"Peter Pan": Blinkende Barbiepuppen - DER SPIEGEL
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"Peter Pan" Blinkende Barbiepuppen

Andere plaudern aus dem Nähkästchen, Leander Haußmann öffnet lieber seine Spielzeugkiste. Der "Sonnenallee"-Regisseur schenkt der Stadt Bochum zum Abschied seiner Intendanz am Schauspielhaus eine kindlich-ironiefreie Neuinszenierung des Märchens "Peter Pan".
Von Matthias Heine
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Das Theater ist die letzte Heimstatt des Rock-'n'-Roll-Lifestyle. Einer wie Leander Haußmann hängt noch immer dem angestaubten Hotelzertrümmerer-Ethos an, das in den Zeiten cooler HipHopper mindestens so antiquiert wirkt wie ein Knattermime in Strumpfhosen, der mit gipsernem Pathos Schillerverse dröhnt. Im Theater hat man halt noch Verständnis für Leute, die nicht erwachsen werden wollen und die sich zur Bekräftigung dieses Wunsches in der Bochumer Kantine mit ihrem Regiekollegen Jürgen Kruse prügeln oder betrunken zur Drehbuchpreisverleihung bei Staatsminister Naumann kommen.

Wenn so einer mit 41 Jahren und zum Ende seiner Intendanz in Bochum J. M. Barries Märchenklassiker "Peter Pan" inszeniert, muss man die Aufführung wohl als mehr oder minder geheime Autobiographie deuten. Bei der Wiener Premiere dieser Koproduktion mit den dortigen Festwochen wurde dementsprechend einem Piraten gut sichtbar das Logo des Bochumer Schauspielhauses in der Haußmann-Ära auf die Brust tätowiert: Ein leuchtend rotes Herz.

Wo das Herz immer noch Trumpf ist, müssen die beiden zentralen Wunderfiguren des Stückes folgerichtig von zwei wundervollen Frauen gespielt werden: Annika Kuhl ist Peter Pan und Margit Carstensen ist der böse Kapitän Haken. Allen Gewalten zum Trotz auf Kindlichkeit beharrend, hat Haußmann einen Traum rekonstruiert: Sein "Peter Pan" ist die Vision einer Zeit, in der die Verabredungen mit der Phantasie des Publikums noch gültig waren. Da wirkte der Zuschauer daran mit, dass aus dem wehenden Stofftuch ein brausender Ozean wurde. Da erzeugten ein paar blitzschnell heruntergelassene Prospekte mehr virtuelle Realität als alle digitalen Spezialeffekte.

Die allgegenwärtige Ironie ist heute gewissermaßen die Tinte, mit der Publikum und Regie einen Vertrag unterzeichen, in welchem sie anerkennen, dass Theater so naiv eigentlich gar nicht mehr möglich ist. Zur Belohnung schüttet der Ausstatter Ezio Toffolutti eine verschwenderisch gefüllte Spielzeugkiste aus, die mit Feen - blinkende Barbiepuppen, die zum Bühnenhimmel schweben - und einem riesigen Stoffkrokodil gefüllt ist.

Haußmann hat der Stadt Bochum zum Abschied ein Weihnachtsmärchen mitten im Sommer geschenkt. Mag sein, dass den Bochumern darüber wie Kapitän Haken "Gift und Galle" hochkommen. Denn ein letztes Mal pocht der Intendant darauf, der Unfug sei das wahre Reich der Freiheit. Darüber ist er sich in fünf Jahren mit seinem Publikum nie einig geworden. Mittlerweile hat er allerdings eine Insel gefunden, auf der er vielleicht glücklich werden könnte: Sie liegt nicht im Niemalsland, sondern an der Sonnenallee.

"Peter Pan", bis zum 24. Mai 2000 täglich in Wien, Ronacher. Im Bochumer Schauspielhaus: 27. Mai bis 1. Juni und 3./4. Juni 2000