Popstar Barack Obama Doch, er kann!
Es musste ja so kommen: Das Rennen ist wieder offen. Das "Duell in Texas" brachte nun doch nicht die Entscheidung im "Vorwahlkampf-Krimi". Fast wähnt man sich tatsächlich in einer Inszenierung: Wie sonst, wenn nicht durch gesteuerte Spannungsmomente und Cliffhanger, sollten die Zuschauer in diesem "Kopf-an-Kopf-Rennen" bei der Stange gehalten werden?
Präsidentschaftskandidat Obama: Mit dem Rückenwind der Popkultur
Foto: REUTERSNicht nur die Sprache der Berichterstattung stammt dabei aus fiktionalen Erzählungen und der Unterhaltung. Was sich in diesen extrem aufgeladenen Präsidentschaftsvorwahlen abspielt, folgt mehr denn je einer Dramaturgie der antagonistischen Verhältnisse, wie sie seit den Dramen der alten Griechen heute in jeder Vorabendserie, im Profi-Sport und allgemein im Spektakel der Popkultur vorgelebt wird. Um die dabei so wertvolle Aufmerksamkeit zu verlängern, muss Spannung durch Abwechslung her. So feiert gerade eben wieder mal Hillary Clinton ein "Comeback".
Der Popstar der Demokraten aber bleibt Barack Obama. Erst recht nach der gestrigen Niederlage, denn nun kann er sich wieder auf die Außenseiter-Position zurückziehen, die die Helden des Volkes seit jeher auszeichnet und die durch YouTube allgegenwärtig geworden ist. Gemessen an Aura, Markenhaftigkeit und Präsenz in der Unterhaltungsökonomie ist Obama so in nur einem Jahr zur global zirkulierenden Celebrity geworden. Vor ein paar Monaten posierte "B-Rock" - so hat ihn die HipHop-Generation getauft - auf dem Titel des "Vibe"-Magazins, der eigentlich für R&B- und Rapstars reserviert ist. Erst kürzlich gewann Obama einen Grammy für sein Hörbuch.
Den Hitmacher der Black Eyed Peas, Will.I.Am, inspirierte der Politiker bereits zur Produktion eines zweiten Wahlkampfsongs mit einer Reihe von A-Promis. Beim ersten, von einer Obama-Rede inspirierten Stück wurden gleich Erinnerungen an die Legenden der Bürgerrechtsbewegung wach. Die ikonografische Schwarzweiß-Ästhetik des dazugehörigen Clips wirkte zuweilen sogar so, als habe der Hoffnungsträger bereits das Zeitliche gesegnet - wie seine mythischen Bezugsfiguren: Martin Luther King Jr. und John F. Kennedy.
Wem Jack Bauer die Treue hält, dem kann jeder folgen
Interessanterweise ist nach diesen beiden Musterpolitikern auch der fiktive afroamerikanische US-Präsident David Palmer aus der TV-Serie "24" modelliert worden. In der fünften Staffel fällt das von Dennis Haysbert verkörperte Bollwerk aus Respekt und Integrität einem Attentat zum Opfer, später auch sein Bruder und Nachfolger Wayne. Zuvor beweist Palmer jedoch präsidiale Führungsstärke im Kampf gegen Terroristen und korrupte Politiker.
Prompt behaupteten amerikanische Journalisten, das charismatische Auftreten des Fernsehpräsidenten habe die Öffentlichkeit überhaupt erst an die Vorstellung eines echten schwarzen Staatsoberhaupts gewöhnt. Immerhin läuft die kulturell einflussreiche Serie um Anti-Terror-Agent Jack Bauer seit sechs Jahren und mit durchschnittlich 13 Millionen Zuschauern im amerikanischen Fernsehen. Wem der Schurkenschreck Bauer so lange die Treue hält, so die Schlussfolgerung, dem würde auch jeder aufrechte Patriot seine Stimme geben. Dagegen gibt der serieneigene Wasp-Präsident Charles Logan ein jämmerliches Bild ab. Unsicher und verlogen führt dieser Waschlappen die Welt an den Rand der Katastrophe - George W. Bush lässt grüßen.
Entertainment rules - seit Reagan
Welchen Anteil die Wechselwirkungen zwischen Popkultur und Politik an Obamas überraschendem Erfolg haben, lässt sich natürlich nur vermuten. Wer kann schon genau sagen, wo die Grenze zwischen der Reflexion von Realität und ihrer Überformung durch die Massenmedien verläuft? Doch seit Ronald Reagan ist die "Entertainisierung der Politik" (so der Politikwissenschaftler Claus Leggewie) nicht mehr von der Hand zu weisen. Der Schauspieler als Präsident ebnete "Terminator" Arnold Schwarzenegger und auch dem Medienmogul Silvio Berlusconi den Weg an die Macht. Was ihnen zur Wahl verholfen hat, sind nicht politische Programme, sondern hohe Programmanteile, um Sichtbarkeit und Bekanntheitswert im Meta-System der Massenmedien zu steigern.
Bisher ist die Spektakularisierung der Politik allerdings eine Domäne des rechtskonservativen Lagers gewesen. Nicht nur in den USA lenken dabei hemdsärmelige Typen die Aufmerksamkeit auf sich, indem sie Ängste des Bürgertums schüren. Nun mobilisiert ein linksliberaler Charmeur die Hoffnung auf Veränderung mit dem verführerischen Rückenwind der Popkultur.
Seit Kennedy hat kein Politiker eine derart starke Anziehungskraft entwickelt wie der junge Senator aus Chicago. Dagegen wirkt Bill Clintons grauenhaftes Saxofon-Solo von 1992 heuchlerisch und seine damalige Behauptung, er sei der erste schwarze Präsident gewesen, geradezu zynisch. Clinton verstrickte sich mit der Lewinsky-Affäre in der während seiner Amtszeit fortgeführten Trivialisierung des Politischen. Er fiel als unverbesserlicher Schwerenöter in Ungnade. Reagan und Schwarzenegger hingegen empfahlen sich beim Wähler als Cowboy und Actionheld.
Multiethnischer Messias
Mit solcher Popcorn-Unterhaltung ist nun nichts mehr zu holen. Nicht, dass es deswegen gleich wieder mehr um Inhalte gehen würde - die haben Politiker aus Sicht des Publikums schon oft und lange genug für ihre Zwecke missbraucht. Seit Barack Obama muss Politik vor allem auf affektiver Ebene berühren, ergreifen und bewegen - so richtig mit Gänsehaut und Kloß im Hals, auf dass die erweckten Wahlberechtigten freiwillig "PrObama"-Clips zusammenschneiden und seine messianischen Heilsversprechen verbreiten - seien erstere noch so unsinnig und letztere gewagt. So gesehen, griff HipHopper Will.I.Am mit seinem Remix der New-Hampshire-Rede nur auf, was sich ohnehin schon im Wahlkampf 2.0 abspielt. Wenn der x-te Musikclip nicht mehr kickt, dann klick "Barack Obama: Yes We Can".
Komplementär zur Emotionalisierung der Politik hat die Unterhaltung zunehmend politische Figuren aufgegriffen. Während die Peinlichkeiten des amtierenden Präsidenten noch die wildesten Phantasien jedes Comedy-Autoren übertroffen haben, hat das Fernsehen längst mögliche Szenarien für eine Welt ohne Bush durchgespielt. In der Serie "West Wing" gibt Martin Sheen den humanistischen Wunschpräsidenten Bartlet. Und in "Welcome, Mrs. President" findet sich sogar ein weiblicher Oberbefehlshaber. Die Fernseh-Hillary kam erst durch den Tod ihres Ehemanns ins Amt - ein Unfall der Geschichte. Nur eine Staffel lang durfte die Ausnahme von der Regel regieren. In "24" hingegen wurde der erste afroamerikanische Präsident vom Volk gewählt.
Im Gegensatz zum zentralen Geschlechtermotiv in "Mrs. President" spielt David Palmers Hautfarbe in "24" überhaupt keine Rolle bei der Arbeit im Oval Office. In diesem Fall ist die Realität der Fiktion sogar einige Schritte voraus: Als Sohn eines kenianischen Vaters und einer Mutter aus Kansas ist Obama weder schwarz noch weiß. Damit legt er im Umgang mit seiner post-ethnischen Identität eine Selbstverständlichkeit an den Tag, für deren ganz reale Folgen die Amerikaner hoffentlich schon bereit sind. Genug Herz und Phantasie dazu hätten sie. Fortsetzung folgt.