"Chatter": Zwitterwesen aus Zeitung und Zeitschrift
Promiblatt "Chatter" Burdas brutaler 50-Cent-Trick
Für den gutaussehenden Promi-Journalisten Boris Hächler entscheidet sich ab heute die Zukunft. Die ganze Republik starrt gebannt auf die Kioske, denn jetzt gibt es dort die erste Ausgabe des neuen Klatschblättchens "Chatter" - und für dessen Chefredakteur Hächler beginnt ein gnadenloser Wettlauf mit der Zeit. "Chatter" (englisch für "Schnack", "Geschwätz") erscheint beim Offenburger Promi-Verlag Burda ("Tatort"-Star Maria Furtwängler ist Frau des Chefs).
Hier fragen sich alle: Wird "Chatter" Kult wie die Schnittbogen in "Burda Moden" (1950)? Oder doch Super-Kult wie die Fakten im "Focus" (1993)? Insider sagen: Burda wagt etwas, kann aber auch schnell Nein sagen - wenn die Gewinne nicht stimmen, dreht der mächtige Verlagsboss den Geldhahn zu. Der sprudelt gerade reichlich: 3,6 Millionen Euro pumpt Burda in den Start von Chatter. 1,3 Millionen Hefte werden gedruckt. Burda garantiert seinen Anzeigenkunden, dass in den ersten vier Wochen jeweils mindestens 500.000 Ausgaben verkauft werden. Der geniale Trick: Wenn das Publikum Chatter nicht will, muss Burda es eben selbst aufkaufen. Das wäre zwar relativ günstig, weil eine Ausgabe nur 50 Cent kostet - und die Offenburger sich selbst einen kräftigen Rabatt einräumen könnten, aber trotzdem eine peinliche Niederlage.
Hächler und Burda tun jetzt alles, um das zu verhindern. Darum ist das Blatt "völlig neuartig", ein bizarres Zwitterwesen aus Zeitung und Zeitschrift. Gedruckt auf Zeitungspapier - aber mit Hochglanzbeilage. Ein Print-Erzeugnis - obwohl doch im Internet gechattet wird. Will die Stars zeigen - aber ganz menschlich. Verrät die besten Bikini-Tricks - aber für jede Figur. Will Frauen ab 20 Jahre ansprechen - aber bis 50. Und dazu ist "Chatter" auch noch "to go", man kann es also tatsächlich mitnehmen. "Chatter" will alles für jede. Kann das gut gehen? Hat der Klatsch-Zampano den Mund zu voll genommen?
Kreuzworträtsel, Sudoku, Gähn-Alarm
Am Tag vor dem "Chatter"-Start taucht Boris Hächler ab, hat keine Zeit für Telefonate. Burda behauptet: Das ist bei uns ganz normal. Doch die Vermutung liegt nahe: Hächler macht dicht. Will er sich nicht in letzter Minute verplappern? Steht zu viel für ihn auf dem Spiel? Seine Antworten schickt er schriftlich, und so klingen sie dann auch: "Chatter ist ein Hybrid zwischen Zeitung und Zeitschrift und kombiniert das Beste aus diesen beiden Welten. Chatter ist schnell und aktuell wie eine Zeitung und emotional und stylish wie eine Zeitschrift." Alles klar?
SPIEGEL ONLINE wollte sich selbst ein Bild machen, hat einen Blick in die erste Ausgabe geworfen. Erster Eindruck: billig. Jede Menge Promi-Klatsch. In "Chatter" steht alles, was man höchstens aus Versehen im Wartezimmer gelesen haben möchte. Dort aber doch. Zweiter Eindruck: noch mehr Promi-Klatsch. Und: Manches hat man schon aus Versehen im Internet gelesen. Dann Gähn-Alarm: Interview mit Sylvie van der Vaart! Und Privatsphäre-Alptraum: Kate Moss unvorteilhaft beim Sonnenbad fotografiert! Kreuzworträtsel und Sudoku gibt's auch.
Aber rätselhaft: "Chatter" weiß zwar viel, sagt aber selten mal, woher. Die besten Infos stammen von namenlosen "Insidern", die zum Beispiel genau beschreiben, was die Mutter von Brad Pitt von der Erziehungsleistung ihrer Schwiegertochter Angelina Jolie hält. Wer sind diese mysteriösen Einflüsterer aus den inneren Zirkeln der Promis? Wie kommen Hächler und seine Leute an brisante Infomationen aus erster Hand? "In vielen Fällen recherchieren wir im Web, in anderen Fällen haben wir Informanten und Korrespondenten." Das meiste also nur aus dem Internet abgeschrieben? Oder muss Hächler über seine Quellen schweigen, um nicht geächtet zu werden in der Welt der Promis?
Alles nur Rache an der Ex?
In einer Welt, in der er zu Hause ist: Hächler, der langjährige Promi-Journalist ("Abendzeitung", "InTouch", Promi-Webseite smash24/7), ist Profi, kennt sich aus mit Promis, war sogar schon mal selbst einer: Als Ralph Siegel (damals 55) seinerzeit nach kurzer Beziehung mit Nadja Abd El Farrag alias Naddel von dieser rüde per SMS verlassen wurde, hielt Boris Hächler (damals 32) die Hand von Siegels Ex Dagmar (damals ebenfalls 32), war ihre große Liebe. Doch die Beziehung zerbrach irgendwann, Frau Siegel heiratete später den zwei Jahrzehnte älteren Multi-Unternehmer Karlheinz Kögel (Baden-Baden).
In der ersten Ausgabe von "Chatter" widmet Hächler jetzt eine Doppelseite der Frage "Macht ein junger Mann glücklicher?" und "erklärt, warum diese Beziehungen haltbarer sind". Rache an der Ex? Und was hat es wirklich auf sich mit dem "Größenwahn" Snoop Doggs, dem "Bein-Alptraum" Catherine Zeta-Jones' oder der seltenen Hautkrankheit des Sohnes von Michael Jackson? "Für uns sind in erster Linie die Menschen hinter der Fassade interessant", lässt der "Chatter"-Chef ausrichten. "Wir glauben an Chatter", schreibt der Burda-Marketing-Mann Sven Dams. Die vorbereitende Marktforschung habe gute Ergebnisse geliefert.
Anzeigenkunden wirbt Burda mit der Erkenntnis, dass viele Frauen, die sich für die "Chatter"-Themen Promis, Stars, Styling und Mode interessieren, auch gerne Fastfood konsumieren, ziellos umherlaufen ("bummeln") und einkaufen, was ihnen gerade gefällt. Ein zweifellos großer Markt, insgesamt geht es um ein Reservoir von über sieben Millionen potentieller Leserinnen.
Aber interessieren sich wirklich genügend von denen dafür, ob Angelina Jolie eine einzige Lüge lebt? Oder dafür, wie schlimm die Konkurrenz zwischen Daniela Katzenberger und Verona Feldbusch wirklich ist? Und ob es stimmt, dass Lindsay Lohan jetzt aussieht wie Pete Doherty? Wären Sie bereit, dafür Geld auszugeben? Obwohl Sie Zugang zum Internet haben? Dann hat "Chatter" eine reelle Chance.