Prognose deluxe: Deutschland, ein Feuchtgebiet - DER SPIEGEL
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Prognose deluxe Deutschland, ein Feuchtgebiet

Das nächste Jahr wird schrecklich. Schrecklich schön! Die "Feuchtgebiete" werden verfilmt, Schäfer-Gümbel Kanzlerkandidat, der Sozialismus kehrt zurück - wie das passieren kann? Reinhard Mohr wagt eine Wahnsinnsprognose.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eigentlich ist ja alles schon klar. Es wird schrecklich im kommenden Jahr. Der globale Krisen-Tsunami wird über uns hinwegbrausen, die Rezession ihre grässlichen Ungeheuer gebären. Die schwarze Messe des Kapitalismus ist gelesen: Vergessen Sie 2009!

Man könnte das Jahr jetzt schon abhaken und überspringen.

Aber kommt nach 2009 überhaupt noch was? Kommt 2010?

Allenfalls die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika wäre ein Grund, jetzt nicht auch schon 2010 zu streichen.



Aber wir wollen ja seriös bleiben. Genauso seriös wie all die Wirtschafts- und Finanzexperten, die ihre Voraussagen im Vier-Wochen-Rhythmus nach oben oder unten korrigieren, je nach Windrichtung, Aufstehlaune und gefühlter Körpertemperatur. Yin und Yang. Dies und Dax.

Deshalb behaupten wir frech, dass alles ganz anders kommt. Anders als erhofft und anders als befürchtet. Oder hätten Sie im Sommer während des phantastischen EM-Fußballspiels Deutschland-Portugal daran gedacht, dass das weltweite Banken- und Finanzsystem wenige Monate später vor dem Kollaps stehen würde? Dass ein einzelner Mann, einst ein hochgeachteter Börsenchef, gleichsam im Alleingang einen Betrug in Höhe von 50 Milliarden Dollar organisieren kann? Dass man ernsthaft über die Verstaatlichung von Großbanken diskutieren würde? Dass plötzlich wieder der 73-jährige Babbel-Rentner Norbert Blüm in allen Talkshows auftaucht?

Deshalb sagen wir: Nein, 2009 darf nicht abgehakt werden. Im Gegenteil. Jetzt geht's erst richtig los. Schon Arthur Schopenhauer riet, "über keinen Vorfall großen Jubel noch großen Jammer aufkommen (zu) lassen: weil die Veränderlichkeit aller Dinge ihn jeden Augenblick völlig umgestalten kann".

Siegertyp mit drei Buchstaben

Das bringt uns sofort auf Thorsten Schäfer-Gümbel, den Bembel-Obama aus Hessen, dessen Kürzel TSG bereits den Siegertypen markiert. Oder hätten Sie auf die TSG 1899 Hoffenheim als Herbstmeister der Bundesligasaison 2008/2009 gewettet!?

Eben.

Unsere Prognose: Schäfer-Gümbel wird bei der hessischen Landtagswahl am 18. Januar sensationell abräumen und der erste Regierungschef mit Doppelnamen sein. Das hat Frau Leutheusser-Schnarrenberger nicht geschafft.

Mehr noch: Der Überraschungscoup aus dem Nichts euphorisiert die siechende deutsche Sozialdemokratie derart, dass sie TSG gleich noch zum Kanzlerkandidaten kürt. Beim Geheimtreffen der Spitzensozis am Rande einer stillgelegten Kiesgrube bei Groß-Gerau wird Frank-Walter Steinmeier im Frühsommer 2009 gestürzt. Der Schäfer-Gümbelismus wird zur neuen Parteidoktrin der SPD – eine historisch einzigartige Mischung aus Unbedarftheit und Unverfrorenheit mit einem Schuss sozialer Erdwärme.

Die alte SPD-Parole "Vorsicht, die Hessen kommen!" stimmt jedenfalls wieder. Dies umso mehr, als die sogenannte Linke im jahreszeitlichen Krisenverlauf zunehmend verblasst. Vision für 2009: Während Gregor Gysi zum 137. Mal erfolgreich gegen Stasi-Spekulationen klagt, wird Oskar Lafontaine von stets neuen Schreckensmeldungen aus dem Reich des Turbokapitalismus regelrecht überrollt.

Germanias Gespenster

Dabei ist die Angst vor der Krise größer als die Krise selbst. Die anthropologische Erfahrung, aus Krisen gestärkt, gar gereinigt hervorzugehen, hat sich im Medienzeitalter verflüchtigt. Nun wird alles immer nur im Superlativ gemessen, genauer: gefühlt. Und da ist alles absolut. Absolut schlecht und absolut aussichtslos. Hilfe!

Eigentlich wäre 2009 das ideale Jahr für den verstorbenen DDR-Dramatiker Heiner Müller, der es liebte, die großen geschichtlichen Linien zu ziehen. Sein letztes Werk trug den düsteren Titel "Germania 3. Gespenster am toten Mann" (1995). Anno 2009 aber gibt es nur Charlotte Roche und Roger Willemsen, das Traumpaar der deutschen Bestsellerserienproduktion.

Prognose: Ihr gemeinsames, brandaktuelles Krisenbuch "Der Knacks 2. Feuchtgebiete in Zeiten des Crashs" wird umgehend von Heinrich Breloer in einer zehnteiligen TV-Produktion verfilmt. In den Hauptrollen: Christine Neubauer ("Schaumküsse") als Feuchtgebiet in der Krise und Oliver Pocher ("7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug") in der Rolle des jungen Roger.

Derweil tritt Wladimir Putin als Kandidat der Kreml-Parteien zur vorgezogenen russischen Präsidentschaftswahl an – und gewinnt. Nachdem die Verlängerung der Amtsperiode auf zweimal sechs Jahre endgültig beschlossen worden war, hatte sich im Verlauf des Krisenjahres 2009 ein schöner Anlass gefunden, den amtierenden Präsidenten Medwedew, sowieso nur eine Putin-Puppe, zum Rücktritt zu drängen. Nun kann Wladimir I. bis 2021 mit eiserner Faust durchregieren, länger als viele Zarenherrscher.

Linke Geschichten

Großen Unterhaltungswert liefert im kommenden Jahr auch der Kandidat der Linken zur Wahl des Bundespräsidenten am 23. Mai, Ex-"Tatort"-Kommissar Peter Sodann. Perspektive für 2009: Nachdem er dem Publikum bereits mitgeteilt hat, dass er täglich die "Bild"-Zeitung liest, um die "herrschende Meinung" zu erfahren, da die anderen Zeitungen sowieso von "Bild" abschrieben, fordert der 72-Jährige nun die Rückkehr des Sozialismus in den Grenzen von 1989.

Pünktlich zum 20. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2009 soll es losgehen mit der DDR® (reloaded). Frenetischer Beifall kommt von der Partei " Die Partei ", die schon lange für den Wiederaufbau der Mauer kämpft. Auch die Bau- und Betonwirtschaft ist begeistert – der Konjunktureffekt wäre unschätzbar.

Oskar Lafontaine, der als Spitzenkandidat der Linken bei der saarländischen Landtagswahl am 30. August ganz knapp hinter seinem SPD-Konkurrenten Heiko Maas landet, zeigt sich im Falle einer rot-roten Koalition bereit, einer DDR 2.0 sofort beizutreten. Hauptsache, der Rotweinnachschub aus Frankreich wäre gesichert.

Coolness am Zug

ZDF-Geschichtsguru Guido Knopp reagiert unmittelbar mit einer zwanzigteiligen Dokufiction-Serie "Honeckers Helfer: So grausam war die DDR", die er in Windeseile aus den riesigen Archivbeständen zusammenstellen lässt. Die Einschaltquoten sind gigantisch, und so kommen auch Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner blitzschnell darauf, dutzendweise Opfer der DDR-Diktatur und frühere Bürgerrechtler in ihre Sendungen einzuladen. Sandra Maischberger gelingt es gar, die 81-jährige Margot Honecker zu einem Exklusivinterview zu bewegen. Erste Frage: "Liebe Frau Honecker, würden Sie denn noch mal mitmachen, wenn es wieder losgeht mit dem Sozialismus?"

Selbst Dieter Bohlen arbeitet fieberhaft an einem neuen Casting-Format, Arbeitstitel: Deutschland sucht den Super-Sozi. Wolf Biermanns Jahrzehnte altes Protestlied "Du lass Dich nicht verhärten/In dieser harten Zeit" stürmt die Single-Charts.

Nur einer behält die Nerven: "Dummes Zeuch!", brummt es aus Hamburg, wo ein 91-Jähriger gerade seine 500.000ste Mentholzigarette im noch jungen 21. Jahrhundert quarzt.

Für ihn ist es klar: Der Aufschwung kommt. Im Jahr 2010. "Dank Barack Obama."

Dann kommt Loki und schließt das Fenster.