der Republik Auferstanden als Ruine

Im Palast der Republik gingen vor 13 Jahren die Lichter aus. Jetzt will ein Verein dem ehemaligen Sitz der DDR-Volkskammer neues Leben einhauchen - durch Ausstellungen, Konzerte und Installationen. Bis die Abrissbirne kommt und den Weg fürs Stadtschloss freiräumt.
Von Matthias Lohre
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Petra Pau und der ehemalige Sitz der Volkskammer der DDR haben eines gemeinsam. Beide sind fast vergessen, aber immer noch da. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb die PDS-Bundestagsabgeordnete auf dem Schlossplatz steht und geduldig auf Einlass in den Palast der Republik wartet. Rings um die kleine Frau mit den kurzen roten Haaren und den verschränkten Armen warten etwa 40 weitere Besucher. Zum ersten Mal seit 13 Jahren wollen sie einen Blick werfen in das, was vom DDR-Palast übrig blieb.

Der spöttisch "Palazzo Protzo" genannte Regierungssitz ist heute bloß noch ein gewaltiger Rohbau, nach Schließung, Räumung und Asbestsanierung besenrein gefegt. Übrig geblieben sind Betonböden und -wände, bis zu 35 Meter lange Stahlträger, ein paar Geländer und eine Treppe aus rotem Granit, die an bessere Zeiten erinnert. Die zahllosen Hängelampen, die dem Gebäude einst den Namen "Erich's Lampenladen" bescherten, sind abgehängt.

86 Meter von Ost nach West

Von ganz oben, in etwa dreißig Metern Höhe, haben die Besucher den besten Blick. Durch die gesamte Gebäudebreite können sie hier schauen, von einer Glasfassade zur anderen, 86 Meter von Ost nach West. Auf der einen Seite der Sockel des Fernsehturms, auf der anderen der Bertelsmann-Neubau "Unter den Linden 1", die Humboldt-Universität und das Auswärtige Amt.

Nur von außen erscheinen die Fenster braun. Innen, wo früher die Fernseh-Sendung "Ein Kessel Buntes" produziert wurde, scheint das Licht in einem fahlen Weiß. Über dem sechseckigen Großen Saal mit seinen ehemals 4800 Plätzen sind nur noch ein paar Stahlverstrebungen zu sehen. Dort waren einmal die Kabinen für die Dolmetscher. Wegen der Staatsgäste wie Indira Gandhi, die seit den siebziger Jahren der SED-Führung die Ehre erwiesen. Der Palast war der Ort, an dem sich die DDR-Führung in ihrer wachsenden internationalen Anerkennung sonnte.

"Erichs Lampenladen" verdient seinen Beinamen schon lange nicht mehr. Die Lichter gingen aus im berühmten Palast-Foyer, als die Volkskammer 1990 den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik beschloss. Das erste frei gewählte Parlament seines Landes besiegelte nicht nur sein eigenes Ende, sondern auch das Aus für den damals gerade mal 14 Jahre alten Protzbau. Die grellbunten Teppiche wurden eingerollt, die zeitgenössischen Gemälde kamen ins Deutsche Historische Museum, manche Möbel landeten in einer Berliner Szene-Disco. Auch das "Spree-Bowling" im Keller gibt es nicht mehr. Als 1990 draußen die Geschichte weiterging, wurde hier die Vergangenheit entsorgt.

Palazzo Protzo - in 1000 Tagen erbaut

Denn der Stolz der Werktätigen der DDR, die den Glaspalast in tausend Tagen aus dem Boden stampften, hatte einen 5000 Tonnen schweren Fehler: Spritzasbest, das in fast jeder Nische des Baus verwendet worden war. Dabei war die SED-Führung so stolz auf ihren Bau, in dem fast alles "Made in GDR" war. Nur nicht der Asbest. Der kam aus Schweden. Seit Mai 2003 ist die 70 Millionen Euro teure Sanierung des "Ballasts der Republik" abgeschlossen. Nun fragen sich viele, was mit dem ehemaligen sozialistischen Vorzeigebau geschehen soll.

Der Verein "Zwischen Palast Nutzung" hat die Türen des ehemaligen Vorzeigebaus jetzt wieder geöffnet. Der Besichtigung gehört vom 4. bis zum 26. Juli zu den Attraktionen der "Schaustelle Berlin 2003", die auch den Besuch von Fernsehstudios oder der Großbaustelle des Lehrter Stadtbahnhofs organisiert. Danach soll es im Palast erst richtig losgehen. Etwa 200 Pläne und Projekte für die "Bespielung" des Gebäudes gibt es schon heute. Mitarbeiten wollen unter anderem die Staatsoper Unter den Linden, das Deutsche Technikmuseum und der bekannte House-Musikclub WMF.

Palast-Fans Günter Grass, Bernd Eichinger, Daniel Barenboim

Die Enthusiasten schätzen, dass sie 1,2 Millionen Euro brauchen werden, um das Gebäude mit Sanitäranlagen zu versehen und alle sonstigen baurechtlichen Vorgaben zu erfüllen. Voraussetzung, dass der Bund der Nutzung zustimmt, ist die private Finanzierung des Projekts. Prominente Fürsprecher sind der Filmproduzent Bernd Eichinger, der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim und Günter Grass.

Stefan Rethfeld von "Zwischen Palast Nutzung" hofft auf eine endgültige Genehmigung durch das Bundesvermögensamt noch in diesem Sommer. Dann könnten die Veranstaltungen im Frühjahr nächsten Jahres beginnen und würden 2007 enden, wenn nach bisherigen Planungen die Abrissbirne am Palast ansetzen wird. Zumindest rechnen die Vereinsleute damit, dass in vier Jahren tatsächlich der Wiederaufbau des Stadtschlosses beginnt. Behindern wollen sie die Rekonstruktion des 1950 gesprengten Hohenzollern-Baus nicht, betont Rethfeld: "Uns geht es um ein würdevolles Abschiednehmen vom Palast der Republik, um eine Inszenierung des Verschwindens." Proteste von Schlossbefürwortern gebe es bisher nicht.

Gut, dass Petra Pau das nicht gehört hat. Nicht genug, dass die Gebäude-Führerin Karl und Wilhelm Liebknecht verwechselt hat. Jetzt behauptet diese Dame auch noch, es gebe seit zehn Jahren einen Bundestagsbeschluss, der den Abriss des Palastes der Republik vorsieht. Pau verschränkt die Arme noch fester als vorhin, draußen vor der Tür: "Vor einem Jahr hat der Bundestag beschlossen, das Stadtschloss wieder aufzubauen", sagt sie. "Eine Entscheidung über den Palast-Abriss gibt es aber bis heute nicht." Spätestens jetzt erinnern sich alle Anwesenden an Petra Pau.