Phänomen "Herr der Ringe" Mechanismen eines Mythos
Wie erklärt sich die Wirkung eines Longsellers, der die Welt seit fast 50 Jahren in Fans und Feinde teilt? Zunächst darf man nicht vergessen: "Der Herr der Ringe" ist kein Roman, sondern Schlussteil einer Jahrtausende umfassenden Mythologie. Anfang 1917 begann der damals 25-jährige John Ronald Reuel Tolkien, die Geschichte seiner Jahrtausende umfassenden Legende zu verfassen - heute als "Silmarillion" bekannt.
Schon vorher hatte er begonnen, Kunstsprachen zu entwickeln, die zu Bestandteilen dieses Kosmos wurden. Genealogien, weitere Sprachen, Chroniken, Heraldik und Karten vervollständigten die Phantasiewelt. Die wichtigsten Quellen Tolkiens sind bekannt: von dem finnischen Mythenepos "Kalevala" über die "Edda" bis hin zu nordischen Sagen oder der "Beowulf"-Dichtung.
Aber so abgehoben seine Welt auch scheinen mochte, der Oxford-Professor Tolkien verarbeitete in ihr auch eigene, ganz persönliche Traumata und Schlüsselerlebnisse. Anders als die meisten, wenn nicht alle seiner Fantasy-Nachfolger und Epigonen hatte er den Horror des Krieges am eigenen Leib gespürt und mit Glück überlebt. Ein weitere prägende Erfahrung war seine verbotene Jugendliebe zu Edith Bratt. Die biografischen Elemente wären hier uninteressant, wenn sie nicht auch ihren literarischen Niederschlag gefunden hätten: Der an der Front erlebte Schrecken von Tod und Gewalt zieht sich wie ein Leitmotiv durch sein gesamtes Werk.
Die Figur des Sam Gamdschie, des treuen Gefährten Frodos, ist, wie Tolkien selbst bekannte, inspiriert von den einfachen britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Seine persönliche Romanze verarbeitete er in der Geschichte des menschlichen Helden Beren und der Elbenprinzessin Lúthien, die zusammen in die Festung des bösen Herrschers eindringen. Diese Sage wiederum findet zweimal ganz explizit ihren Reflex im "Herrn der Ringe": zum einen in der Handlung von Aragorn und Arwen, die wie Tolkien und seine Frau Edith erst nach langer Trennung zusammenkommen dürfen, zum anderen bei Frodo und Sam, auch eine Art von Liebespaar, das sich vor dem Betreten des finsteren Mordor an die Beren-Lúthien-Mär erinnert. Kurzum: "Der Herr der Ringe" ist kein kühl kalkuliertes Konstrukt, sondern in gewissem Sinne erlebte und erlittene Autobiografie.
Aber seine Wirkung wäre nie so fulminant gewesen, hätte sich der Autor nur aufs Weben großer Mythenteppiche spezialisiert. Doch es gab ja auch noch Tolkiens Kinder. Für die entwarf der fabulierlustige Papa drollige Erzählungen, bis er eines Tages sogar einen ganzen Märchenroman über den Hobbit Bilbo Beutlin schrieb.
Nach dem Erfolg des effektvollen Kinderbuchs sollte er eine Fortsetzung verfassen. Aber je weiter die Handlung fortschritt, desto stärker schoben sich Elemente der unveröffentlichten Epen ein. Und zwar ohne dass Tolkien das wollte. "Geschichten geraten einem aus der Hand", gestand er seinem Verleger. Genau das war der Glücksfall. Die kindgerechten Hobbits mit ihrem bodenständigen Sinn für Komik gerieten zu perfekten Instrumenten, um seine schwere Mythologie dem normalen Leser zu erschließen.
Wohl deshalb startete er die Handlung des "Herrn der Ringe" in einer gemütlichen Kleinbürgerwelt und führt sie langsam in immer größere Dimensionen über. Die Räume werden weiter, die Situationen dramatischer, die Figuren exotischer. Die Perspektive des Lesers ist identisch mit der der kleinen Helden, mit denen er diese fremde Welt sprichwörtlich erfährt. So taucht er Schicht für Schicht tiefer in den virtuellen Raum des "Herr der Ringe" ein. Mit dieser Methode orientiert sich Tolkien am traditionellen Reiseroman, mit der er auch die Vorliebe für lange Landschaftsbeschreibungen teilt.
Doch er schickt den Leser nicht nur im Raum vorwärts, sondern auch in der Zeit rückwärts. Wie die Hobbits lernt er immer mehr von der Prähistorie des "Silmarillion" kennen. An jede Ruine, jede Statue, an denen die Fahrt vorbeiführt, scheinen sich alte Sagen zu knüpfen. Der erste Band der Trilogie, in dem sich dieser Übergang zwischen kleiner und großer Welt vollzieht und wo der Kontrast zwischen Hobbits und Helden am stärksten ist, besitzt daher auch die größte Faszination. Wenn Tolkien hingegen ins Sagenpathos abgleitet und in martialischen Schlachtenschilderungen schwelgt, lässt sich "Der Herr der Ringe" nicht mehr so einfach goutieren. Aber selbst dann finden sich immer wieder trockene "One-liner" der Hobbits, die die gravitätische Schwere durchbrechen.
"Der Herr der Ringe" teilt indes auch die Stärken alter Sagentexte: Seine Helden sind keine strahlenden Lichtgestalten, sondern gebrochene Figuren. Der Königserbe Aragorn, eigentlich der klassische Heros, ist in den ersten beiden Bänden ein rauer Außenseiter, der auch Schwäche zeigt und über das Geschehen keine Kontrolle hat. Der Hobbit Frodo wird von der Last seiner Aufgabe in immer schlimmere Depressionen gestürzt und würde nie an sein Ziel gelangen, hätte er nicht seinen zuverlässigen Sam oder den in sich zerrissenen Gollum als Helfer. Ebenso ist das Buch reich an tragischen Familiengeschichten, die geschickt aufeinander bezogen sind. In mancher Hinsicht erscheint "Der Herr der Ringe" hochmodern, etwa in seiner harschen Kritik an der Umweltzerstörung. Aber hier spiegelt sich wohl eher die konservative Grundhaltung Tolkiens wider, der sich nach seinem "merry old England" sehnte. So steckt in der Trilogie denn auch viel reaktionäres Gedankengut: Die menschlichen Schurken sind meist dunkelhäutige Ausländer. Frauen haben in Männerberufen in der Regel nichts verloren. Und: Je älter desto besser.
Intellektuell gestimmte Rezensenten verdammen den "Herrn der Ringe" vor allem als pubertäre Fluchtliteratur. Dabei übersehen sie, dass das Buch von grandioser Melancholie durchtränkt ist. Denn die Lage der Protagonisten ist trotz gelegentlicher Triumphe hoffnungslos, und die Zerstörung des Ringes führt gleichzeitig dazu, dass die vertraute Welt langsam verschwindet. Wie Figuren der Postmoderne wissen die Helden, dass sie Teil einer Geschichte sind, die zu Ende gehen muss. Mit dem Schlusssatz des Romans tritt Sam aus der Story heraus: "Ja, ich bin zurück." Tolkien selbst dagegen beteiligte sich nie an den Debatten um seinen Roman. Stattdessen widmete er seinen Bewunderern und Beckmessern ein paar lakonische Verse: "The Lord of the Rings/is one of those things/if you like you do/if you don't, then you boo!"