Reformdebatte Schnee- statt Rechtschreibgipfel
Berlin - Groß oder klein, ß oder ss: Das Gerangel um die deutschen Rechtschreibregeln betrifft nicht nur die Deutschen, sondern auch die Nachbarländer Schweiz und Österreich. Während bei uns Politiker, Schriftsteller und Experten aller Art heiß diskutieren, bleiben Eidgenossenschaft und Alpenrepublik gelassen. "Rechtschreibdiskussion statt Ungeheuer von Loch Ness", titelte die "Wiener Zeitung" diese Woche mit Blick auf die Sommerdebatte in Deutschland. Und der Präsident der Schweizer Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK), Hans Ulrich Stöckling, sagte in einem Radiointerview zurückhaltend: "Ich habe etwas Mühe mit der Diskussion in Deutschland."
Gelassene Eidgenossen
Gedanken um eine Eskalation der Debatte im eigenen Land muss Stöckling sich offenbar nicht machen. Während der Streit in Deutschland heftig brodelte, schrieb die "Neue Zürcher Zeitung" am vergangenen Sonntag, auch Schweizer Kritiker versuchten Widerstand gegen die Reform zu organisieren: "Bisher von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet" sammle eine Gruppe um die Schriftsteller Adolf Muschg, Urs Faes und andere Unterschriften gegen die neuen Regeln.
Die Gegnerschaft in der Schweiz gegen die Rechtschreibreform sei von Anfang an "sehr bescheiden" gewesen, bestätigt der Beauftragte für die Reform bei der EDK, Christian Schmid, auf Anfrage der Nachrichtenagentur ddp. Über den Schritt deutscher Verlage, zur alten Schreibung zurückzukehren, sei man allerdings "unglücklich", das habe Aufregung ausgelöst. Schließlich hätten die drei Länder sich darauf geeinigt, dass die neuen Regeln ab August 2005 verbindlich sein sollen.
Schmid kündigte an, die Schweiz werde versuchen, bei dem geplanten Treffen zwischen Vertretern Deutschlands, der Schweiz und Österreichs Ende August in Wien ihren Einfluss geltend zu machen, damit es in Deutschland nicht zum Kippen der Reform komme. Sollte dies doch geschehen, entstünde eine "sehr schwierige Situation".
Stöckling ist um Verständnis für die deutschen Verhältnisse bemüht: Die deutsche Bevölkerung sei wegen der ß-/ss-Regeln wohl stärker von der Reform "berührt". Das ß habe es in der Schweiz nie gegeben, deshalb habe sich dort auch das Schriftbild nicht geändert. Schmid sagte, in der Schweiz werde das Herumbasteln am Hochdeutschen nicht als Angriff auf die sprachliche Identität gewertet. Diese liege im Schwyzerdütschen.
Österreichische Mehrheit für die alten Regeln
Auch in Österreich hätte man das Thema ad acta gelegt - wäre da nicht der Unruhe stiftende Nachbar. Kanzler Wolfgang Schüssel hat sich laut der österreichischen Zeitung "Der Standard" klar für ein Festhalten an der Reform ausgesprochen. Einziges Problem: Die Rückkehr der Deutschen zu den alten Schreibungen. "Sollte Deutschland die Reform kippen, was ich für unwahrscheinlich halte, wäre ein österreichischer Alleingang nicht sinnvoll", sagte Fritz Rosenberger, Vorsitzender des Beirats für Sprachentwicklung, dem "Standard".
Dabei sind die Bürger im Alpenstaat mehrheitlich für eine Rückkehr. In einer vom "Standard" zitierten Umfrage sprachen sich 62 Prozent der Befragten für die alten Regeln aus. Nur zwölf Prozent sagten, dass sie komplett nach den neuen Regeln schreiben.
Deutsche Reformbefürworter schöpfen nun aus der gelassenen Stimmung in den Nachbarländern Hoffnung. Der Geschäftsführer der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, Klaus Heller, sagte in einem Rundfunkinterview, in der Schweiz und Österreich gebe es bisher keine Anzeichen für eine Rücknahme der Reform. Und er könne sich "nicht vorstellen, dass die Bundesrepublik jetzt aus dieser Koalition ausschert". Das wäre politisch und inhaltlich falsch.
Ulrike Geist, ddp