Peter-Doig-Schau Der Künstler und sein Kanu
Das kürzeste Kunsträtsel geht dieser Tage so: Frage: Kanu? Antwort: Doig! Wer sich in der zeitgenössischen Kunst halbwegs auskennt, muss bei dem Motiv Kanu sofort an den Maler Peter Doig denken. Und noch immer ist das Paddelboot sein bekanntester Bildgegenstand. Im letzten Jahr wurde sein "Weißes Kanu" für unglaubliche 5,7 Millionen Pfund versteigert.
Derzeit wird Doigs Karriere in einer Retrospektive resümiert, die nach Stationen in London und Paris jetzt in der Frankfurter Schirn gastiert. Dabei begann sein Erfolgsweg etwa parallel zu dem von Damien Hirst: um 1990 und ebenfalls in London. Doch Doigs Kunst war nicht cool; sie war geheimnisvoll, ja romantisch. Sie war nicht hip; sie war "homely", also "häuslich" oder "heimelig", so jedenfalls nannte er sie selbst. Auch mit den eher trashigen Bohème-Chic-Objekten der damaligen Brit Art hatte sie nichts zu tun; sie kaprizierte sich vielmehr auf das Medium Malerei, das damals als ziemlich ausgelaugt galt.
Doig, 1959 in Edinburgh geboren, ist ab dem zweiten Lebensjahr auf Trinidad und ab dem siebten in Kanada aufgewachsen. Von dort ist er dann zum Kunststudium nach London gegangen. Seit 2002 lebt er mit Frau und fünf Kindern wieder auf Trinidad. Ab und zu fliegt er nach Düsseldorf, wo er seit 2005 an der Kunstakademie lehrt. Reflexe dieses Lebens aus Umzügen, Abschieden, verblassenden und wiederbelebten Erinnerungen spiegeln sich in seinem Werk. Ein Haus, ein Wald, ein See, eine Bucht das sind seine Motive. Kuratorin Judith Nesbitt beschreibt die Atmosphäre der Bilder so: "Es hängt eine merkwürdige Stille über ihnen keine Ruhe, sondern eine Todesstille mit einem verstörenden Sog."
Doig malt nicht reale, sondern erinnerte, ja verlorene Landschaften. "Ich habe diese 'Landschaftsidee' in London zu malen begonnen, unter Rückgriff auf die Erfahrungen, die ich in Kanada gemacht hatte." So nannte er diese Produktionsweise einmal "eine Form von Flucht, denn das, was hinter der Tür lag, war tatsächlich so völlig anders. Das Werk wurde zu einer anderen Welt."
In diesen Werkwelten steht oft eine einsame Figur herum, in Gedanken versunken, traumverloren. Wie ein Stellvertreter des Betrachters vermittelt sie das spezifische Doig-Erlebnis: dass man hinein gesogen wird in einen Gefühlsraum, den man schon einmal genau so durchlebt zu haben meint. Dieser Atmosphäre einer dunklen Ahnung arbeitet seine Malweise zu. Reflexe, Blitze, Spiegelungen, Doppelungen, Zonen der Unschärfe und pulsierenden Lichts all das erinnert an das Flirren, in dem die Umwelt versinkt, wenn Zeit vergeht, aber sich nichts ereignet und alles Wesentliche innen geschieht.
Doig malt Erinnerungen, die auftauchen, kurz bevor sie verglühen. Er fixiert sie und deutet gleichzeitig ihre Auslöschung an. Seine Landschaften, so meinte einmal ein Kritiker, seien "psychedelische Versionen des 'National Geographic'". Wenn sich diese Bildwelten als Cover von Romanen oder CDs oder für Filmplakate förmlich aufdrängen, so tun sie das, weil sie eher auf bereits ästhetisch empfundene Momente, auf Gegenwelten und Orte des Abseits verweisen als auf Brennpunkte der Gegenwart oder der Geschichte.
Besonders deutlich werden Doigs Stärken, wo die Frankfurter Schau konzentriert Werkgruppen zeigt: die Winterbilder etwa, bei denen Schnee und Spiegelungen im Eis die malerische Distanzierung vom Motiv tragen. Oder die Serie, in der ein Wohnblock gebaut von Le Corbusier durch Baumstämme und Blattwerk hindurchschimmert. Dagegen machen die neuesten, auf Trinidad gemalten Bilder ein wenig ratlos.
"Wohin gehst du, Maler", möchte man in Anlehnung an Gauguins berühmten Bildtitel fragen. Mal verblasst das Motiv in malerischen Abstraktionen, mal drängen porträtierte Personen klar konturiert in den Vordergrund und mal gehen Blicke über das Wasser auf Uferlandschaften. Auf Motivsuche ging Doig, indem er durch ein Teleskop fotografierte oder die wilde Nordküste Trinidads mit dem Kajak erkundete. Doch während er bisher das Flirrende seiner Szenerien in Durchblicken und atmosphärischen Schichtungen fokussierte, tappt er jetzt vage zwischen kaum nuancierten Farbflächen und deutlich konturierten Erscheinungen herum.
Klarer vermittelt sich Doigs Wirken auf der Insel am anderen Ende des Ausstellungsparcours. Seit 2003 veranstaltet er in Port of Spain zusammen mit seinem Künstlerkollegen Che Lovelace einen Filmclub. Regelmäßig werden in seinem Atelier in einer Ex-Rumfabrik Avantgardefilme, Klassiker und karibisches Kino gezeigt. Dazu malt er am Tag der Vorführung jeweils ein Plakat. Für Frankfurt hat er einen Ableger dieses StudioFilmClubs eingerichtet. Mittwochabends werden wie auf Trinidad Eintritt und Getränke frei sein. Und Doig wird versuchen, möglichst oft dabei zu sein. Eine Minitheke aus Rattan und zwei alte Barhocker stehen jedenfalls bereit, als könnten er und sein Freund Che Lovelace jederzeit Platz nehmen und bei einem karibischen Bier darüber plaudern, wie es weitergeht: im Filmclub und auf der Leinwand.
Peter Doig, Schirn Kunsthalle , Frankfurt, bis 4. Januar 2009. Katalog: Peter Doig, Hrg. von Judith Nesbitt, DuMont Verlag, 175 Seiten, 39,90 Euro