Porträtkunst: Du sollst Dir ein Abbild machen - DER SPIEGEL
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Porträtkunst Du sollst Dir ein Abbild machen

Das menschliche Antlitz steht im Zentrum der Ausstellung "The Contemporary Face" in den Hamburger Deichtorhallen. Werke von Pablo Picasso bis Cindy Sherman geben einen Überblick über die Porträtkunst des 20. Jahrhunderts.
Von Carolin Ströbele
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gesichter sind das erste Bild, das ein Kleinkind von der Welt mitbekommt. Wenn wir eine Zeitung aufschlagen, springt unser Auge automatisch auf das Foto, das ein menschliches Gesicht zeigt. Auch im Werk vieler Künstler nimmt das Porträt einen ganz besonderen Stellenwert ein. Die Hamburger Deichtorhallen zeigen ab dem 28. September zu diesem Thema eine kleine, aber sorgfältig ausgewählte Ausstellung. Zehn Maler und Fotografen, darunter berühmte Porträtisten wie Richard Avedon oder Andy Warhol, bieten einen interessanten Überblick, wie sich die Abbildung des Menschen im Laufe des Jahrhunderts verändert hat.

Gebannt steht der Betrachter vor den riesigen Bilder von Antje Majewski. Wie überdimensionale Schnappschüsse wirken die Szenen, die die Malerin auf der Leinwand festgehalten hat. Die Künstlerin, die ursprünglich aus der Fotografie kommt, zeigt auf ihren realistischen Gemälden Momentaufnahmen von jungen Leuten. Ein Pärchen sitzt vor dem Fernseher, in den Augen der Frau liegt eine unausgesprochene Frage. Es ist erstaunlich und faszinierend, wie Majewski es schafft, eine derartige fotografische Präsenz zu erzeugen. Der Zuschauer hat das Gefühl, als säße er in just diesem Moment selbst am Auslöser.

Madonnas Zahnlücke

Vom Stil her ähnlich, aber viel plakativer präsentiert Richard Phillips sein Werk. Vier großflächige Bilder beherrschen den Raum, vier Gesichter, die man von irgendwoher zu kennen scheint. Alle haben etwas, das an einen Prominenten erinnert: Das Kinn einer barbusigen Pfadfinderin könnte Mariah Carey gehören und die Zahnlücke einer langhaarigen Blondine der Popdiva Madonna. Dieser Fast-Wiedererkennungswert hält den Zuschauer fest und irritiert ihn zugleich. Phillips Bilder entlarven den Betrachter bei dem Versuch, alles Gesehene sofort in Stereotypen einzuteilen. Die grausame Frage, die sich beim Betrachten dieser "Star-Schnitte" stellt, lautet: Wenn ohnehin alles auswechselbar ist - was ist dann noch Identität?

Etwas enttäuschend sind die Selbstporträts der Fotografin und Konzeptkünstlerin Cindy Sherman. Die Amerikanerin, berühmt geworden durch ihre gruseligen Stillleben mit Puppen, zeigt sich auf den Bildern in verschiedenen Verkleidungen und Maskeraden. Mit diesen Darstellungen habe sie verschiedene Aspekte ihrer Persönlichkeit herausarbeiten wollen, sagte Sherman. Doch der gewünschte Effekt bleibt aus, die Fotos wirken flach und unmotiviert nebeneinander gestellt.

Rückkehr in den Realismus

Einen Extraplatz nehmen die "Urväter" der zeitgenössischen Porträtkunst ein. Zwei Picasso-Porträts von Dora Maar und einige Andy-Warhol-Drucke, unter anderem von Willy Brandt aus dem Jahr 1976, finden sich in der Ausstellung. Beide Künstler stehen als Vertreter einer neuen Art von Porträtkunst, die die klassische Form der Abbildung in Frage stellte.

Somit bildet "The Contemporary Face" einen interessanten Zyklus: Denn von der Verfremdung eines Picasso oder auch eines Warhols gehen die zeitgenössischen Künstler wieder zurück zum Hyperrealismus. Marlene Dumas benutzt Hochglanzfotos von Supermodel Naomi Campbell als Vorlage für ihre Porträts, die Frauen auf Alex Katz' Bilder wirken kühl und plakathaft. Doch von der Oberfläche darf man sich nicht täuschen lassen. Denn es sind die Kleinigkeiten, die hier etwas über den Porträtierten verraten: Die Trauer in den Augen eines Models, die verborgene Geste zwischen zwei Menschen.

The Contemporary Face - From Pablo Picasso to Alex Katz. Deichtorhallen Hamburg, 28. September 2001 bis 13. Januar 2002