Plakatkunst der Black Panthers Der Staat, das Schwein
Am 24. September 2007 stand der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten Bill Clinton am Eingang der Little Rock Central High School und hielt neun Rentnern die Tür auf. Es waren die Little Rock Nine, eine Gruppe schwarzer Studenten, denen die Universität im Jahr 1957 so lange den Zutritt verwehrte, bis Dwight Eisenhower zu ihrem Schutz Soldaten abkommandierte. Ein Ereignis, das nicht ganz so berühmt wurde, wie die Weigerung der Bürgerrechtlerin Rosa Parks, ihren Sitzplatz im Bus einem Weißen zu überlassen, und doch kamen über 4000 Gäste zum 50. Jahrestag. Clinton wurde mit einer Verve umarmt, als hätte er damals persönlich dem Rassismus Einhalt geboten. Es war einer dieser schönen amerikanischen Momente, in denen alle Beteiligten sich auf die Schulter klopfen, weil sie mit vereinten Kräften die Gleichberechtigung vorangetrieben und die Welt zu einem "better place" gemacht haben.
Das kann man natürlich auch anders sehen. "Auch Barack Obama würde nur wieder eine Marionette des Corporate America sein. So wie Nixon, Ford, Reagan und Clinton vor ihm", sagt der ältere Herr mit dem rasierten Schädel, ohne die Stimme zu heben, ohne den Hauch eines Zweifels. In einem Vorort von San Francsico sitzt Emory Douglas, 64, im Wohnzimmer seines kleinen Reihenhauses. Nebenan liegt seine blinde Mutter, auf dem Couchtisch sieht man Familienfotos, und hinter ihm steht ein Puppenhaus für die Enkel. Der Garten ist eine kleine, überwucherte Betonwanne, in der zugigen Garage hat Douglas sich sein Arbeitszimmer eingerichtet. "Wir haben nicht immer so gut gewohnt", sagt er stolz. "Als ich ein Kind war, hatte unsere Wohnung kein Badezimmer. Ich schlief in der Küche und meine Mama im Wohnzimmer. Ich wusste, dass wir nichts besitzen. Aber arm habe ich mich nie gefühlt."
Die markige Rethorik des Mannes hat glorreiche Wurzeln. Auf dem Sims des selbstverständlich nicht aktiven Kamins steht eine winzige Skulptur, die eine dunkle Raubkatze beim Angriffssprung darstellt, daneben zwei Anstecknadeln zum 35. und 40. Jahrestag der Black Panther Party. Für den FBI-Chef J. Edgar Hoover waren ihre Gründer Bobby Seale und Huey Newton in den späten sechziger Jahren Anführer einer Terrorbande, für die internationale Linke (von Mao bis Jane Fonda) waren die Black Panthers Speerspitze beim Kampf gegen den US-Imperialismus.
"Ich rieche Speck"
Bis heute gibt es keine politische Vereinigung, deren Bildsprache so wirkungsvoll ist wie die der Black Panther Party. Die Parteiuniformen schwarzes Barett, Lederjacke, scharf gebügelte Hosen waren aggressiv und sexy; die Poster atmeten den Geist von Popkultur und politischer Agitation, sie waren mal wüste Collage, mal nüchterne Ikonen.
Minister für Kultur war der offizielle Titel, den Emory Douglas ab 1969 bei der Black Panther Party trug. Er produzierte die Parteizeitung The Black Panther Black Community News Service, fertigte Collagen, Illustrationen, Poster und Flyer an. Heute wird er als visionärer Meister seines Faches geehrt. Das Museum of Contemporary Art in Los Angeles zeigt ab November eine Retrospektive seiner Arbeiten, und kürzlich erschien der Bildband "The Revolutionary Art of Emory Douglas".
"Ich rieche Speck", hat mit brüderlichem Humor der kalifornische Künstler Mike Kelley seine Würdigung für Douglas überschrieben: "Als Teenager entdeckte ich die Arbeiten von Emory Douglas (...), und es war Liebe auf den ersten Blick. Seine Poster waren die visuelle Stimme der Black Panthers, und seine unvergesslichen Bilder von Polizistenschweinen und heruntergekommenen Slumwohnungen bewegen mich bis heute. Ich sehe immer noch das Poster vor mir, auf dem eine Ratte ein schlafendes Baby angreift. Was für ein Bild! Seine Arbeit ist abwechselnd grausam und erhebend, grotesk und auf eine volkstümliche Art schön. Er ist ein großer Künstler."
"Ich habe meine Kunst immer in den Dienst der Sache gestellt. Wichtiger als die Anerkennung der Kunstwelt ist mir, dass die Community Zugang zu meinen Arbeiten hat und sie benutzen kann", sagt Douglas, dessen Wesen nichts von dem Parteijargon hat, in den er manchmal verfällt. Er ist ein freundlicher, älterer Herr, der Interview und Fotoshooting geduldig über sich ergehen lässt, auch wenn er zwanzig Minuten regungslos sitzen bleiben muss, weil eine Lampe immer wieder zentimeterweise verrückt wird: "Kein Problem. Ich habe heute morgen mein Yoga gemacht."
Seine Kunst pflegte einen anderen Ton. "Jede Tür, die die Faschisten einzutreten versuchen, wird sie dem Tod näher bringen", steht über einer seiner Illustrationen, und darunter: "Schießt, um zu töten." Die Grafik zeigt im Hintergrund die Füße einer farbigen Person und den Lauf eines Gewehres, im Vordergrund liegt ein Mann in Uniform mit sehr großem Loch im Rücken.
Deutlich wie ein Comic
Formal eine ansprechende Arbeit: Fein ausbalanciert die Spannung zwischen der Diagonale des Holzfußbodens und der Horizontale des Wohnungseingangs, die von kräftigen Linien definierten Flächen sind mit Mustern gefüllt, die an Roy Lichtenstein erinnern. "Natürlich hatte ich Arbeiten von Warhol und anderen Pop-Art-Künstlern gesehen", sagt Douglas heute. "Aber interessiert hat mich das nicht besonders. Meine Tante hatte zu Hause den Kalender einer schwarzen Versicherungsgesellschaft mit Bildern von Charles White hängen. Das ist die einzige Kunst, die mich geprägt hat."
Auch nach dem Ende der Black Panthers hat sich Douglas nie um eine Karriere im Kunstbetrieb bemüht. Was jedoch keineswegs heißt, dass seine Arbeit ohne ästhetische Folgen blieb. Denkt man etwa an die zornigen Tuschezeichnungen, mit denen Raymond Pettibon kürzlich in seiner New Yorker Ausstellung bei David Zwirner George W. Bush und den Irakkrieg karikiert hat, dann lassen sich hier Spuren der Agitationskunst der Black Panthers erkennen: Text und Bild verschränkend, deutlich wie ein Comic, ideologisch bis zur Schmerzgrenze. Hat die Pop-Art die Themen und Ästhetik der Massenkultur in die Museen gebracht, so hat Emory Douglas aus der Rohheit des Straßenkampfs und den Stilmitteln der Pop-Art eine politische Waffe geschmiedet.
Als Emory Douglas acht Jahre alt war, zog seine schon damals halbblinde Mutter mit ihm von Grand Rapids, Michigan, nach San Francisco, weil der Junge an Asthma litt und einen Klimawechsel brauchte. Geschwister hat er keine, der Vater hatte sich verabschiedet, als sein Sohn drei Jahre alt war. Früh lernte Douglas, wer der Feind ist und wie man ihn überlistet. Kinder mussten damals eine Kette um den Hals tragen, an der ihr Name und ihr Alter abzulesen war. Wenn sie nach einer bestimmten Uhrzeit noch auf der Straße waren, konnte die Polizei sie direkt zum Jugendamt bringen. Diese Verordnung galt für alle, aber wurde in den schwarzen Stadtteilen schärfer kontrolliert.
"Wir kannten jeden Schlupfwinkel und wussten, wo wir uns verstecken konnten oder in welcher Gasse wir verschwinden mussten, um ganz woanders wieder herauszukommen." Seine Straßenkenntnis nutzte Douglas nicht nur zur Flucht. Er begann zu stehlen, verwickelte sich in Schlägereien, rauchte Marihuana. "Das Kokain", sagt er, "kam erst später."
Wie wird man vom Straßenkind zum Bürgerrechtler?
Wie wird man vom Straßenkind zum Bürgerrechtler? Der Schritt war weniger radikal, als man denken mag. Douglas schildert die Diskriminierung der Schwarzen in den fünfziger und frühen sechziger Jahren als eine Selbstverständlichkeit. Die Morde in den Südstaaten, die tägliche Schikane durch die Polizei. Die Sozialarbeiter im Jugendamt hatten ihrem Problemfall Douglas empfohlen, eine Ausbildung als Grafiker am City College zu machen. Er jobbte bei einer Siebdruckerei und als Schaufensterdekorateur, aber bald begann er, für schwarze Theatergruppen Bühnenbilder zu malen. Als er von einer Gruppe junger Männer hörte, die bewaffnet durch die schwarzen Viertel in Oakland patroullierten, um sich gegen Übergriffe der Polizei zu wehren, wollte er dabei sein.
Gleich nach seinem ersten Treffen mit Bobby Seale und Huey Newton der eine mit rhetorischer Brillanz, der andere mit dem Aussehen eines Filmstars gesegnet begann er für die Zeitung der Black Panther Party zu arbeiten. "Ich war noch ein totaler Anfänger. Mein Handwerk habe ich in den ersten Jahren erst richtig lernen müssen."
Die Angriffslust musste ihm niemand beibringen: "Was ist ein Schwein?" heißt es auf einer seiner frühen Arbeiten, die ein übel verprügeltes, auf Krücken humpelndes, von Fliegen umschwirrtes Schwein in Polizeiuniform zeigt. Es blieb lange eines seiner bevorzugten Sujets: das erschossene, erhängte, erstochene, in Fetzen gerissene Schwein, das die Polizei und damit den Staat verkörperte, der die Schwarzen, so sahen es die Black Panthers, schikanierte, provozierte, verprügelte, ermordete.
Diese Aufrufe zur Gegengewalt wirken heute, in Zeiten wohltemperierter gesellschaftlicher Konsensbildung, ziemlich verstörend. "So war das Klima damals", sagt Douglas ungerührt. "Ich hatte auch oft eine Waffe dabei. Und wenn sie ohne Untersuchungsbefehl in meine Wohnung kämen, würde ich sie auch heute noch Schweine nennen" Dabei gelang es Douglas noch, sich aus den Auseinandersetzungen weitgehend rauszuhalten. Er lebte mit einigen Parteifreunden in einer Kommune, seine beiden Kinder wurden, wie er stolz sagt, "als Panther geboren".
Panthers = Popstars
Er selbst wurde vier, fünf Mal festgenommen, aber blieb nie lange im Gefängnis. Insgesamt jedoch eskalierte die Auseinandersetzung zwischen den Black Panthers und dem Staat. Anfang 1969 war der Vordenker Eldridge Cleaver nach Kuba geflohen, Huey Newton saß wegen Todschlags eines Polizisten im Gefängnis (er wurde später freigesprochen), Bobby Seale saß ebenfalls ein. Beide warteten auf ihren Prozess, während zwei weitere führende Mitglieder der Partei in Los Angeles von der Polizei erschossen wurden.
Gleichzeitig gab es Unterstützung von Staatsfeinden aus Übersee. Mao Tse-tung, auf dessen Schriften sich die Black Panthers beriefen, empfing deren Vordenker Robert F. Williams persönlich, Fidel Castro gewährte Flüchtlingen Asyl, und beim Panafrikanischen Kulturfestival im Sommer 1969 wurden die Black Panthers wie Popstars gefeiert. Auch in den USA selbst gab es zahlreiche und lautstarke Sympathisanten, die die Kampfbereitschaft der Black Panthers als die durchaus angemessene Reaktion auf den Vietnamkrieg und den frisch gewählten Präsidenten Nixon sahen.
"Got a sweet black angel, up against my wall", sangen die Rolling Stones über die Aktivistin Angela Davis, als sie wegen Mordes im Gefängnis saß (auch sie wurde später freigesprochen). Die unvermeidliche Jane Fonda erklärte, Revolution sei ein Akt der Liebe und man müsse die Black Panthers mit "Liebe, Geld, Propaganda und Mut" unterstützen. Marlon Brando hatte bereits 1968 zwei Wochen mit Bobby Seale verbracht und Geld gespendet. Bei Benefizkonzerten traten Grateful Dead, Santana und George Benson auf. Plötzlich waren die Panthers Popstars, mit allen Problemen die ein Popstarleben mit sich bringen kann.
Posterboy der Bewegung
"Immerhin habe ich schnell wieder die Finger vom Kokain gelassen", sagt Douglas über seine Erfahrungen mit Drogen. Seinem Parteifreund Newton ging es anders. Ein Foto zeigt ihn 1970 in seiner Wohnung. Sein nackter Oberkörper strotzt vor Muskeln, in den Händen hält er das Cover von Bob Dylans "Highway 61 Revisited", auf einem anderen Foto sitzt er auf einem pompösen Korbsessel, unter sich ein Zebrafell, in der einen Hand einen afrikanischen Speer, in der anderen ein Gewehr. Newton war das Musterbild eines schwarzen Revolutionärs im Einklang mit seiner Zeit, der Posterboy der Bewegung. Und wie andere Popstars seiner Generation fand er am Ruhm und den Begleitsubstanzen ein wenig zu viel Gefallen.
Nach 1970 wollte er das Programm der Black Panthers korrigieren: Statt dem bewaffneten Kampf sollte sich die Partei lieber Selbsthilfeprogrammen widmen: Frühstück für Kinder, Impfungen, Schulgründungen. Sein eigenes Leben bekam er nicht in den Griff. 1974 wurde Huey Newton wegen Mordes an einer 17-jährigen Prostituierten angeklagt und floh vor dem Prozess nach Kuba. Nach seiner Rückkehr, drei Jahre später, wurde das Verfahren fallen gelassen.
In den Achtzigern veruntreute er zweimal Gelder von Black-Panther-Projekten und wurde 1989 von einem Dealer erschossen. Einige Tage später lagen am Tatort ein Blumenstrauß und eine Karte, auf der stand: "Huey Newton. Für die frühen Jahre". Douglas zuckt mit den breiten Schultern: "Ich habe bis zum Schluss versucht, ihn zu Auftritten und Reden einladen zu lassen. Aber die Drogen waren stärker."
Ende der Siebziger lösten sich die Black Panthers auf, zermürbt durch interne Konflikte und die systematische Unterwanderung und Verfolgung durch die US-Behörden. "Ich habe einfach weitergemacht", sagt Douglas. Er begann, für den Sun-Reporter zu arbeiten, die älteste afroamerikanische Zeitung in San Francisco. Seinen Weggefährten Bobby Seale trifft er noch regelmäßig bei gemeinnütziger Arbeit. "Unsere Lage hat sich seit den 70ern nicht gebessert," sagt er. "Im Gegenteil. Viele Sozialprogramme sind gestrichen worden. Crack und Aids haben uns geschwächt."
Adriano Sack© Juno Kunstverlag, 2007
"Black Panther: The Revolutionary Art of Emory Douglas" ist bis zum 20. Januar 2008 im MoCA, Los Angeles zu sehen