Plakat-Ausstellung: Wenn sich Wähler ein Bild machen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Plakat-Ausstellung Wenn sich Wähler ein Bild machen

Modefotograf F.C. Gundlach gibt sich erstmals politisch: In Hamburg zeigt er Bilder von entstellten Wahlplakaten. Ob ironisch, komisch oder wütend - die kontrovers-kreativen Reaktionen des Wahlvolks können sich sehen lassen.
Von Sophie von Puttkamer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist Wahlkampf - und das Volk fiebert mit. Denkste! Vielen geht das Gerangel um die Macht auf die Nerven, sie schalten bei politischen Botschaften ab oder schauen daran vorbei. Ein stiller Protest. Weniger still ist der Protest jener Wähler, den eine Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe dokumentiert, pünktlich zur Bundestagswahl. "Wählers Gunst oder die kleine Rache des Souveräns" zeigt rund 80 Fundstücke des bekannten Fotografen F.C. Gundlach: Bilder von Wahlplakaten, die der Wähler manipuliert hat.

"Knipst Birne aus" sprühten Unbekannte in großen, schwarzen Lettern auf ein Wahlkampfbild von Helmut Kohl (CDU), als dieser 1987 das dritte Mal als Kanzler kandidierte. Der feindselige Ton war keine Ausnahme. Die bissigsten Bemerkungen galten den konservativen Kandidaten. Auf ein Konterfei von Franz Josef Strauß (CSU) klebte jemand im Bundestagswahlkampf von 1980 einen Hitlerbart und die zum Hitlergruß erhobene Rechte. Die Stirn von Walter Leisler-Kiep (CDU) beschmierte ein Kritiker 1982 in Hamburg mit einem Hakenkreuz.

Spott und Häme, meist jedoch harmloser, traf auch die anderen Parteien. Zur Bundestagswahl 1972, als Willy Brandt (SPD) gegen Rainer Barzel (CDU) antrat, bekam ein Porträt von Brandt Vampirzähne verpasst. Johannes Rau (SPD) verhöhnte man 1987 als "Butterweichen Pfannekuchen". Dem FDP-Spitzenkandidaten Hans-Dietrich Genscher malte ein Scherzkeks im Jahre 1983 Hasenohren ans Porträt.

37 Jahre lang, von 1972 bis heute, hat F. C. Gundlach mit seiner Kleinbildkamera verfremdete Wahlkampfplakate bei Bundestags-, Europa- und Kommunalwahlen fotografiert. "Graffitis haben mich stets fasziniert, außerdem wollte ich nicht immer nur Mode ablichten", sagt der 83-Jährige. Das Wahlplakat sei ein deutsches Phänomen: Parteien-Eigenwerbung mittels Pappschild, das gebe es in dieser Form in keinem anderen Land.

Der "Souverän" schreitet in der Anonymität der Nacht zur Tat

Um die skurrilen, provokanten Wählerreaktionen einzufangen, musste Gundlach häufig früh aufstehen. Der "Souverän", wie Gundlach den Bürger nennt, schreitet schließlich in der Anonymität der Nacht zur Tat, da auf seine Sachbeschädigung nach Paragraf 303 des Strafgesetzbuches zwei Jahre Zuchthaus folgen können. Gundlach musste die manipulierten Plakate entdecken, bevor die Wahlkämpfer sie am nächsten Morgen wieder überklebten.

Ob per Graffiti, Aufkleber oder Wortgeschmier, die Manipulation der Plakate habe sich über die Jahrzehnte wenig verändert, sagt er. Genauso wenig wie das Wahlplakat an sich: Damals wie heute zieren es schlechte, banale Porträts und Begriffe wie "gerecht", "frei" und "sozial".

Die Ausstellung wäre noch sehenswerter, hätte man es bei Gundlachs Fotografien belassen. Kurator Jürgen Döring hat jedoch zusätzlich 47 unverfälschte Wahlplakate im Original, Drucke und Titelbilder aus dem Archiv gezerrt. Leider ist die Bandbreite der Bilder arg begrenzt; die Auswahl wirkt, als sei sie auf die Schnelle und wahllos zusammengestellt worden - eine überflüssige Idee. Glücklicherweise sind die Werke Gundlachs in der Überzahl. Kein Grund also, zum Boykott aufzurufen.


Ausstellung Wählers Gunst oder Die kleine Rache des Souveräns. Wahlplakate aus drei Jahrzehnten - fotografiert von F.C. Gundlach. Hamburg. Museum für Kunst und Gewerbe.  Bis 27.09. Tel. 040/428 134 27 32.