René Polleschs "Soylent Green" Kultfilm als Kitzelporno
"Soylent Green", 1973 von Richard Fleischer mit Charlton Heston und Edward G. Robinson gedreht, genießt einen hohen Kultstatus und verfügt über eine große Fangemeinde. Die Kino-Dystopie zeigt Hestons einsamen Überlebenskampf in einer düsteren Zukunft, in der es zu viele Menschen und zu wenig Nahrung gibt. Die schockierende Auflösung des Films: Die grünen Oblaten, die täglich zur Fütterung der hungrigen Horden ausgegeben werden, bestehen aus Leichen, die auf diese Weise recycelt worden sind - entsorgt und gewinnbringend wiederverwertet. Hier wurde der Gedanke der Human Resources konsequent zu Ende gedacht.
"Soylent Green ist Menschenfleisch, sagt es allen weiter." Der letzte - hysterisch gebrüllte - Satz Hestons im Film dient dem Theatermann Pollesch als Titel und Grundlage eine Adaption an der Berliner Praterbühne in der Kastanienallee. Mit dieser Vorinformation sitzen die Zuschauer auf drehbaren Bürostühlen in der Saalmitte und werden von allen vier Seiten umspielt. Hauptsächlich per Simultanübertragung auf die großen Leinwände, die an drei Seiten angebracht sind. Die Blickrichtung ist frei wählbar, was den schönen Effekt hat, dass die Zuschauer in verschiedene Richtungen sehen und so einander beim Sehen zusehen können. Schließlich geht es um einen Film.
Der Siebziger-Jahre-Klassiker "Soylent Green" bildet allerdings nur den Rahmen für Polleschs Stück. Der Schritt vom Menschenfleisch zum Porno ist klein und schnell gemacht. Pollesch ist ein Meister im Aufstellen wohlklingender Behauptungen und Absurditäten, die jegliche Handlung ersetzen und die Zuschauer zugleich angemessen für deren Fehlen entschädigen.
Der Mensch ist Fleisch und das Leben ist ein Pornofilm
Auch Charlton Heston fehlt. Anstelle einer Handlung folgen die Zuschauer dem hoffnungslosen Versuch der fünf Akteure eine "zusammenhängende Erfahrung zu organisieren" in dem ganzen "Scheiß". Mit Kitzeln, mit Karaoke, mit Krach und vor allem mit Text. Zusammenhang gibt es nur durch Sprache, durch Zitate, Wiederholungen, Wörterschleifen und Textspiralen. Behauptungen halt.
Der Mensch ist Fleisch, ist eine Ware, ist Geld - und das Leben ist ein Pornofilm. Das ist ganz einfach, wenn es in Polleschs Worten daherkommt, die geflüstert oder geschrieen, aber niemals in normaler Lautstärke gesagt werden. Dafür bestechen sie oft durch absurde Schlichtheit: "Herumlaufende Geldscheine, die zum ersten Mal in ihrem Leben Fleisch sehen." - "Das nenn ich jetzt mal post-human".
Hatte der Film die ethische Frage nach Wert und Würde des Menschen gleichnishaft verschlüsselt, kontert das Stück mit einfachen verbalen Gleichungen. "Du bist Geld". Unter anderem natürlich. Außerdem bist du "eine schlechte Staatsbürgerin und eine Pornodarstellerin."
Jeder Mensch hat etwas, was er besonders gut kann und das ist hier immer das Naheliegende. "Ist nicht jeder mit einer ganz besonderen Sache gesegnet? Mit einem Schwanz zum Beispiel?", heißt es. Und: "Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich ficke eben. Das ist das, was ich kann. Was mir sagt, wer ich bin in diesem Porno." Das ist nicht zu verwechseln mit Liebe, die bei Pollesch nur als Kontrast zu existieren scheint. "Ich dachte, dass ist eine Liebesgeschichte, aber hier wird andauernd gefickt" Und: "Schön, dass in Pornos die Scheißliebe ein ungeklärter Begriff ist".
"Ficken" ist offenbar kein ungeklärter Begriff und daher definitiv das Wort mit der höchsten Nennquote. Das nervt natürlich. Trotzdem bleibt der Text am Ende kurzweilig, besonders bei Rückkoppelungen, in denen auf die reale Situation Bezug genommen wird, wie bei der doppeldeutigen Frage, wie man die Zuschauer im Theater halten kann, "nachdem sie gekommen sind", oder Kultur definiert wird als "Möglichkeit, menschliche Werte bequem mit sich herumtragen zu können".
Aber am schönsten sind die schlichten Umkehrungen - "ein Porno spielt in mir" - und die einfachen Wahrheiten, die den Zuschauer bestechen, all das, was sonst noch gesagt wird, ebenfalls hinzunehmen und zu glauben: "Geld sieht scheiße aus und ist doch viel wert".
"Soylent Green ist Menschenfleisch, sagt es allen weiter". Regie: René Pollesch; Bühne: Bert Neumann; Kostüme: Janina Audick; Darsteller: Inga Busch, Christine Groß, Gordon Murphy Kirchmeyer, Volker Spengler, Catrin Striebeck; Berliner Prater, Kastanienallee 7-9, 10435 Berlin; nächste Vorstellungen: 12., 13., 20. und 31. Januar 2003