Pseudoexperten im TV Ich spiele, also bin ich
Das sind doch Aussichten: Johnny Depp als Talkgast zum Thema Piratenpartei!
Foto: DEFDNeulich lief eine "Hart aber fair"-Sendung zum Thema Mobbing. Und wen hatte Frank Plasberg eingeladen? Einen ehemaligen Arbeitsminister, einen Rechtsanwalt, der ausschließlich Arbeitgeber vertritt, einen Top-Manager. Und: Christoph Maria Herbst.
Der Schauspieler war zu Gast, weil er die Hauptrolle in der TV-Serie "Stromberg" spielt. Stromberg ist der Alptraum eines jeden Arbeitnehmers, ein Chef-Ekel, der seine Angestellten mit Sarkasmus, Arroganz und Ungerechtigkeiten quält.
Dieser Boss mobbt seine Untergebenen. Deshalb passt dann der Darsteller, so der Gedanke der Sendungsmacher, in eine Fachdiskussion zum Thema Mobbing.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Ein Schauspieler, der eine Figur gemäß eines Drehbuchs verkörpert, wird automatisch Spezialist für die Themen, die mit dieser Figur assoziiert sind. Sebastian Koch, Darsteller des "Seewolf": perfekt für eine Sendung zum Thema Robbenjagd und Umweltschutz. Thomas Thieme, Darsteller von Helmut Kohl im Biografiefilm "Der Mann aus der Pfalz": Idealbesetzung für Diskussionsrunden zum Kalten Krieg, der Wende oder der Zukunft der Unionsparteien. Heike Makatsch, Star der Lebensverfilmung von Margarete Steiff: ein Profi in puncto Unternehmensführung, der jeden Talk zur Wirtschaftskrise mit Know-how bereichern würde.
In dieser Logik muss man vor gewissen Leuten allerdings Angst haben. Bruno Ganz: Spielte so überzeugend Hitler, dass man ihn besser nicht ins Fernsehen zu einem Gespräch über - sagen wir - Extremismus und Diktatorenverehrung lässt. Wer weiß, wen oder was der Mann alles mobilisiert, wenn sein Auftritt hunderttausendfach in deutsche Wohnzimmer ausgestrahlt wird.
Oder Thomas Kretschmann, der den sogenannten Kannibalen von Rotenburg spielte: So jemanden sollte man, auch wenn die Versuchung groß ist, nicht in eine Sendung über "Krebsrisiko durch Fleischgenuss" einladen. Nachher wird der Verzehr von Gliedmaßen landesweit salonfähig.
Total von der Rolle
Es gibt Stars, die die Vermengung von Wirklichkeit und Rolle schon zum Stilprinzip gemacht haben: Anke Engelke und Bastian Pastewka zum Beispiel saßen als Comedy-Pärchen Anneliese und Wolfgang bei "Wetten, dass ?" auf der Couch. Mario Barth simuliert in Talkshows nur Spontaneität, er bleibt weitgehend in seiner Bühnenrolle als grenzdebiler Macho. Und Horst Schlämmer war eine Zeitlang medial so präsent, dass man vergaß, dass hinter der Maske Hape Kerkeling steckte. Er warb um Wähler, gab Pressekonferenzen, und es ist ein Wunder, dass ihn Kerner und Beckmann nicht in ihre Runden zum Bundestagswahlkampf gesetzt haben.
Man sollte diese Idee auch im Kleinen nutzen. Ich etwa habe in einer Schultheateraufführung den korrupten Prinzen Hettore Gonzaga aus Lessings "Emilia Galotti" gespielt. Ich wäre also perfekt für die Hofberichterstattung der "Bild"-Zeitung. Alexander von Schönburg sollte mal darüber nachdenken.
Später bin ich regelmäßig im Piratenoutfit zu Halloweenpartys gegangen. Piraterie hat sich nun gerade in den vergangenen Jahren zum politisch hochbrisanten Thema entwickelt. Ich könnte hier kommentierend zu Fragen der Sicherheit auf internationalen Gewässern Stellung nehmen (oder, etwas weiter gefasst, zu den bundespolitischen Chancen der Piratenpartei). Es sei denn, man bekäme Johnny Depp, den Star aus "Pirates of the Caribbean", aber der ist Beckmann vermutlich zu teuer.
Der Filz des Fernsehens
An Weihnachten trage ich seit Jahrzehnten traditionell ein Hirschgeweih aus Filz. Könnte ich zu Fragen der Forstwirtschaft nicht mehr Konstruktives beitragen als Ilse Aigner?
Darauf sollte man es ankommen lassen: Die Landwirtschaftsministerin und ich (mit Plüschzwölfender), dazu Hardy Krüger jr., der Förster aus "Forsthaus Falkenau", und Geoffrey Bayldon, der Waldschrat aus "Catweazle". Diese Runde könnte strukturelle Probleme diskutieren, zum Beispiel, wie man die illegale Billigholzernte in den Griff kriegt.
Die jüngste Plasberg-Sendung drehte sich übrigens um die Klimakatastrophe. Der Titel war: "Nach uns die Sinflut". Ein Umweltminister war eingeladen, eine Grünen-Politikerin, ein Meteorologe. Nur Dirk Bach fehlte. Warum eigentlich? Der hat doch "Urmel aus dem Eis" gespielt.