Regiestar Andreas Kriegenburg Selbstgespräche im Knast
Auf deutschsprachigen Bühnen macht ihm so schnell keiner was vor: Andreas Kriegenburg, seit 2001 Oberspielleiter am Hamburger Thalia Theater und dennoch rastlos umherreisender Regisseur. In diesem Jahr hat er schon fünf Premieren gefeiert, in Hamburg und München und Zürich, im vergangenen Jahr waren es sechs, in Hamburg und München und Magdeburg. Manches spricht dafür, dass er ein Theatersüchtiger ist, ein Workaholic der Bühne.
Und zwar einer mit Riesenerfolg: Beim Berliner Theatertreffen war Kriegenburg in den vergangenen Jahren fast Dauergast. Sieben Einladungen erhielt er insgesamt zum Gipfeltreffen der deutschen Schauspielgiganten, darunter 2007 zwei auf einen Schlag.
Fest gebucht scheint Kriegenburg vor allem für Uraufführungen Dea Lohers; zuletzt sorgte er für die gefeierte Inszenierung ihres gefeierten Stückes "Das letzte Feuer". Der "sensible Menschen-Erforscher" Kriegenburg, wie ihn der SPIEGEL einmal nannte, ist so etwas wie der kongeniale Spezialist für Lohers Texte, die zu dem besten gehören, was die Gegenwartsdramatik so hergibt. Nun aber versucht er es ganz alleine - und inszeniert im Münchner Haus der Kunst sein erstes eigenes Stück.
Schauplatz ist ein Gefängnis, was dem Stück auch den Titel gibt: "Die Zelle". Eines Morgens findet sich dort eine junge Frau wieder, mit Stricken am Boden fixiert. Sie hat keine Ahnung, wie sie in Haft gekommen ist und warum. Keine Ahnung auch, wer sie gefesselt hat und warum. Ihre Isolation führt die Frau zu Fragen über Fragen; nichts scheint ihr mehr sicher. Gab es das Leben außerhalb der Zelle, an das sie sich erinnert? Gab es überhaupt jemals ein Leben außerhalb der Zelle? Oder erinnert sie sich nur an einen schönen Traum? Vielleicht träumt sie aber auch jetzt gerade, und die Zelle ist nichts weiter als ein Alptraum?
Kriegenburgs Text fußt auf sieben Monologen, die er 2004 für seine Hamburger Inszenierung von Schillers Pathos-Drama "Die Jungfrau von Orleans" geschrieben hat. Ergänzt mit weiteren eigenen Texten, ergeben sie nun ein abendfüllendes, ebenfalls schwer pathetisches Stück: Die gefangene Frau führt Selbstgespräche, gerichtet an einen Geliebten.
Sie sagt, wo sie ist, was sie macht, was sie fühlt. Eine isolierte Frau im Innerlichkeitsfuror, die eine detailgenaue Szenenbeschreibung liefert, eine Szenenerklärung auch. Schauspieler mögen so etwas nicht unbedingt: endloses Monologisieren, Leerquatschen, weil dann nichts mehr drin ist in ihnen und ihren Gebärden, weil dann ja schon alles gesagt ist.
Bei der Uraufführung seines Stückes setzt der Autor und Regisseur Kriegenburg auf den Bühnenbildner Kriegenburg, schließlich ist er ausgebildeter Modelltischler, und auf die Schauspielerinnen Bettina Hamel und Julia Jaschke. Vor einigen Jahren haben sie auch in seiner Münchner Kammerspiel-Inszenierung von Aischylos" "Die Orestie" mitgespielt, neben Julia Jentsch. Die Arbeit wurde eingeladen zum Berliner Theatertreffen.
Bei aller Mäkelei am Text erinnern solche Erfolge daran, wer im Haus der Kunst das Regiezepter führen wird: Kriegenburgs "Die Zelle" ist kein wirklich gutes Stück, aber wenn Kriegenburg es inszeniert, wird es gut. Darauf darf man hoffen.
Die Zelle. Uraufführung Sonntag, 16. November, 20 Uhr im Münchner Haus der Kunst /West, Prinzregentenstraße 1, weitere Aufführungen: 21.23. und 27.30. November, 4. und 11. Dezember, Karten: Tel. 089/33 03 90 92.