Pianist Igor Levit begeistert mit Beethoven-Stücken - DER SPIEGEL
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S.P.O.N. - Der Kritiker Ein Amokläufer am Klavier

Er ist ein Einzeltäter, zu jeder Zeit extrem: Für die Kunst des jungen Pianisten Igor Levit muss man gewappnet sein. Sie wirft existentielle Fragen auf und scheut auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod nicht. Ein Glück, dass es solche Musiker gibt.
Pianist Igor Levit: Der Schock beginnt schon in den ersten Sekunden
Pianist Igor Levit: Der Schock beginnt schon in den ersten Sekunden

Pianist Igor Levit: Der Schock beginnt schon in den ersten Sekunden

Foto: Barbora Prekopova/ picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Warum noch mal genau Beethoven? Ich bin ja kein großer Klassikkenner, ich mag manches, sehr sogar, und kann es auch bewundern, die Schönheit von Bach etwa, der in dieser Welt eine Welt bauen wollte, die größer war als er, oder die Sinnlichkeit von Mozart, der den Menschen mit all seinen Fehlern feierte. Aber Beethoven blieb mir immer fern.

Warum also stellt da auf einmal ein 25-jähriger Pianist, der die späten Sonaten von Beethoven spielt, die richtigen, die existentiellen Fragen - Fragen, die mich direkt erschüttern, weil sie sehr von heute sind und weil sie, so wirkt es, speziell an mich gerichtet sind?

Igor Levit heißt der Pianist, er hat dunkle Haare und sehr wache Augen und ein Gesicht, das wohl immer jugendlich bleiben wird, obwohl er schon heute weiser wirkt als die meisten Menschen um mich herum. Es ist ein Widerspruch in ihm, eine Widerspenstigkeit, die freundlich tut, es aber wohl gar nicht ist, er ist schließlich Künstler, womöglich sogar ein großer, und also irgendwie auch, so viel Klischee muss sein, ein Monster.

Zwiesprache mit dem eigenen Tod

Die späten Sonaten, hat er mir erklärt, sind eigentlich für ihn tabu, so wie der "König Lear" nichts ist für hungrige 25-jährige Schauspieler, die sich nicht darum kümmern, was andere von ihnen denken - vor allem die "Hammerklaviersonate", Opus 106, die müsse man sich erarbeiten mit seinem Alter, mit seinem Leben, sagte er in einem Ton, der klar machte, wie sehr er all das ignorieren würde, was die anderen von ihm erwarten.

Da liegt sie nun also, die erste CD von Igor Levit, an diesem Freitag erscheint sie - und der Schock beginnt schon mit den ersten Sekunden, in denen eine Vergeblichkeit etabliert wird, die im Folgenden in immer neuen Varianten gegen die Welt, vor allem aber gegen das Individuum gerichtet wird, Beethoven gegen sich selbst einerseits, Levit gegen sich selbst andererseits, und beide gegen mich.

Es ist eine brutale Schönheit, die hier aufreißt, wie eine Hand, die Wolken teilt, und die Sonne dahinter versengt alles. Beethoven klopft mit diesen Sonaten ans Haus des Lebens, das klingt toll, das klingt hohl, das klingt verzweifelt. Es ist seine Zwiesprache mit dem eigenen Tod - aber so, wie Levit das spielt, herrscht trotz allem keine Angst, er nimmt den Tod mit Bewunderung fast und mit Respekt, er spielt ihn jung.

In jedem Moment ein Extremist

Egal ob Beethoven herrisch auftrumpft oder tief verstört ist, egal ob er Türme von Noten aufbaut und sie mit lautem Lachen zum Einsturz bringt - Levit nimmt es gelassen, fast erheitert, wie es seine Art ist: Er hat ein tiefes, metaphysisches Interesse an der Kaputtheit, die sich hier auftut, speziell in der "Hammerklaviersonate", aber er wird den Teufel tun und sich davon verschlingen lassen.

Er ist ein Einzeltäter, ein Amokläufer, das schon, in jedem Moment ein Extremist und dadurch sehr heutig und zeitgenössisch, es dominiert auch bei ihm eine Einsamkeit, eine Unbedingtheit, eine Grausamkeit, erst einmal sich selbst gegenüber - aus der dann allerdings eine Lust entsteht, eine durchaus autoerotische, aber niemals onanistische Lust. Levit hält diese Grenze, er hält sie, indem er sein eigenes Leben, seine eigene Biografie in die Waagschale wirft.

Dieser späte Beethoven, den er uns zeigt, ist ja sehr Beckett, in dem Sinn, dass der Vergeblichkeit ein immer neuer Versuch entgegengesetzt wird, denn Aufgeben ist keine Option und jede Katastrophe auch eine Komödie - und Igor Levit, der als Kind aus Russland nach Deutschland kam, bringt etwas mit, das ihm diese Dimension eröffnet.

Es ist eine Suche in diesen Stücken, nach Herkunft, nach Heimat im Metaphysischen, es ist eine Suche nach den Tönen in der Stille - und am Ende ist es zwar nicht egal, wie alt jemand ist, der diese Stücke spielt, vor allem aber braucht er eine geistige Freiheit, die vom Alter unabhängig ist.

Levit lässt einen erschüttert und erleichtert zurück. Glücklich, wer solches Geleit hat durchs schreckliche Labyrinth des Lebens.