Pokémon Viele, viele bunte Monster
Begonnen hat alles mit einer Erfindung des Japaners Satoshi Tajiri. Per Nintendo-Gameboy wird der Spieler zum Trainer von kleinen Monstern, die dann ihre Kräfte mit anderen Monstern messen. Vorher müssen sie allerdings gefangen werden. Wer alle 151 verschiedenen Pokémon gefangen hat, wird Meistertrainer. Der Clou an der Sache: Wer ein Pokémon-Spiel kauft, bekommt nicht alle Monster mitgeliefert, sondern muss sie sich durch Tauschen ansammeln. Dazu werden die Gameboys mit Kabeln verbunden.
Das Geheimnis des Erfolgs ist "Gotta catch 'em all!", der Leitspruch der Pokémon-Trainer. Gameboy, Kartenspiel: Immer geht es darum, zu sammeln und zu tauschen. Das hektische Treiben um die bunten Karten ist zur Zeit die Lieblingsbeschäftigung amerikanischer 5 bis 10-Jähriger, ähnelt der fieberhaften Gier, mit der deren Eltern ihr Portfolio mit Aktien der aussichtsreichsten Internetfirmen komplettieren.
Noch rätseln Pädagogen, warum Kinder, die mit Power Rangers, Ninja Turtles und Star Wars ins Grundschulalter kamen, sich plötzlich für quietschende Low-Tech-Mutanten mit Säuglingshirn begeistern. Wahrscheinlich ist das schon die Antwort: Wie bei den Tamagotchi wecken die Pokémon die Lust, ein Wesen zu versorgen, das noch unbedarfter ist als man selbst. Der Gedanke dahinter ist genauso alt wie simpel: Gut gegen Böse. Von Rotkäppchen über Winnetou bis hin zur Toy-Story findet sich dieses Schema. Moralspielzeug als Anleitung, ein guter Mensch zu werden: Darauf sind bisher Kinder jeder Generation abgefahren. Kümmern ist cool, vor allem, wenn einem außer der unverbrüchlichen Liebe der Pokémon ihre "special abilities" zugute kommen. "Im Team seid ihr unschlagbar", ist denn auch die erste Lektion, die Pokémon den Zuschauern erteilt. Lektion zwei: Jedes Pokémon ist anders, und doch halten sie zusammen. Feiert die Gemeinsamkeit! Größe zählt nicht, lautet Pokémons dritte Botschaft. Mit seinen Elektroschocks kann der winzige Pikachu viel größere Pokémon außer Gefecht setzen - ernsthaft verletzt wird niemand. Nur wenn die Trainer nicht aufpassen, können Pokémon sterben.
Verantwortung für den Schwächeren und Respekt für den Älteren, Selbstaufgabe und ständiges Lernen (im Pokémon-Center, wo verwaiste Monster Zuflucht finden und Trainer instruiert werden): Weil die Sorge um sittliche Verwilderung in den USA nie größer war, macht die japanische Moralpredigt, die der in USA angelaufene Pokémon-Film den Kindern unterjubelt, auch viele Eltern zu überzeugten Pokémon- Befürwortern - und bedenkenlosen Merchandise-Käufern.
Pokémon lehrt nicht nur die Freuden des einträchtigen Miteinanders, sondern, wie viele Kommentatoren positiv anmerken, auch Verhandlungs- und Verkaufsgeschick. Denn solange nicht alle Monster zusammen sind, jagen die Kids hinter Karten und virtuellen Monstern her. Ein Urinstinkt des Menschen, das Sammeln, ist geweckt. Dass es dabei kürzlich bei einer Pokémon-Trading-Session einen Toten gab (ein Junge wurde niedergestochen), ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass es selbst im ausgehenden 20. Jahrhundert nicht gelungen ist, die Steinzeit zu verlassen.