54. Kunstbiennale: Künstler sucht Promi
Party-Event Biennale Cool macht Kohle
Alles glitzert: das Wasser der Lagune, die Sonne auf den Kieswegen der Biennalegärten, die Gläser voller Spritz und Bellini, die Kristalle an den Tops und Sandaletten der Besucherinnen, die Decks der Oligarchen- und Milliardärsyachten am Kai. Na ja, und hier und da glitzert auch ein Kunstwerk.
Es ist die Zeit, wenn die Privatjets auf dem venezianischen Flughafen einfallen wie die Fliegen. Wenn die Wassertaxis pausenlos zwischen den Palazzi und den Giardini hin und her surren. Wenn die Vaporetti überquellen von Vernissagengästen in sommerlichen Anzügen und Cocktailkleidern.
So ist es alle zwei Jahre zu Biennalebeginn, und die "Bunte" titelt dann: "Wenn die Gondeln VIPs tragen". So wird es wieder sein, wenn am 4. Juni der glamouröse Eröffnungsreigen der 89 Nationenpavillons und der zentralen Ausstellung der 54. Kunstbiennale anhebt.
In diesem Jahr aber wird dem Spiel der Eitelkeiten, Wichtigkeiten und Partyvergnügungen schon vorab der Spiegel vorgehalten. Der eben erschiene Sammelband "Look at me. Celebrity Culture at the Venice Art Biennale", herausgegeben von Andrea Sick und Mona Schieren von der Hochschule für Künste Bremen, mixt Analysen, Interviews und künstlerischen Beiträge und untersucht, wie die Biennale alle zwei Jahre zum "Schauplatz ritueller Selbstvergewisserung ihrer Akteure" wird.
Venedig, ein einziges großes Schaufenster
Seit mindestens zehn Jahren verschmelzen die Welten des Kunstbetriebs und der VIP-Szene. Sie tun es auch anderswo: etwa bei den angesagten Kunstmessen in Miami Beach und London. Nirgendwo aber legt sich die Atmosphäre des Ortes so schmeichlerisch um die Erscheinungen derer, die der Kunst oder ihrem glamourösen Dunstkreis hinterher reisen: "Venedig bietet ein einzigartiges Bühnenbild für das Treffen der Kunstszene und der Celebrity-Gesellschaft", schreiben Sick und Schieren. "Die filmsetartige Stadtlandschaft, häufig als die romantischte der Welt beschrieben, bringt die Besucher dazu, ihren Auftritt, ihr Körperbewusstsein und ihre Gesten zu verändern."
Besonders gut drauf haben diese Posen die Prominenten aus der Modewelt. Mit ihr ist die Kunstszene in Venedig noch stärker verbandelt als anderswo. Für diese Liaison steht besonders der mächtigste Celebrity-Magnet der venezianischen Kunstszene: der französische Unternehmer und Kunstsammler François Pinault, zu dessen Imperium auch die Modemarken Gucci, Yves Saint Laurent und Bottega Veneta gehören.
Rechtzeitig zur Biennale 2007 hatte Pinault den Palazzo Grassi zum musealen Schaufenster seiner Sammlung ausgebaut. Anschließend gelang es ihm, die Punta della Dogana - eine direkt an der Mündung des Canal Grande gelegene, historische Premium-Immobilie - dem Guggenheim-Imperium wegzuschnappen und von Meisterarchitekt Tadao Ando restaurieren und ebenfalls zum Kunstspeicher umbauen zu lassen.
Zur Dogana-Eröffnungsparty parallel zum Biennale-Beginn 2009 begrüßte Pinault: Ex-Kaiserin Farah Diba, Königin Sonja von Norwegen, Charlotte Casiraghi von Monaco. An der Seite von Stella McCartney ließ sich in einem knielangen, rockartigen Kleidungsstück auch Modedesigner Marc Jacobs sehen.
Gate-Crashing zur Marktwertsteigerung
Am meisten Aufmerksamkeit aber erregte das einstige Supermodel Naomi Campbell. Mit hüftlangen Locken, einem bauschig-eleganten Kleid und schwarzen, knöchelbetonten High Heels wurde sie binnen kurzem öfter abgelichtet als noch das glamouröseste Kunstwerk der Biennale.
Später am Abend gab das italienische Modehaus Missoni vor samtiger Sonnenuntergangskulisse eine Dinner Party zu Ehren des Konzeptkünstlers Bruce Nauman, der den US-Biennale-Pavillon bespielte. Ort des Geschehens war die Missoni-Yacht "Timoteo", auf der dann etwa die Stil-Ikone und damalige "Vogue"-Chefredakteurin Carine Roitfeld dinierte und auf den seidenbezogenen Polstern der Kojen die Jeunesse dorée aus den Häusern Missoni und Niarchos abhing. War die gewöhnlich öffentlichkeitsscheue Hauptperson auch dabei? Die meisten VIP-Postillen vergaßen, den Künstler zu erwähnen.
Das Buch zum Biennale-Celebrity-Brimborium sichtet aber nicht nur den entfernt kunstaffinen Zeitvertreib der Glitzermenschen. Es beschreibt auch, wie der VIP-Faktor abstrahlt auf die zahllosen Kuratoren, Nachwuchskünstler und Kritiker, die es gewöhnlich nicht in die Klatschgazetten schaffen.
Für sie werden die engen Gassen, die Brunnen, Trattorien, die Gärten und Feten zu einem quirligen Kunst-Kontakthof für immer neue Vernetzungen, fiebrig schnelle Verabredungen und Tipps zum Gate-Crashing exklusiver Partys, die nach dem Motto funktionieren: Je weniger reinkommen, desto wichtiger geht man wieder raus. "Der Celebrity-Faktor wirkt", so schreibt die Schieren, "nicht nur auf der Starebene, sondern die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit sichert teilweise das Überleben, weil es sicherstellt, das man den nächsten Job bekommt."
Nicht alle aber erliegen dem VIP-Sog. Der ohnehin mit einem ziemlich guten Humor ausgestattete Künstler Roman Ondak hatte 2009 das Innere des slowakisch-tschechischen Pavillons als bruchlose Fortsetzung des umgebenden Parks gestaltet. Als ihn während der Eröffnungstage ein wichtiger europäischer Sammler auf seine Yacht einlud, beschied er ihm: Nein, er könne nicht kommen. Er müsse seine Büsche gießen.
"Look at me. Celebrity Culture at the Venice Art Biennale", herausgegeben von Mona Schieren und Andrea Sick. Verlag für Moderne Kunst, 232 Seiten, zahlreiche Abb., 24 Euro.