Rainald Goetz' "Irre" "Weine nicht - arbeite"
Das Schauspiel Hannover schreibt sich jetzt klein und zusammen: schauspielhannover. Als wär's eine Internet-Adresse. Heißt das jetzt, dass der neue Intendant Wilfried Schulz vor allem Web-Ware präsentieren will? Oder ist das einfach nur ein Zeichen für moderne Dramatik im Zeitalter des Klickens? Zunächst einmal heißt es: Bühne frei für Rainald Goetz' "Irre". Mit diesem Roman, der die Schrecken der Psychiatrie beschreibt, gab der Autor 1983 sein Debüt. Im selben Jahr stilisierte er sich zum Enfant terrible des Literaturbetriebs mit einem spektakulären Auftritt beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, wo er sich während der Lesung mit der Rasierklinge einen Schnitt quer über die Stirn zog: eine Wunde als medientaugliches Kostüm.
Und jetzt: Eine späte Uraufführung in einer sterilen Fassaden-Welt, die man mit ihren Steil-Treppen, Klapp-Türen und schießschartenartigen Schlitzen auch als große Hirn-Metapher begreifen kann. Mittendrin steht Raspe, gespielt von Fabian Gerhardt, mit roten Stoppelhaaren und träumt von New York, von großen Gefühlen und vom Kino. Doch da pirschen schon die Weißkittel heran, breit grinsend, und überführen den Ankömmling in den schlimmen Ernst des Klinikalltags.
So schlimm ist der aber gar nicht bei Regisseur Jossi Wieler. Nur ein bisschen wirr. Denn er bietet Easy-Listening-Sound, wohlgesetzte Kunst-Dialoge und permanente Rollenwechsel zwischen Pflegern, Ärzten und Patienten, so dass die Grenzen zwischen Krank- und Gesundsein zerfließen. Auch bemüht er sich um Komik, die das Grauen der Klinik und die Hilflosigkeit der Therapeuten ins Groteske verzerrt. So zerfällt diese halb autobiografische Leidenschronik - Goetz hat Medizin studiert und in einer Nervenklinik gearbeitet - in ein surreales Splitterreich aus Wirklichkeit, Romanvorlage und Theater, bei dem der Kern des Buches auf der Strecke bleibt: die Bedrohungen, der Rausch, all die Widersprüche zwischen Wahn und Kontrolle, Psychosen und Medikamenten.
Medizinmann Goetz, der inzwischen meist recht geschwätzige Texte über sich und das Leben im Zeitalter des Pop schreibt, weshalb man ihn auch gerne als "Müllmann der Gegenwartssprache" verspottet, hat seinem Roman einen Untertitel gegeben: "Don't cry - work". Das müsste als Therapie gegen das "Irre"-Sein eigentlich genauso taugen wie gegen die weiterhin grassierende Kunst-Langeweile.