Ralf Moeller: Der Lehrling - DER SPIEGEL
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Ralf Moeller Der Lehrling

Als sein Freund Arnold Schwarzenegger vor fünf Jahren Gouverneur von Kalifornien wurde, dachte der deutsche Schauspieler Ralf Moeller: "Für mich ist das nichts." Dann aber traf er Angela Merkel und entdeckte seine Liebe für die Politik. Nun will er mitmischen - in Deutschland.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Afghanistan also. In ein paar Wochen soll es losgehen. Erst Berlin, Treffen mit Verteidigungsminister Franz Josef Jung, dann weiter nach Köln-Wahn, zum Militärflugplatz, und mit der Transall über den Hindukusch, schließlich ins Bundeswehrcamp in Masar-i-Scharif. Sportsachen will er mitbringen, deutsche Fitnessgeräte, Brust- und Bizepsmaschinen, Laufbänder, Crosstrainer, ein ganzes Fitnessstudio. Die Soldaten sollen fit bleiben, sagt Ralf Moeller, und sie sollen Spaß haben, denn sie tun ja ganz schön viel für ihr Land. Ralf Moeller, der deutsche Hollywood-Schauspieler, geht auf Auslandsmission.

"Hmmmm", sagt Arnold Schwarzenegger. Er weiß nicht, ob das sexy genug klingt.

Es ist ein sonniger Tag in Beverly Hills, und von der Terrasse des Zigarrenclubs "Grand Havana Room" aus hat man einen schönen Blick auf den Canon Drive und die dekolletierten Damen in ihren offenen Bentley. Das "Havana" ist Moellers liebstes Büro, hier trifft er seine Freunde, Kumpel, Geschäftspartner, hier hält er Hof mit Thomas Gottschalk, Udo Kier und anderen Größen, die ihn einfühlsam "Ralfi" nennen. Und natürlich trifft er hier auch seinen Freund Arnold Schwarzenegger, "den Gouverneur", wie er halb spaßig, halb ehrfurchtsvoll sagt.

Moeller hat eine Runde Montecristo ausgegeben, Schwarzeneggers Lieblingszigarren, und alle am Tisch rauchen mit. Man lässt Schwarzenegger nicht allein rauchen, nicht den Boss.

"Arnold", fragt Moeller, "du warst doch auch mal bei den Soldaten, wie war es denn da?"

Moeller hat ihm schon von seinem Plan erzählt, die Soldaten in Afghanistan zu besuchen, seit Weihnachten freut er sich auf diesen Trip. Er hat ihm erklärt, dass die deutschen Soldaten im Norden stationiert sind, wo weniger los war, aber nun auch das Risiko zunimmt, die Anschläge, die Zahl der Toten.

"Okay, Ralf", sagt Schwarzenegger, "denk dir erst mal einen Scherz über Frauen aus. Scherze über Frauen kommen bei Soldaten immer gut an. Sag ihnen zum Beispiel, dass es dir leidtut, dass sie oben im Norden stationiert sind, weil die schöneren Frauen im Süden leben. Lass dir was einfallen. Oder kennst du jemanden, der Witze schreiben kann?"

Moeller überlegt, klar, er kennt Gottschalk, bei Harald Schmidt könnte er jemanden fragen, er denkt laut, aber Schwarzenegger hört schon längst nicht mehr zu. Er sieht sich selbst, wie er im Sommer 2003 amerikanische Soldaten in Bagdad besuchte, um sie zu motivieren und ihnen seinen Film "Terminator 3" zu zeigen. Schwarzenegger weiß genau, wie Soldaten ticken.

"Action", sagt Schwarzenegger. "du musst sofort was machen, wenn die dich sehen. Die sind ausgebildet, um zu töten, da darfst du nicht zögern, die brauchen Action, Ralf."

Moeller nickt. Er ist jetzt 49, war Bodybuilder wie Arnold, er wurde zum Actionhelden wie Arnold. Es hat immer geklappt. Er macht es auch diesmal wie Arnold.

Schwarzenegger war schon sein Idol, als er noch ein Halbstarker in Recklinghausen war. Auf seinem Nachttisch lagen die Fitnessmagazine, die in den siebziger Jahren "Sport & Fitness" und "Sportrevue" hießen. Sie zeigten Arnold Schwarzenegger, halbnackt und monströs, und Moeller wünschte sich genau so einen Körper. Er war 1,96 Meter groß, größer als Arnold, aber ihm fehlten die Muskeln. Er versuchte es erst mit Schwimmen, dann mit Boxen, und schließlich, als er 17 Jahre alt war, entschloss er sich, richtiger Bodybuilder zu werden.

Moeller goes Hollywood

Seine Eltern hatten damals kein Geld für Fitnessgeräte, aber sein Vater war Schlosser und schweißte ihm aus Stahlmüll Hanteln zusammen. Moeller trainierte täglich, und sein Körper pumpte sich auf. Seine Brust umfasste bald 148 Zentimeter, und sein Bizeps war so dick wie die Oberschenkel der Freunde. Samstags stand er mit nacktem Oberkörper vor dem Elternhaus in der Merveldtstraße im Arbeiterviertel von Recklinghausen, einen Gartenschlauch in der Hand, und putzte den VW seines Vaters. Die Nachbarskinder kamen vorbei. Sein Körper war die Sehenswürdigkeit des Viertels.

Sechs Jahre arbeitete er an sich, sein Fleiß wurde Fleisch, und endlich stand er zum ersten Mal vor Arnold Schwarzenegger. Schwarzenegger hatte gerade "Conan der Barbar" gedreht und war 1982 in Essen auf Werbetour. Ein Bodybuilder, der es in Hollywood geschafft hatte. Das gab Moeller Mut, auch er könne es schaffen. Als Moeller im selben Jahr bei den Mister-Universum-Wahlen in Belgien antrat, kommentierte Schwarzenegger: "Wenn der Moeller den Latissimus-Muskel rausfährt, dann ist das, wie wenn sich ein Vorhang schließt." Es war wie eine Heiligsprechung für ihn.

Bald stand auch Moeller in Hollywood. Nachdem er 1986 zum Mister Universum gewählt wurde, drehte er seinen ersten Hollywood-Film, "Cyborg", in dem er einen Krieger spielte. Die Gage von 15000 Dollar gab er sofort aus, die eine Hälfte für ein Gemälde von LeRoy Neiman, das ein Footballspiel zeigt, die andere für einen grauen Maßanzug, den er bei Schwarzeneggers Leibschneider Giacomo Trabalza in Los Angeles fertigen ließ. Und so kehrte er nach Deutschland zurück, ohne Geld, aber mit Gemälde und Anzug und dem Wunsch, bald nach Amerika zu ziehen.

Er hat es geschafft. Seit 1992 lebt er in Los Angeles mit seiner Frau Annette und seinen beiden Töchtern, in einem Haus mit Swimmingpool auf dem Villenhügel Brentwood, von wo aus er Schwarzeneggers Villa sehen kann. Sein Geld verdient er mit Werbung und Filmen, die zuletzt nicht immer zu den besten gehörten, wie die RTL-Produktion "Der Superbulle und die Halbstarken", "Hai-Alarm auf Mallorca", die Komödien "Postal" und "Bierfest".

Am liebsten redet er deshalb über "Gladiator", seinen größten Kinoerfolg. Er ist 2000 in die Kinos gekommen, Moeller hat neben Russell Crowe einen der Helden gespielt, nicht viel gesagt, aber als der Film fünf Oscars gewann, war auch er irgendwie ein Oscar-Gewinner.

Moeller macht alles. In der Palazzo-Show duellierte er sich im Tischtennisbälle-Weitspucken. In "Wetten, dass ...?" leitet er gern mal die "Außenwette" für seinen Freund Gottschalk. Für Audi ist er Botschafter für Amerika, für Volkswagen wirbt er für Kleintransporter, über einen Online-Versand vertreibt er seine Kosmetiklinie L.R., komplett mit Duschbad, Parfum, Deoroller. Und stets sucht er nach neuen Ideen. Jüngst erklärte er einer deutschen Matratzenfirma, sie solle eine "Sportmatratze" entwickeln, er stünde gern für die Vermarktung bereit.

Aber es muss noch etwas Größeres geben als eine Wette von Gottschalk, denkt er. Die vergangenen Jahre als Schauspieler seien für ihn eine "Aufwärmphase" gewesen, sagt Moeller. "Die erfolgreiche Zeit für mich kommt erst noch." Sein Sternzeichen sei Steinbock, und "beim Steinbock dauert es immer ein bisschen länger".

Geht Moeller jetzt in die Politik? Wird er Deutschlands Schwarzenegger? "Ich will meinem Land etwas zurückgeben", sagt Moeller. So redet er jetzt.

In Amerika, wo er lebt, kann man alles schaffen. Das glauben die Leute, und dieser Glaube vereint dieses Land. Nicht nur Arnold Schwarzenegger kam dort als Politiker nach oben. Clint Eastwood war Bürgermeister von Carmel, der Profi-Wrestler Jesse Ventura Gouverneur von Minnesota, der Basketball-Star Bill Bradley dreifacher US-Senator und der Weltrekordsprinter Jim Ryun über ein Jahrzehnt Abgeordneter im Repräsentantenhaus. Aber ist das auch in Deutschland möglich?

Wahlkämpfer für die CDU

Im Februar 2005 traf Moeller Angela Merkel auf der Berlinale. Merkel hatte in der Zeitung gelesen, dass sich Moeller auch eine Frau als Kanzlerin vorstellen könne, und deswegen kamen sie miteinander ins Gespräch. Am folgenden Tag ließ Merkel ihn anrufen und fragen, ob er nicht Wahlkampf für sie machen wolle. Er mochte zwar Gerhard Schröder, "wegen seiner Zigarren und seinem Geschmack für gute Anzüge", und ehrlich gesagt, mit der Physikerin Merkel, dieser spröden, unaufgeregten Natur, hatte er nur wenig gemein, sie passte nicht in seine pralle Welt, nicht in den Havana Club in Beverly Hills, aber er sagte ja.

Ein halbes Jahr später stand er in der CDU-Parteizentrale und machte Wahlkampf für Merkel. Das "Team Zukunft" stand Spalier, und nach ein paar Gruppenfotos posierte er auf dem Podium, wo sonst Angela Merkel steht. Er sollte eine "Team Zukunft"-Kappe aufsetzen und ein "Team Zukunft"-T-Shirt anziehen, aber es war viel zu klein. Da schlüpfte Moeller aus seinem Sakko, knöpfte sich sein Hemd auf und stand plötzlich mit nacktem Oberkörper auf dem Podium. Er genoss den Moment, die Bewunderung. Es war sein Debüt in der Politik.

Sie ist so traurig, die deutsche Politik. Die Wahlbeteiligung ist seit den siebziger Jahren gesunken, vor allem bei Jungwählern. Die Politiker reden so lange, bis die Leute nicht mehr zuhören wollen, es wird über Parteiprogramme gestritten, die so schwer zu verstehen sind wie eine Mathematikklausur, und am Ende halten sich die Parteien sowieso nicht dran. Nur noch sechs Prozent in Westdeutschland und sieben Prozent in Ostdeutschland haben noch einen besonderen Respekt vor dem Politikerberuf. Warum also nicht ein wenig mehr Schlichtheit und ein wenig mehr Spaß in die deutsche Politik? Warum nicht mehr Moeller?

Merkel wurde Kanzlerin, und Moeller wollte nun eine Art Jugendfitnessberater der Regierung werden. Er regte das Programm "Starke Typen" an, und der Arbeitgeberverein Gesamtmetall und Familienministerin Ursula von der Leyen machten mit. Man müsse Kindern klarmachen, dass sie Sport machen sollen, sagte er. "Und Fast Food, das macht fett und zu viel Süßes dumm." Er wusste genau, was er tat. So ähnlich hat auch Arnold Schwarzenegger seine politische Karriere angefangen. Als Fitnessbeauftragter von Präsident George Bush senior.

Aber Deutschland ist erst einmal anders. Deutschland ist grau.

Seine "Starke Typen"-Kampagne startet an der Hector-Peterson-Schule in Berlin-Kreuzberg, Moeller und von der Leyen treten an zum Fototermin. Die Fotografin stellt die Kinder in Zweierreihen auf. Es wird nicht gelacht, alle stehen unbeholfen herum, und nach dem vierten Foto wird Moeller unruhig. "Doppelbizepspose", ruft er plötzlich, und alle schauen ihn erschrocken an. "Na, los, bewegt euch!", ruft Moeller, "Die Ministerin auch!" Und bald stehen sie alle da, die Arme neben dem Kopf angewinkelt, auch Ursula von der Leyen spannt ihren Bizeps, und alle sehen ziemlich dämlich aus. Nur Moeller ist zufrieden, endlich hat er Action gemacht.

Seitdem läuft das Geschäft als Stimmungsmacher der deutschen Politik. Der Recklinghauser Bürgermeister Wolfgang Pantförder ernannte ihn zu seinem Sonderbotschafter. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers besuchte ihn bei einer Veranstaltung in seiner alten Schule, Angela Merkel lud ihn als "Du bist Deutschland"-Botschafter ein, und zusammen mit Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit knipste er die städtische Weihnachtsbeleuchtung an. Danach sang er mit Kindern "O Tannenbaum".

"Action, Action, Action"

Bevor er nach Afghanistan fährt, lädt ihn der Drei-Sterne-General Karlheinz Viereck wie einen Staatsgast in die Offiziersstube des Einsatzführungskommandos in Potsdam ein. Er hat die Stube festlich eindecken lassen, dunkelrote Servietten, schönes Porzellan, schweres Besteck. Es kommt nur wenig Licht in den Raum, ein altes, muffiges Herrenzimmer, in dem die Zeit stehengeblieben ist, dann kommt die Rinderroulade. Viereck redet über den Krieg in Afghanistan, die Strategie, die Fakten, die Zahlen, und irgendwann wird es Moeller zu viel. Viereck soll mal was Handfestes sagen. "Gibt's da unten auch Panzer?", fragt Moeller.

Ein Reporter der "Bild"-Zeitung begleitet Moeller, der die Reise genießt wie einen Abenteuerurlaub. Moeller macht alles mit, Panzerkonvoi, Hubschrauberausflug, Übungsschießen mit einer Maschinenpistole. Und dann ein echter Alarm. Moeller erzählt: "Unser Konvoi wurde gewarnt: Anschlagsgefahr! Wir mussten sofort auf eine andere Route ausweichen. Es wurde hektisch. Jetzt erst kann ich erahnen, was es bedeutet, hier Soldat zu sein. Eine permanente Anspannung. Das vergessen wir in Deutschland immer schnell."

Er hat sich für die Soldaten schöne Sätze zurechtgelegt, die bedeutungsschwer klingen: "Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Dafür arbeitet ihr jeden Tag. Ich war hier, um die Menschen draußen daran zu erinnern." Es sind die Sätze, mit denen er die Talkshows bedienen will. Politikersätze.

Manchmal verwechselt er noch Minister und Ministerpräsident, aber ist das so wichtig? Es muss krachen in der Politik, "Action, Action, Action", hat Arnold gesagt.

Moeller lässt inzwischen keine Gelegenheit aus, Politiker in Deutschland zu treffen, und wenn sie nach Amerika kommen und Schwarzenegger besuchen, dann ist er, wenn möglich, auch mit dabei. Am Abend von Barack Obamas Wahlsieg steht er im Hilton Hotel in Beverly Hills, wo Arnold Schwarzenegger zu seiner Wahlparty eingeladen hat, und gibt Interviews für deutsche Fernsehsender. Er sagt ihnen, es sei gut, dass Obama gewonnen habe. Seine Frau Annette hat für Obama Wahlkampf gemacht. Er ist jetzt Experte geworden, Politik-Experte.

Er wüsste auch, was er in Deutschland ändern würde. Die Renten würde er schützen, die Steuern senken. Die Deutschen müssten lernen, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Das hat er in Amerika gelernt. "Man muss den Schwachen helfen, ihnen Starthilfe geben", sagt er. "Aber der Deutsche vertraut zu sehr dem Staat, er ist zu bequem geworden. Das geht nicht so weiter: die ewige Völlerei, Hotel Deutschland mit Vollpension."

Es gibt noch keinen Plan für eine politische Karriere, keinen Masterplan, wie ihn Schwarzenegger hatte, keine Partei, keinen Posten, es gibt nur ein Vorbild. Und damit ein Ziel. Die Frage ist natürlich, ob ihn überhaupt jemand wählen würde. Nordrhein-Westfalen, das weiß er, ist nicht Kalifornien. Aber muss das immer so bleiben?

Seine Freunde in Kalifornien scherzen, dass er einmal Nachfolger von Arnold Schwarzenegger werden könne als Gouverneur von Kalifornien. "Ich mache doch nicht den gleichen Fehler wie Arnold", sagt er. "Er kann nicht Präsident werden, weil er nicht in Amerika geboren ist. Ich werde deswegen lieber Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, dann kann ich später auch Bundeskanzler werden."


Ralf Moeller ist zu sehen auf DVD in " Postal" (WVG Medien); im Kino in "Far Cry" mit Til Schweiger und Udo Kier.

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