Printmedien Überwintern auf dem Krisengipfel
München - "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Rundschau", "FAZ" oder "NZZ" - die fast schon täglichen Meldungen über den bevorstehenden Stellenabbau oder die Einstellung von Zusatzangeboten bei deutschen Zeitungen liefert derzeit reichlich Stoff für Schlagzeilen. Bei den Münchner Medientagen trafen sich am Donnerstag Spitzenvertreter der Zeitungsbranche zum so genannten "Printgipfel", um über Auswege aus der aktuellen Branchenkrise zu diskutieren.
Zunächst gab es Altbekanntes zu hören: Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner verteidigte noch einmal seine in der Medienbranche durchaus umstrittene Entscheidung, redaktionelle Teile von "Welt" und "Berliner Morgenpost" zusammenzulegen. "Unsere eigenen Erwartungen an Produktverbesserung und Kostenreduzierung sind weit übertroffen worden", erklärte Döpfner. Die "Morgenpost" habe mit der Konzentration auf die Regionalberichterstattung an lokalem Gewicht gewonnen, während zugleich die Kosten der Blätter drastisch reduziert worden seien.
Für den stellvertretenden Chef der Holtzbrinck-Gruppe Michael Grabner, dessen Haus unter anderem die "Zeit" und den Berliner "Tagesspiegel" herausgibt, ist das Springer-Modell gemeinsamer Redaktionen dagegen kein Vorbild. Die Branche müsse sich betriebswirtschaftlich auf niedrigere Umsätze einstellen und entsprechend Kosten reduzieren. "Es ist ganz einfach: Wenn der Umsatz etwas größer ist als die Kosten, machen wir auch wieder Gewinn", betonte der Verlagsmanager.
Grabner warnte außerdem davor, die Zeitungsbranche schlecht zu reden. Die Medien erzeugten selbst "falsche Legenden", wenn sie ständig über mangelnde junge Leser jammerten und angesichts der mächtigen elektronischen Medien die Zukunft der Zeitung in Frage stellten, kritisierte der Holtzbrinck-Manager. Dabei sei es doch ein außerordentlicher Erfolg, dass in 65 Prozent aller deutschen Haushalte Regionalzeitungen gelesen würden. "Wir hatten noch nie so ein hohes Bildungsniveau in unserer Bevölkerung", sagte Grabner. Angesichts beständig steigender Abiturienten- und Studentenzahlen sei die Debatte über die Pisastudie "eine der größten Fehlinterpretationen die es überhaupt gibt", fügte er hinzu. In Wahrheit wachse die lesebereite Zielgruppe der Zeitungen allen Unkenrufen zum Trotz.
Alles gar nicht so schlimm? Auch der Verlagsgeschäftsführer der "Süddeutschen Zeitung", Dirk Refäuter, warnte die Verleger, ihre langfristigen Ziele angesichts der aktuellen Probleme aus den Augen zu verlieren. Sein Blatt werde weiterhin die umfassende Marktführerschaft der überregionalen Zeitungen anstreben. Ein kühnes Ziel angesichts der offenbar drohenden Insolvenz des Münchner Zeitungsverlags, dem die hochverschuldete "Süddeutsche" schwer auf der Tasche liegt.
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Zumindest räumte Refäuter ein, dass der Verlag nun vor allem wegen des dramatischen Rückgangs der Stellenanzeigen sehr schnell Kosten senken müsse: "Die Zeit läuft uns weg", sagte er. Bei der anstehenden Sanierung werde der Verlag seine zahlreichen Aktivitäten neben dem Kerngeschäft überprüfen und notfalls Ballast abwerfen. Es gehe darum, "das Unternehmen auf ein neues Fundament zu stellen", so der Verlagschef. Doch was nützt das neue Fundament, wie immer es in München aussehen wird, wenn dauerhaft weniger Inserate gebucht werden. Auch der Vorstandssprecher der Rhein-Main-Verlagsgruppe, Karlheinz Röthemeier, betonte, das Besorgnis erregende an der aktuellen Werbekrise sei, dass sie erstmals alle Bereiche betreffe - von der Firmenwerbung über die Stellen- und Immobilienannoncen bis hin zu den privaten KFZ-Kleinanzeigen. Die Verlage hätten daher auch mit den besten Anzeigenverkaufsmethoden kaum Möglichkeiten, der Konjunkturkrise entgegen zu wirken: "Wo keine Mitarbeiter gesucht werden, sind auch keine Stellenanzeigen zu akquirieren", sagte Röthemeier.
Einig waren sich alle Verlagsvertreter mit "Focus"-Chef Helmut Markwort, der ein altes und immer wieder verworfenes Thema erneut aufs Tapet brachte. Er forderte, künftig die Internet-Angebote der Verlage kostenpflichtig zu machen: "Wir können unsere Inhalte doch nicht verschenken", sagte Markwort.
Springer-Chef Döpfner stimmte dem zwar zu, erklärte aber, sein Verlag werde den Aufwand für Internetangebote und Online-Redaktion auf einem Mindestmaß halten, bis im Netz die Bereitschaft gewachsen sei, für Inhalte auch zu bezahlen: Noch vor kurzem hatte Döpfner angekündigt, den größten Teil des Online-Angebots der "Bild"-Zeitung schon im kommenden Jahr kostenpflichtig zu machen. Nun übt er sich in Durchhalteparolen: "Für unser Haus heißt die Strategie Überwintern", so die Devise des Verlagsmanagers.
Etwas anderes wird ihm und allen anderen Verlagen auch auch kaum übrig bleiben. Nach den historischen Einbrüchen der Werbeeinnahmen kann die gebeutelte Medienbranche aber immerhin im nächsten Jahr auf ein Ende der Talfahrt hoffen. "2003 wird zwar kein wirklich gutes Werbejahr", sagte Josef Trappel von der Schweizer Prognos AG am Donnerstag. Das Institut rechne aber mit einem Anstieg der Werbeeinnahmen in Deutschland um zwei Prozent. In diesem Jahr werde der Markt jedoch wie im Vorjahr nochmals um gut sieben Prozent sinken. Damit müssen die Medien erstmals in der Geschichte in zwei aufeinander folgenden Jahren Einbußen hinnehmen.
Den Experten zufolge wird es lange dauern, bis der Werbemarkt wieder das Niveau des Boom-Jahres 2000 erreicht. Prognos rechnet damit erst 2006. Bei den Tageszeitungen wird es wohl sogar noch länger dauern. Sie sind laut Trappel in diesem Jahr mit einem Minus von 10,7 Prozent auf fünf Milliarden Euro am stärksten betroffen.