Papst-Filme im TV Wojtyla ex Machina
Papst Johannes Paul II - muss man es betonen? - hatte viele Gesichter. Auch der Kirchenfürst war schließlich nur ein Mensch, der am 2. April 2005 im Alter von 84 Jahren starb. Wenn nun zu seinem ersten Todestag die ersten Telebiografien im Fernsehen laufen, ist jedoch nur ein Gesicht zu sehen. Obwohl Karol Wojtyla von drei verschiedenen Schauspielern - Michael Mendel (ZDF), Thomas Kretschmann (ARD) und Piotr Adamczyk (RTL2) - gespielt wird, trägt seine TV-Persona in allen Filmen einen identischen Gesichtsausdruck. Als hätten die Schauspieler die Grundtugenden des Neuen Testaments - Liebe, Sorge, Vergebung - zusammen gemischt und in eine Maske aus Polyethylen gegossen: "Poster Playing" statt "Method Acting".
Niemand hat zum ersten Todestag eine Demontage Wojtylas oder seines 26-jährigen Pontifikats erwartet oder gefordert. Und niemand ist überrascht, dass die "Biopics", "History-Flics", "Doku-Dramen" und, nun ja, Kostümfilme, die in diesen Tagen auf der ganzen Welt anlaufen, sein Leben und seine Mission auf eine eher sentimentale Art und Weise inszenieren, sich auf Krieg, Konflikte, Tod, Leiden, Blut und Erlösung konzentrieren, anstatt, wie es Film-Papst Kretschmann im ARD-Werk "Fürchtet euch nicht!" fordert, der Frage nachzugehen, wie "die Kirche mit den Herausforderungen der Moderne umgehen muss". Wojtyla gegen die Nazis. Wojtyla gegen die Kommunisten. Wojtyla und Mehmet Ali Agcas Kugel.
"Er musste alles verlieren, um seinen Weg zu finden", donnert es am vergangenen Wochenende bei RTL2 kurz nach der Werbepause in "Karol - Ein Mann, der Papst wurde". Man zuckt zusammen und merkt erst im letzten Moment, dass da doch nur der Film "Asoka - der Weg des Kriegers" beworben wird, der "gleich im Anschluss" läuft. Trotzdem passt die Filmbiografie erstaunlich gut in den Kontext der toughen Action-Adventures. Schließlich wird auch das Leben Karol Wojtylas anhand der narrativen Struktur der "Quests" erzählt, wie sie der US-Literaturwissenschaftler Joseph Campbell in seinem Klassiker "The Hero with a Thousand Faces" beschrieben hat: Der Held folgt dem Ruf des Schicksals in die Dunkelheit, er muss sein Zuhause verlassen und übermächtige Hindernisse und Feinde überwinden, bevor er als "verändertes und überlegenes Wesen aus den Abenteuer hervorgeht und nach Hause zurückkehren darf". Karol Wojtyla ist - wie Odysseus, Robin Hood und Luke Skywalker - ein klassischer Held.
Johannes Paul II ist im TV von uns gegangen und dort wird er auch wieder auferstehen. "JP II" ist eine Marke und - wie Mutter Theresa und Padre Pio - einer der ersten Heiligen des Informationszeitalters: eine neue, crossmedial vermarktbare Dreifaltigkeit, die auf T-Shirts, Tassen, Amuletten, Gebetsbüchern und in Serienerfolgen mit Fürbitten-Call-In einen veritablen Wirtschaftsfaktor bildet. Den RTL2-Zweiteiler "Karol - ein Mann der Papst wurde" ließ sich Berlusconis Firma Mediaset 12 Millionen Euro kosten. Die Einschaltquoten waren allein in Italien enorm. Eine Fortsetzung ist in Planung. Anhand der Bearbeitung des Papst-Bildes kann man in diesen Tagen sehr gut beobachten, was der Semiotiker Roland Barthes einmal als den motivierten Prozess der Mythologisierung beschrieb: Der Mythos "schafft die Komplexität der menschlichen Handlungen ab und leiht ihnen die Einfachheit der Essenzen".
Lieber in die Vergangenheit einfühlen
Im Fokus der telemedialen Ikonenmaler steht dabei das Wirken Wojtylas im Kampf gegen den Kommunismus. ARD und ZDF erzählen in beinahe identischen Storyboards von einer Konfrontation in einem polnischen Industriestädtchen in den Siebzigern, bei dem Wojtyla verbotenerweise eine Mitternachtsmesse durchführt und später den Bau einer Kirche erzwingt. Die Wende im Osten wird zur One-Man-Show. Nur Gero von Böhms Doku-Drama "Geheimnisse eines Papstes" (ZDF) arbeitet mit Archivbildern und Interviews und beschränkt sich auf einige szenische Darstellungen, weil, wie von Böhm sagt, "die wichtigen Sachen eben nicht aufgezeichnet werden". Hier erfährt der Zuschauer manchmal sogar etwas Neues: zum Beispiel traf sich Johannes Paul II regelmäßig mit dem CIA-Mann William Casey.
Die Attraktivität des modernen Medienkatholizismus, wie man ihn in den Stunden seines Todes erlebte, besteht vor allem darin, dass Denken und Glauben durch Fühlen ersetzt werden. Das Lebensgefühl der Papa-Boys passt zur emotionalen Erinnerungskultur der Gegenwart, in der man sich mit Hybrid-Formaten wie "Faction" oder "Doku-Drama" lieber in die Vergangenheit einfühlt, als lange darüber nachzudenken.
Zimmer statt Bach
Trotzdem bestehen die Papst-Biografen auf "akribischer Rechercheleistung" (ZDF) oder behaupten, ihr Film "basiere auf dokumentierten Ereignissen aus dem Leben von Papst Johannes Paul II" (ARD) Das hindert den Regisseur der deutsch-amerikanischen Koproduktion, Jeff Bleckner, jedoch nicht daran, eine absurde Szene einzubauen, in der ein etwa sechsjähriger "Lollek" Wojtyla als Torhüter einen Ball fängt und cool bemerkt: "Das war die Hand Gottes."
Hoffentlich ist die WM bald vorbei, denkt man sich, und registriert auch die anderen Groß-Effekte des modernen Kinos, die den Zuschauern das "Einfühlen" erleichtern sollen. Die Filmmusik klingt, als sei eher Hans Zimmer ("Gladiator") als Johann Sebastian Bach ("Matthäus-Passion") am Werk gewesen. Gero von Böhm sucht derweil im ZDF mit Handkamera und der Verwendung von natürlichem Licht nach Authentizitäts-Effekten. Oft sind szenische Teile mit Archivaufnahmen kunstvoll verschlungen. So steht Film-Papst Thomas Kretschmann zum Beispiel an Ostern 2005 würgend-sprachlos über dem Petersplatz - Schnitt - das Archivbild einer entsetzten Frau - Schnitt - der geschminkte Greis. Später darf der gut gealterte Kretschmann auch noch die Sterbeszene des Papstes nachspielen. Die Kameras hatten da - warum eigentlich nicht? - keinen Zutritt gehabt.
In den Papst-Filmen existiert das Böse noch und wird von tugendhaften und gleichzeitig bescheidenen Helden bekämpft. Im Hintergrund läuft derweil die Deus Ex Machina heiß: Tumore verschwinden, Spitzel werden bekehrt, Mauern fallen. "Gott ist tot, Genosse" - die modernen Zweifel an der hermetischen Gedankenwelt der Kirche bleiben in den Filmen den Systemfeinden vom KGB vorbehalten. Kaum eine Rolle spielen auch die Konflikte um Befreiungstheologie, Laien-Frage, Abtreibung, HIV und die Stellung der Frau.
Auslassungen sind Teil der künstlerischen Freiheit, aber es sind alles Themen, die Johannes Paul II in den neunziger Jahren das Image des unpopulären Reaktionärs verpassten, bevor der Relaunch zur Schmerzensikone so trefflich glückte. Allein das ZDF-Dokudrama fällt einmal aus dem ehrfürchtigen Tonfall heraus und lässt Wojtyla auf Zweifel aus dem Volk kalt den Timotheus-Brief zitieren: "Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht." Regisseur von Böhm meint dazu: "Keinem intelligenten Zuschauer wird das als Antwort genügen." Sein Wort in Gottes Ohr.
"Karol Wojtyla - Geheimnisse eines Papstes": 30. März, 21 Uhr im ZDF
"Fürchtet euch nicht! - Das Leben von Papst Johannes Paul II": 17. April, 17.45 Uhr, ARD