POEtry: Lärm, Horror und Poesie - DER SPIEGEL
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POEtry Lärm, Horror und Poesie

Lou Reed und Robert Wilson präsentierten im Thalia-Theater die verrockte Version von Edgar Allan Poes Leben.
Von Stefan Keim
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es wird laut im Thalia Theater. So laut, dass am Sonntagabend schon im Foyer Menschen "mit empfindlichem Gehör" der Kauf von Ohrstöpseln angeraten wird, welche an der Garderobe für eine Mark zu erwerben sind. Komponist und Textdichter Lou Reed lässt es gleich in der ersten Nummer ordentlich krachen: "These are the stories of Edgar Allan Poe. He ain't exactly the boy next door." Das reimt sich so gerade, und die Erkenntnis, dass der Schöpfer einiger der gruseligsten Geschichten nicht gerade der Junge von nebenan ist, wirkt auch nicht ganz neu. Lou Reeds Klangsprache bewegt sich zwischen eingängigem Rock und einfachen Balladen. Mehr Experimentierfreude hätte dem Mann aus dem "Velvet Underground" gut zu Gesicht gestanden.

Edgar Allan Poe ist zweigeteilt: Ein alter (Christoph Bantzer) und ein junger Dichter (Dirk Ossig) reisen durch Fragmente ihrer Werke, Phantasien und Komplexe. Sie alptraumwandeln durch das aus vielen Inszenierungen bekannte Wilson-Land. Der Tod sieht einmal wie Max Schreck als Murnaus Stummfilm-Nosferatu aus, überhaupt ist die Welt des frühen Kinos wieder Inspirationsquelle des Regisseurs. Schattenrisse, bunte Beleuchtungsorgien, fliegende Menschen - all das ist nicht neu für den Wilson-Wallfahrer, aber es fasziniert immer wieder. Wilson und Reed legen wenig Gewicht auf den nackten Horror in Poes Werk. Seine Angst, lebendig begraben zu werden, kommt nur am Rande vor. Ihnen geht es um den Poeten, den Visionär des Schönen im Schrecklichen, den Übersensiblen, der seine Furcht stets reflektierte und ihr doch nicht ausweichen konnte.

Vor der Pause gibt es einige völlig überraschende Szenen: "Der Untergang des Hauses Usher" ist eine von Poes düstersten Erzählungen, ein Mann wimmert in fortschreitender körperlicher und geistiger Auflösung dem Tod entgegen, der ihn auch in Gestalt seiner aus dem Grabe auferstehenden Schwester ereilt, während das Schloss ähnliche Risse zeigt wie die Seele seines Herrn und bei dessen Hinscheiden zusammenbricht. Aus dieser Geschichte macht Robert Wilson eine Slapstick-Nummer von erlesener Künstlichkeit. Roderick Usher (Björn Grundies) hat tragikomische Weinanfälle à la Stan Laurel, und am Schluss kracht kein Gebälk und rieselt kein Staub. Die Wände gleiten elegant auseinander, und der Raum öffnet sich wie eine Knospe. Der Untergang als Wiedergeburt, ein herrliches Bild.

Nicht alle Einfälle Wilsons haben so etwas Magisches und Unerhörtes. Im zweiten Teil ist oft mehr Routine als Kreativität zu sehen. Doch jetzt dominiert die Dramaturgie die Bilder. Zitate aus Poes essayistischer Kurzgeschichte "Der Alb der Perversheit" ziehen sich durch den Abend. Da geht es um "den überwältigenden Drang, das Unrechte zu tun um des Unrechten willen", die menschliche Neigung, wider besseres Wissen zu handeln, den Reiz der Selbstzerstörung. Weitgehend ist nun Text-Theater im Wilson-Outfit zu sehen. Richtig Stimmung kommt jedoch erst beim Schlussapplaus auf, als Lou Reed Lust auf Zugaben kriegt und einige Songs mit der Stimme des Meisters erklingen.

Die nächsten Aufführungen: 18. Februar 20 Uhr, 19. und 20. 2. 15 Uhr, 21., 24., 25., 26. 2. 20 Uhr, 27. 2. 19 Uhr und 29. 2. 20 Uhr. Karten: 040 - 32 81 44 44 oder theaterkasse@thalia-theater.de