"Prinzessinnendramen" Mythen-Ladys im Textsarg
Reden wir über den Tod. Und fragen wir nicht irgendwen, sondern Schneewittchen, Dornröschen und Jackie Kennedy. Mythen auf der Couch der psychologisch versierten Literatin: ein schönes Bühnen-Spiel. Elfriede Jelinek, österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin, durfte sich auf zuverlässigem Terrain wähnen, denn die Themen Frauen, Männer und Unterdrückung können eigentlich nur in eine höchst wirkungsvolle Rhetorik münden. Das Ganze außerdem als würziges Startheater: Hanna Schygulla in drei Rollen und doch immer exzellent. So lebendig kann der Tod sein. Wenn aus der Theater- allerdings Vortrags-Kunst wird, sind 70 Minuten eine lange Zeit.
Praktische Särge, wie von Ikea: Der Prinz, der Dornröschen erlösen muss, rollt das flotte Modell aus der Wand, inmitten eines rosenbemalten Leichenschauhauses mit Cartoons an der Wand - eine Grabkammer, in der sich's aushalten lässt. Elfriede Jelineks wortreiche Textmontage "Der Tod und das Mädchen - Prinzessinnendramen" müht sich mit diesem griffigen Bühnenbild über drei Abschnitte. Rollbetten als dramaturgischen Kniff hatte sich Regisseurin Kakuzo Watanabe ausgedacht - das brachte zumindest bildlich die beiden Märchendamen und die Kennedy-Gattin unter einen Hut.
Und was haben die drei mythischen Ladys semantisch gemeinsam? Sie reflektieren intensiv über den Tod, ihr Schicksal, die Familie, die Männer, das Leben. Schön zu hören, langweilig zu sehen: Nicht umsonst hatte Elfriede Jelineks "Jackie"-Part dieses Textes in anderer Bearbeitung bereits 2004 den renommierten "Hörspielpreis der Kriegsblinden" bekommen.
Szenisch aufgerüscht und mit Regieeinfällen drapiert, wird diese Jackie zur Plaudertasche, die nicht über Marilyn Monroe und die Affäre ihres Mannes hinwegkommt, die sich den grausamen Details des Präsidentenmordes widmet und vor allem ständig mit einem Mikrofon hantieren muss. Der von der Regie gewollte und grell ausgespielte Schritt zum Melodram brachte den Text endgültig aus der Fassung. Musik war da nur mäßiges Stützkorsett.
Fesche Lola des Todes-Amüsements
Denn natürlich illustriert - dem Titel des Stücks geschuldet - Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" die Szenerie, oft in koketter Kontrastwirkung zu Hanna Schygullas mal säuselnden, mal dröhnenden Vorträgen. Ob als fesche Lola des Todes-Amüsements oder als resolute Apfel-Schneiderin im Aschenputtel-Kostüm, sie scharwenzelt sich ironisch, sarkastisch und abgeklärt durch die Lebensgeschichten der drei Leidensschwestern.
Den Prinzen, der ihr in Gestalt von Schauspielerkollege Stipe Erceg ("Die fetten Jahre sind vorbei") an die Seite gestellt war, braucht sie eigentlich nur als Stichwortgeber. Seine Einlagen als bumsfreudiger Dornröschen-Erwecker oder als Jägermeister beim Schneewittchen waren durchaus entbehrlich.
Umso mehr sind Jelineks Texte in Schygullas lässig fließendem Sprechstil zu Hause: Schon in Rainer Werner Fassbinders Filmen faszinierte die träge Sinnlichkeit der Schygulla; ihre hypnotische Stimme konnte Szenen durch puren Klang aufladen. Ihre Sprachwasserfälle der "Prinzessinnen" waren schön zu hören und faszinierten trotz einiger Versprecher - doch die dünne Bühnenwirkung torpedierte die Intensität mit ermüdend gleichförmigen Bildern und mangelnder Personenregie.
Warum man diese Texte als Stück inszenieren muss, blieb unklar. Die Bühne wurde zum Sarg für den Text. Tödlich erstarrt auch das Publikum: Pflichtschuldiger Beifall tröpfelte nach Vorlesungsende. Es lebe das Hörbuch.