Pochers Kicker-Casting Entscheidend is auffer Bank
Die Sommermonate in den ungeraden Jahren sind für Fußballfreunde eine harte Zeit. Nebensächlichkeiten wie der Confederations Cup oder die U21-EM können die Wochen bis zum Bundesligastart nur ungenügend verkürzen, deshalb nehmen sich die wahren Fans schon mal zwei Tage Urlaub für den Trainingsauftakt ihres Lieblingsclubs, lassen das Familiengrillen am Samstagabend für die Pokalauslosung sausen oder gucken im schlimmsten Fall sogar Tennis. Wie gut, dass Oliver Pocher ein Erbarmen hat und in dieser trüben Zeit mit "Sportfreunde Pocher - Alle gegen die Bayern" bei Sat.1 eine Fußball-Castingshow aufs Feld und ins Fernsehen schickt.
Ende Juli treten seine Sportfreunde mit ihm als Spielmacher und Teamchef in einem Benefizspiel gegen den echten FC Bayern an, und bis dahin will Pocher eine schlagkräftige Elf aus Prominenten und Amateurkickern casten. Ex-Manager Reiner Calmund und Ex- (oder Noch-?)Trainer Werner Lorant stehen ihm mit Rat und Tat als Jury zur Seite. Logisch: Nach Sängern, Frauen für Bauern und gar Politikern werden nun auch Fußballmannschaften gecastet. Wäre für einige Bundesliga-Teams sicherlich der bessere Weg, als immer auf die Talente der Trainer und Manager zu vertrauen.
Wobei das mit den angekündigten "Prominenten" schon in der ersten Folge leicht problematisch war. Bushido: okay, aber Fler: wer? Ist auch ein Rapper aus Berlin, stellte sich schließlich heraus. Neben den Musikern durften sich auch Stabhochspringer Tim Lobinger und Schwimmer Steve Theloke an Übungen wie Tore schießen und bejubeln versuchen, schließlich wurden diesmal Stürmer für die Bayern-Herausforderer gesucht.
Der sportliche Part der Sendung versandete jedoch schnell in ein müdes Mittelfeldgeplänkel. Es gab zu wenig witzige Ideen wie die, die Teilnehmer gegen Oliver Pocher - verkleidet und frisiert als Mark van Bommel - zur Zweikampfschulung antreten zu lassen. Oder vor der Torjubel-Übung Vokuhila-Frisuren nach Vorbildern aus den achtziger Jahren zu verteilen. So war klar, dass die unterhaltsamen Elemente von der Bank kommen mussten.
Schwergewicht Calmund hat in der metaphorischen Beschimpfung von überforderten Kandidaten mittlerweile eine ähnliche Souveränität entwickelt wie sein musikalisches Pendant Dieter Bohlen bei DSDS, besonders schön dabei war, dass ausgerechnet die bösen Buben wie Bushido und Fler - in demütiger Schuljungenhaltung - ihr verbales Fett abkriegten, während die Amateurkicker durchweg über den grünen Klee gelobt wurden.
Werner Lorant hielt schon zu seiner Zeit als Bundesligatrainer nicht viel von Feinfühligkeit, und so holte er öfter und unnötigerweise den verbalen Holzhammer heraus. Immerhin: Seine graue Sturmfrisur sitzt immer noch wie eine Eins, ebenso die finstere Miene und die anscheinend festgemeißelten verschränkten Arme vor der Brust. Nach diesem Auftritt dürfte er bald wieder auf der Kandidatenliste stehen, wenn irgendwo ein "Schleifer" gesucht wird. Er musste auch den Running Gag der Sendung über sich ergehen lassen, als Pocher die Casting-Teilnehmer fragte, welche "Trainerlegende" in der Türkei nach nur sechs Spielen gefeuert wurde, weil sein Team alle verloren hat. Natürlich Lorant persönlich.
Und Pocher? Es war wie seine Parodie von Mark van Bommel: Solide, aber zu einem großen Spiel fehlte dann doch noch ein Stück. Das Bankdrücken gegen Elton unter der Aufsicht von Vitali Klitschko hätte durchaus erweitert werden dürfen dank spontaner Dialoge (Elton: "Du weißt doch bestimmt, wie der Muskel genau heißt?" Klitschko: "Ja."). Die Bayern-WG-Parodie mit Pocher als Oliver Kahn und Matze Knop: oft gesehen, aber ein, zwei gute Gags sind immer dabei. Zudem nimmt der Zuschauer Pocher seine Fußball-Leidenschaft ab, seit er sich im Frühstadium seiner Karriere als Fan von Hannover 96 outete und später sogar Teamchef Sansibars war. Sein Ehrgeiz in sportlichen Dingen dürfte auch kaum geringer sein als Stefan Raabs bei seinen verschiedenen Wettbewerben auf Pro Sieben.
In den nächsten Folgen sollte Pocher die Spielmacher- und Teamchefrolle der Sendung mehr an sich reißen. Immerhin ist das Team nach ihm benannt, er wird die Elf aufstellen und will sie sicherlich zu einem achtbaren Ergebnis führen. "Entscheidend ist auffem Platz", heißt eine alte Fußballerweisheit, aber in dieser Show kam es vor allem auf andere Akzente an, und von allen Teilnehmern der ersten Folge hat Pocher nun mal unbestritten die größten Entertainerqualitäten.
Auch bei den Ausscheidungsspielchen gibt es noch Steigerungsmöglichkeiten, da ist das Ende der Originalitätsfahnenstange noch nicht erreicht. Aber bei "Sportfreunde Pocher" war es wie bei vielen Bundesliga-Clubs: Da sind die Spieler zum Trainingsauftakt auch noch nicht alle in Bestform. Übrigens: Fler ist gegen Bushido ausgeschieden, diesen Namen muss sich also keiner merken.