Polnische Medienwende: Ende der Misstöne - DER SPIEGEL
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Polnische Medienwende Ende der Misstöne

Statt wie früher gegen Deutschland und Brüssel zu wettern, gibt sich die polnische Presse seit dem Amtsantritt von Premierminister Donald Tusk erstaunlich liberal. Beobachter sehen in der Charmeoffensive vor allem eine opportunistische Strategie der Medienkonzerne.
Von Olaf Sundermeyer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Polen gibt es dieser Tage ein Geheimnis, das schon tausendfach veröffentlicht wurde: Die Rede ist von der unangekündigten medialen Wende, die seit dem politischen Machtwechsel in Warschau täglich in polnischen Zeitungen nachzulesen ist. Denn seitdem der nationalkonservative ehemalige Premierminister Jaroslaw Kaczynski und seine Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) die Parlamentswahlen Ende Oktober deutlich gegen die liberalkonservative "Bürgerplattform" (PO) verloren haben, gehen auch die Medien mit der neuen Mehrheit.

Bereits vor der Regierungserklärung des neuen Premiers Donald Tusk gab gar die Nachrichtensprecherin des öffentlich-rechtlichen Fernsehkanals TVP-Info offenherzig zu, dass "der freundliche Umgang, den Tusk mit uns Journalisten pflegt, sehr sympathisch ist". Aus diesen Worten klang gleichsam eine Botschaft der Erleichterung: Über das Ende der Ära Kaczynski, der andersdenkende Journalisten gleichsam als Staatsfeinde behandelt hatte – auch in unangenehmen persönlichen Gesprächen.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hatte Kaczynski zu Beginn der PiS-Ära vor zwei Jahren zielgerichtet liberale Redakteure mobben lassen, um den Sender auf Regierungslinie zu bringen. Mit Erfolg. Kaczynskis Medienverständnis war "vordemokratisch", wie es Clemens Schöll auf den Punkt bringt, dessen Berliner Initiative "Medienmittler zwischen den Völkern" seit Jahren den Austausch zwischen deutschen und polnischen Redaktionen fördert. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" schrieb im Sommer dieses Jahres gar einen offenen Brief an die polnischen Medien, um an die Grundlagen der Pressefreiheit zu erinnern. Viele der Journalisten sahen sich davon allerdings in ihrer patriotischen Ehre verletzt.

Aber nun ist die Wende da: Vor allem die konservativen Blätter des deutschen Axel-Springer-Verlags, dem Marktführer in Polen, fügen sich der modernen Mehrheit ihrer Leser. Dabei pflegte gerade die polnische Springer-Presse in der Vergangenheit mit Vorliebe die antideutschen Ressentiments – aus wirtschaftlichem Kalkül. Denn viele, vor allem ältere Polen sehen in Deutschland noch immer eine Bedrohung.

Heute darf sich dagegen der von der PiS aus dem Amt gedrängte ehemalige Außenminister, der parteilose Adam Rotfeld, in Springers Boulevardblatt "Fakt" über den "neuen Ton in der Außenpolitik gegenüber unseren Partnern in der Nato und der EU, sowie gegenüber unseren Nachbarn" freuen. Und das in einem Gastkommentar auf Seite zwei, wo bislang Kaczynskis publizistische Scharfmacher gegen Berlin, Brüssel und Moskau wetterten.

Pro-Europa: Voll im Trend

Auf derselben Seite schreibt gar der bekannte liberale Fernsehjournalist Tomasz Lis den Hauptkommentar über die Regierungserklärung. Bislang galt er bei "Fakt" bloß als Quotenliberaler. Inzwischen wurde er bei der zweiten Springer-Zeitung, dem "Dziennik", als neuer Chefredakteur gehandelt: Bei einer Zeitung, deren bisherige journalistische Leitung als scharfer Gegner eines liberalen Gesellschaftsentwurfs gilt.

Nun dominiert im "Dziennik" das Thema Europa. Da ist auf der Titelseite von einer "Europäischen Offensive" die Rede, und Polen wird als "eines der ersten Länder" gefeiert, die den Reformvertrag der EU ratifizieren werden. Politische Beobachter in Warschau sehen darin eine opportunistische Strategie des Branchenführers, der ganz einfach mit dem Trend geht. Zumal die Auflage des "Dziennik" in den vergangenen Monaten stark rückläufig ist, und nun die pro-europäische Jugend in Polen langsam das Land verändert.

Cezar Michalski, Stellvertretender Chefredakteur des "Dziennik" und zeitgleich Hauptunterstützer von Kaczynskis "IV. Republik", begegnet dem Vorwurf des Parteinehmens, beziehungsweise der angeblichen "Reorientierung" (so heißt das in Polen) so: In seiner Zeitung seien sämtliche politische Parteien stets gleichmäßig kritisiert worden. "Daher kann nun auch nicht die Rede von einem Wechsel der Fronten sein".

Wer aber regelmäßig den "Dziennik" liest, weiß, dass beides nicht stimmt. Bislang spielten stets Themen rund um das polnische Nationalgefühl und um das nationale Gedenken eine große Rolle – also Vergangenes.

Stattdessen erscheint heute schon mal ein Text über das E-Book-Lesegerät auf der ersten Seite, es geht um neue Straßen oder um den Alltag berufstätiger Mütter: Also um jene Themen, die das moderne Polen tatsächlich beschäftigen. Der abgetretene Premier Kaczynski hatte für so etwas wenig Platz in seiner Politik.

"Unpatriotisch" - früher ein Totschlagargument

Sogar das sehr konservative Wochenmagazin "Wprost" entdeckte den Wert des Regierungswechsels: "Tusks Heimkehrer" heißt dort eine Geschichte über junge Polen, die aus der Arbeitsimmigration in Großbritannien zurückkehren – angeblich wegen des Machtwechsels in der Heimat. Dabei war "Wprost" zuletzt eher durch Thesen über eine deutsche Medienverschwörung gegen Polen aufgefallen.

So will das Magazin nun ein "neues Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungen aufschlagen": Statt eines Zentrums gegen Vertreibung in Berlin – das in Polen sehr kritisch gesehen wird - will "Wprost" nun ein Museum der "Aussöhnung" errichtet sehen: Auf der deutsch-polnischen Grenze bei Stettin soll sowohl an deutsche als auch an polnische Vertriebene erinnert werden.

Zur Unterstützung bemüht "Wprost" deutsche Zeugen wie den Publizisten Arnulf Baring, der das als "interessanten Gedanken" bezeichnet. Und in Anlehnung an Tusks Plan, schon bald die polnischen Truppen aus dem Irak abzuziehen, stellt das Nachrichtenmagazin "Polityka" die berechtigte Titelfrage: "Was machen wir eigentlich dort?". Vor wenigen Wochen noch wäre die "Polityka" wegen dieses Titels das Opfer von Kaczynskis Medieninquisition geworden; er hätte das Magazin ganz sicher als "unpatriotisch" gescholten. In Polen ist das ein Totschlagargument.

Die Zeiten haben sich geändert. So darf sogar der ehemalige polnische Fußballnationalspieler und Beschäftigte von Schalke 04, Tomasz Waldoch, Deutschland im "Dziennik" zum Titelfavoriten für die Europameisterschaft im kommenden Jahr küren: als offizielle Redaktionsempfehlung.