Private Handybilder "Das ist Legba, ein Voodoo-Geist"
Bild von Nicholas Grünke: "Ich stand vor diesem Ding aus Plastik"
Foto: Nicholas GrünkeNicholas Grünke, 35, lebt derzeit in Berlin und arbeitet als Bauarbeiter. "Das ist ein toller Ausgleich, nachdem ich über ein Jahr sitzend am Schreibtisch verbracht habe", sagt Grünke. Er ist nämlich auch Autor, vor Kurzem erschien sein neues Buch "Ohne Titel" . Auf seinem Handy hat Grünke 1009 Fotos. "Beim letzten Löschen habe ich nur drei Bilder draufgelassen, eines davon ist mein Lieblingsbild."
SPIEGEL ONLINE: Herr Grünke, Ihr Foto sieht unheimlich aus.
Grünke: Ein blödes Bild ist das.
SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?
Grünke: Schauen Sie doch mal diese Figur an. Furchtbar!
SPIEGEL ONLINE: Schön ist die tatsächlich nicht. Warum haben Sie das Bild ausgesucht?
Grünke: Das ist Legba, ein Voodoo-Geist. Ich habe vor Ewigkeiten ein Buch über Voodoo-Kultur gelesen, in dem von ihm als Hüter der Wegkreuzungen die Rede war und davon, dass eine Legba-Statue im Tropenmuseum in Amsterdam steht. Seitdem wollte ich unbedingt hin und sie mir ansehen.
SPIEGEL ONLINE: Anscheinend haben Sie sie gefunden.
Grünke: Es war eine unglaubliche Enttäuschung. Im Buch wurde nicht beschrieben, wie die Statue aussieht, und ich dachte, sie wäre aus Stein. Jahrelang wollte ich sie sehen. Im Museum bin ich erst mal einige Male daran vorbei gelaufen, weil Legba mitten im Gang platziert ist und ich ihn einfach nicht erkannt habe. Schließlich stand ich vor ihm. Vor diesem Ding aus Plastik, das auch noch einen riesigen, erigierten Penis hatte.
Nicholas Grünke: "Man sollte nicht allen Träumen folgen"
Foto: Anne BakchausSPIEGEL ONLINE: Wenn das Bild für eine derartige Enttäuschung steht, warum ist es Ihnen dann wichtig?
Grünke: Erfahrungen sind für mich immer positiv. Selbst wenn sie negativ sind.
SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.
Grünke: Die Realität hat mir meinen Traum geraubt. Ich hatte die Hoffnung, etwas Wertvolles zu entdecken. Durch Unwissenheit macht man sich ja manchmal die schönsten Vorstellungen. Es ist aber eigentlich besser, die Dinge nicht immer zu durchforschen und auf Tatsachen abzuklopfen. Man sollte nicht allen Träumen folgen.
SPIEGEL ONLINE: Es kann aber ja durchaus schön sein, Träumen zu folgen.
Grünke: Wann denn? Die Realität ist nie romantisch und hinterlässt oft einen leicht bitteren Geschmack. Wenn Sie mit Ihrem Freund Urlaub auf einer tropischen Insel machen und einen tollen Sonnenuntergang ansehen, sticht Ihnen dabei vielleicht irgendein Tier in den Fuß. Oder Sie streiten sich.
SPIEGEL ONLINE: Ich werde tatsächlich immer viel gebissen, aber vor einem Sonnenuntergang habe ich mich noch nie gestritten.
Grünke: Dann war er Ihnen nicht wichtig genug.
SPIEGEL ONLINE: Das ist ein interessanter Gedanke.
Grünke: Ich habe mich immer gefragt, was wohl passiert wäre, wenn ich wirklich eine wertvolle Statue vorgefunden hätte. Also eine, die meinen Gedanken entsprochen hätte.
SPIEGEL ONLINE: Und?
Grünke: Dann wäre das Foto zumindest jetzt nicht mehr auf meinem Handy und wir würden über ein anderes Bild reden. So schaue ich es mir aber immer wieder an. Letztlich kann das Ergebnis dann auch negativ sein, man muss es einfach trotzdem für sich verwenden. Alles ist besser, als stehen zu bleiben. Ich habe Respekt vor Menschen, die etwas riskieren und nicht aufgeben.
Anne Backhaus, Jahrgang 1982, bekam die Idee für "Eins aus tausend", als sich auf ihrem Handy 3574 Fotos angesammelt hatten und sie aus Speichermangel löschen musste. Das ging viel leichter als befürchtet. Backhaus lebt in Hamburg, im Anschluss an ihr Volontariat bei SPIEGEL ONLINE arbeitete sie als Video-Reporterin für die Redaktion. Heute reist sie als Autorin und Filmemacherin um die ganze Welt. Von den Menschen, die sie unterwegs trifft, finden sich einige mit ihrer Foto-Geschichte hier wieder.