Radiorüpel Don Imus Das Ende des Schock-Jocks
New York - Er steuerte ja immer schon nahe am Abgrund. Nannte die schwarze NBC-Korrespondentin Gwen Ifill eine "Putzfrau", den Autor William Rhoden "Quotenmann" und Schwarze generell "Nigger". Beschimpfte die Basketballer der New York Knicks als "brusttrommelnde Zuhälter", die damalige US-Justizministerin Janet Reno, an Parkinson erkrankt, als "Rodeo-Clown", und Howard Kurtz, den Medienkolumnisten der "Washington Post", als "knochennasigen Judenjungen".
Das liebten sie an ihm. Radiotalker Don Imus, 66, hat mit seiner rüden Schnauze Millionen gescheffelt. Für sich selbst (zuletzt verdiente er zehn Millionen Dollar im Jahr) und für die US-Sender, die ihn jahrelang ausstrahlten, ohne mit der Wimper zu zucken. Imus war der Hof-Rassist, der Sexist und Schwulenhasser vom Dienst, der Mann fürs Grobe. Er erlaubte, über Dinge zu lachen, die in den Keller der Seele gehören.
Doch jetzt war es offenbar zu viel. Nachdem Imus das überwiegend schwarze Basketball-Damenteam der Rutgers University als "kräuselhaarige Huren" beschimpft hatte, blies ihn ein Sturm der Entrüstung ins Aus. "Nappy-headed hos" war, von der Wortwahl her, ein Rückfall in die Sprache von Segregation und Sklavenhaltung. Erst warf ihn daraufhin der TV-Kabelkanal MSNBC, der "Imus in the Morning" parallel ausstrahlte, aus dem Programm. Dann feuerte ihn gestern auch sein Hauptarbeitgeber CBS, über dessen Radiostationen er keifte.
Cowboyhut auf dem Haargestrüpp
Der Sturz des "Schock-Jocks" Imus - dessen Popularität nur von seinem Erzfeind Howard Stern übertroffen wurde - ist eine Parabel auf die Heuchelei der "Political Correctness". Denn die Wörter, mit denen Berufsmisanthrop Imus um sich warf, waren keine anderen als die, mit denen Rapper und Hiphop-Producer reich werden - Wörter, auf denen Imus seine eigene, fast 40-jährige Karriere gebaut hat, unter dem Jubel von Abermillionen Fans und VIP-Freuden. Politiker machten in seiner Show Wahlkampf, Autoren verhökerten Bücher, Filmstars Filme.
Das Ende begann fast unbemerkt. Am 3. April verpassten die Basketball-Ladys von Rutgers die US-Meisterschaft. Tags darauf flachste Imus im Studio herum, wie immer einen Cowboyhut auf dem wirren, grauen Haargestrüpp, wobei besagter "Huren"-Kommentar fiel - sowie die Vokabel "Jigaboos", ein rassistisches Hasswort.
Der Aufruhr hielt sich zunächst in Grenzen. Wieder so ein Imus-Affront, dachten sich viele. Die Show, vom lokalen CBS-Radiosender WFAN-AM in Manhattan produziert, wurde landesweit an rund 90 Stationen verkauft und parallel von der NBC-Tochter MSNBC im Kabelfernsehen ausgestrahlt. "Imus in the Morning" hatte rund 1,6 Millionen Radio-Hörer und knapp eine halbe Million TV-Zuschauer.
Erst als die Blogger sich der Sache annahmen, gewann der Skandal an Schwung. Schwarze Bürgerrechtler forderten Satisfaktion. Die Geistlichen Al Sharpton und Jesse Jackson polterten durch alle Nachrichtensender. Die Networks CBS und NBC, die Imus sendeten, runzelten leicht die Stirn, suspendierten ihn für zwei Wochen, hielten aber an ihrer Profitquelle fest.
"Für den Rest des Lebens verwundet"
Imus entschuldigte sich für die "gedankenlose und dumme" Entgleisung, die ja gar keine war, sondern nur die Fortsetzung eines langen, lukrativen Trends. Es half nichts. Sharpton legte nach, im Schlepptau nun eine ganze Armee empörter Minderheiten. "Amerika ruft: Genug ist genug", sagte Bryan Monroe, Chef der National Association of Black Journalists.
Wie eine Lawine rauschte die Geschichte zu Tal. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama schwor, nie wieder in Imus' Show aufzutreten: "Er hat mit die schlimmsten Vorurteile genährt, mit denen meine zwei jungen Töchter im heutigen Amerika zu tun haben." Die Kommunikationsbehörde FCC, Herrin über Millionenstrafen für Nippelzeigen und andere Unsittlichkeiten, horchte auf.
Als nächstes sprangen die Werbekunden ab: General Motors, Proctor & Gamble, American Express, Sprint Nextel, GlaxoSmithKline, Staples, Ditech. CBS und NBC begannen, Umsätze in mehrstelliger Millionenhöhe zu verlieren. Imus soll allein für CBS im Jahr rund 40 Millionen Werbedollar erwirtschaftet haben.
Dann erst meldeten sich die Basketballerinnen zu Wort. Sie verurteilten Imus, forderten aber keine Entlassung, sondern wollten lieber erst persönlich mit ihm reden. "Wir sind in einer Welt aufgewachsen, in der Rassismus existiert, und wir können nichts tun, um das zu ändern", sagte die Spielerin Matee Ajavon. "Dies hat mich für den Rest meines Lebens verwundet."
US-Gesellschaft im Zwiespalt
Nach einer Woche hatte sich die Affäre so hochgeschaukelt, dass es keinen Ausweg mehr gab. CBS-Vorstand Bruce Gordon, der Ex-Präsident der Schwarzenvereinigung NAACP, legte das moralische Fundament für die Sender, Imus das Mikro abzudrehen: Er habe "die Grenze überschritten, die unser Land zerteilt". Zuerst setzte MSNBC die TV-Ausstrahlung ab. Dann cancelte CBS gestern Nachmittag die Show komplett.
Für Multimillionär Imus ist dies nicht der erste Karriereknick. Der frühere Marineinfanterist, Bergmann und Tankstellenwart begann seine Radio-Laufbahn 1968 in Kalifornien, wo er als Schock-Spaßvogel berühmt wurde. Einmal rief er bei einem Schnellimbiss an und bestellte 1200 Hamburger. 1977 feuerte ihn NBC wegen seiner Kokain- und Alkoholsucht, wegen der er in einem Jahr hundert Tage krankgefeiert hatte. Seit 1987 ist er nach eigenen Angaben clean.
Trotz seines krassen "On-Air"-Charakters engagiert sich Imus nebenher für wohltätige Zwecke. Seine "Imus Ranch" in New Mexico betreut krebskranke Kinder. Auch hat er über sechs Millionen Spendendollar für versehrte Kriegsveteranen zusammengetrommelt.
Was bleibt, ist ein Lehrstück über den Zwiespalt der US-Gesellschaft zwischen Puritanismus einerseits und Gedanken- und Redefreiheit andererseits, koste es, was es wolle.
Das schlechte Gewissen bricht durch
Rapper und Hiphop-Stars, deren Songs oft Gewalt und Rassenhass propagieren, gelten als Rollenvorbilder: "This Is Why I'm Hot", die aktuelle Nummer 1 der Rap-Charts, preist das Leben auf der Straße unter "bitches" (Schlampen), "pimps" (Zuhältern) und "niggas".
Frauen werden im Reality-TV zu willigen Sexobjekten degradiert: In "Flavor of Love", einer Top-Show auf dem Ex-Musiksender VH1, lassen sich die Kandidatinnen von Flavor Flav von der Rap-Gruppe "Public Enemy" niedermachen. Eine von ihnen, die vollbusige Tiffany Pollard, bekam darob jetzt eine eigene Spinoff-Show, in der wiederum sie die Männer niedermacht.
Schwule und Lesben müssen sich derweil von Politikern als Bürger zweiter Klasse behandeln lassen, so es deren Wahlchancen steigert. US-Generalstabschef Peter Pace, in dessen Armee zahllose schwule Soldaten dienen, nannte Homosexualität erst kürzlich "amoralisch".
Und dann, immer wieder mal, scheint es, als breche das schlechte Gewissen durch. Der Komiker Michael Richards ("Seinfeld") wurde wegen rassistischer Ausfälle gegen schwarze Zuschauer abserviert. Hollywood-Star Mel Gibson begab sich nach judenfeindlichen Schimpfereien in eine Entziehungskur. TV-Arzt Isaiah Washington ("Grey's Anatomy") unterzog sich einer Verhaltenstherapie, weil er Co-Star T.R. Knight "Tunte" geschimpft hatte.
Und nun Don Imus. CBS-Boss Leslie Moonves beschwor nach dem Rausschmiss "die Auswirkung, die solche Worte auf unsere jungen Menschen haben". Im Abendprogramm lief nur Stunden später die jüngste Folge des CBS-Quotenhits "Survivor". Dessen letzte Staffel hatte die Kandidaten in vier Rassencamps aufgeteilt, um für mehr Zoff zu sorgen: Schwarze, Weiße, Latinos und Asiaten. Die Trennung hielt nur drei Episoden.