Passionsspiele: Archaische Wucht - DER SPIEGEL
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Passionsspiele Archaische Wucht

Behutsam versucht Regisseur Christian Stückl die hinlänglich bekannte Leidensgeschichte Jesu in die heutige Zeit zu transportieren. Neben den betont differenzierten Charakteren sind es jedoch vor allem die prächtigen Bühnenbilder und farbenfrohen Kostüme, die an der Aufführung in Oberammergau faszinieren.
Von Sven Siedenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sehr ergreifend, die Passionsspiele in Oberammergau, wo nicht nur der Himmel blauer ist als anderswo, sondern auch die Stücke länger: fast sieben Stunden. Aber handelt es sich bei diesem bayerischen Sitzmarathon, der so viel Pathos bietet wie eine Wagner-Oper und so viel Blut wie eine Shakespeare-Tragödie, überhaupt um Theater? Eigentlich erinnert die Aufführung an einen feierlichen Gottesdienst, denn es riecht nach Weihrauch und immer wieder singen sie "Hosianna" und "Halleluja".

Obwohl auf der Bühne des frisch renovierten Freilufttheaters (mit seinen 4700 Plätzen eines der größten in Europa) ausschließlich Laien agieren, kann man sich der archaischen Wucht ihrer Dialoge und ihres Gesangs nicht entziehen. Ein Chor und ein Sprecher führen durch das Leben Jesu Christi - vom Einzug in Jerusalem über das Abendmahl bis hin zur Verurteilung durch Pilatus und der anschließenden Kreuzigung samt Auferstehung. Zwischendrin gibt es Musik und prächtige Tableaus: Lebende Menschen, zum Standbild eingefroren, die Szenen aus dem Alten Testament nachstellen, wie etwa den Tanz um das Goldene Kalb oder die Engelserscheinung auf dem Ölberg.

Vieles ist neu in dieser episch dahinfließenden Inszenierung. Zum Beispiel die Kostüme, die einer klar strukturierten Farbdramaturgie folgen: das Volk ist in sandfarbene Leinengewänder gekleidet, die Priester tragen blaue Kleider und hohe Hüte, die Römer sind an ihren roten Rüstungen erkennbar. Auch hat Regisseur Christian Stückl jene antisemitischen Passagen gestrichen, nach denen die Juden schuld sind am Tod von Christus. Und immer offenbaren die Figuren ihre Widersprüche. Weshalb Judas' Motiv für seinen Verrat nicht ausschließlich im Geld liegt, sondern auch in seinen Zweifeln an der Macht des Gottessohnes. Solche Veränderungen sind es, die diese hinlänglich bekannte Leidensgeschichte unaufdringlich gegenwärtig machen. Und weil Stückl immer die Balance hält zwischen tiefer Verzweiflung und frohlockender Heilserwartung, zwischen stiller Meditation und lärmenden Massenszenen - deswegen kommt während dieser Aufführung nie Langeweile auf.

Sehenswert ist auch die begleitende Kreuzweg-Installation des amerikanischen Künstlers Robert Wilson, die gleich hinter dem Festspielhaus zu besichtigen ist: Eine "Via Crucis" aus 14 kapellenartigen Hütten auf pittoreskem Voralpen-Rasen. In einer flattert Pop-Diva Madonna als Ersatzgöttin, in einer anderen fletschen fünf rote Wölfe ihre Zähne. Die Botschaft ist klar: Es gibt keine Erlösung.