Renoviertes "Time"-Magazin Let's Netz!
New York - Auch das noch. Nach Umsatzeinbrüchen, Massenentlassungen und der Zwangsschließung von 18 Redaktionen reißen für den US-Großverlag Time ("Time", "Fortune", "People") die Sorgen nicht ab. Das New Yorker Gesundheitsamt verpasste der Time-Cafeteria an der Sixth Avenue jetzt gleich 13 Verwarnungen für sanitär mangelhafte Zustände: verstopfte Installation, kaputte Tiefkühler sowie "lebende Mäuse im Essensbereich".
Prost Mahlzeit. Aber wie gesagt, Time hat andere Sorgen, wobei die vergammelte Kantine da sicher als schönes Symbol gelten kann. Das größte Sorgenkind des Verlags, das angeschlagene, älteste US-Nachrichtenmagazin und SPIEGEL-Vorbild "Time", soll das Ruder jetzt aber herumreißen - mit einem flotten Relaunch, der heute an die Kioske kommt.
Für seine Verjüngungskur holt "Time" einen Oldie aus dem Grab, ausgerechnet: Coverboy ist Ronald Reagan, zum 58. Mal auf dem Titel, diesmal digital zum Heulen gebracht. Doch in der Tat kommt das 84-jährige, zu lange im eigenen Legendensaft geschmorte Magazin zumindest vom Look her nun frischer daher als bisher. Klare Grafik, bessere Struktur, weniger Ressorts und viel, viel Meinung: Der Print-Dinosaurier macht plötzlich einen auf Online. Selbst die Leserbriefspalte heißt jetzt "Inbox".
Aufgeräumtes Layout
"Foto: David Hume Kennerly. Träne: Tim O'Brien." So lautet der bizarre Bildnachweis des computermanipulierten Reagan-Covers zur Titelgeschichte über die Krise der US-Republikaner. Puristen wie der Blogger Jeff Berkovici ("Radar Online") mögen daran Anstoß nehmen: "Wie werden konservative Messdiener, die Reagan als Halbgott verehren, auf ein gefaktes Bild ihres Helden reagieren?" Doch die unterschwellige Message könnte nicht deutlicher sein: Dies sind neue, digitale Zeiten.
In einem Editorial begrüßt Chefredakteur Richard Stengel denn auch fröhlich, wiewohl leicht verspätet, das "21. Jahrhundert". Besser gesagt: eine "verwirrende Welt", in der "Time" nun für "Klarheit sorgen" werde. Nicht gerade das originellste Motto für ein Wochenblatt: "Wir werden versuchen, die ( ) unfreundliche Welt so gut wie möglich zu domestizieren", gelobte schon das einstige, inzwischen begrabene "Time"-Schwesterblatt "Life" in seiner allerersten Ausgabe 1883.
Nun gut. Klarheit gibt es im renovierten "Time"-Magazin genug, wenigstens optisch. Das Layout wurde aufgeräumt, es ist luftiger als zuvor, der Lauftext dagegen wirkt betriebsamer, die Überschriften sind fetter und kühner gesetzt. Stengel nennt gerne den britischen "Economist", das profitabelste Magazin der Welt, als Vorbild für das Facelifting. Obwohl ihm sein Verlags-Chefredakteur John Huey dabei ganz offen widerspricht: "Nun ja, das ist nicht das Magazin, das wir machen."
Neue Lust am Kommentieren
Selbst das berühmte "Time"-Logo auf dem Titel, im klassisch-roten Rahmen, ist ranker und schlanker; darüber prangen jetzt "Teaser-Kästen", wie sie selbst das "Wall Street Journal" schon längst hat. Aus vormals sieben Ressorts sind fünf geworden: "Briefing" (voll gepackt mit Kleingeschnetzeltem), "Commentary" (Kolumnisten, Essays), "The Well" (Nachrichten, Features), "Life" und "Arts". Dazu weniger, doch größere Fotos, viele schwarz-weiß, eine alte Tradition belebend.
Vor allem die neue Lust am Kommentieren ist bemerkenswert: Bis 1980 hatte "Time" (wie lange auch der SPIEGEL und heute noch der "Economist") nicht mal Autorenzeilen. In seiner Geschichte veröffentlichte es nur einen einzigen Kommentar im Namen des gesamten Magazins - 1974 zum Watergate-Skandal, den Rücktritt Richard Nixons fordernd. Jetzt werden Kolumnisten sogar mit Porträtfotos gewürdigt.
Dahinter steckt die Einsicht, dass sich Meinung im schnelllebigen Online-Kosmos auch gedruckt zwar hält, reine Print-News aber schnell verstauben. Aktuelles kann sich der Leser viel besser im Netz holen - und soll das auch, dank vermehrter Hinweise auf den ebenfalls kürzlich gelifteten, vor lauter neuen Blogs prallen Web-Auftritt Time.com.
Zurück in die Zukunft
Der Relaunch ist der zweite Teil dessen, was "Time"-Herausgeber Ed McCarrick als eine "Revolution" des Magazins bezeichnet und bereits mit dem Antritt Stengels im Mai 2006 begonnen hat. "Der News-Zyklus hat sich unglaublich beschleunigt, vor allem wegen des Internets", findet Stengel. "Das Internet zwingt uns, die gesamte Prämisse des Nachrichtenmagazins zu hinterfragen. Alle Regeln werden umgeschrieben." Seine Inspiration dafür fand er ironischerweise im Verlagsarchiv, in uralten "Time"-Ausgaben und deren spartanischer Ressortaufteilung. "Nachtisch, Hauptgericht, Beilage", beschreibt Stengel das und wagt nun den publizistischen Spagat: "Wir modernisieren das Layout und besinnen uns zugleich unserer Wurzeln." Zurück in die Zukunft?
Auf jeden Fall weg von der Gegenwart. Der Einfluss der großen amerikanischen Wochenmagazine - "Time", "Newsweek" und, in geringerem Maße, "U.S. News & World Report" - schrumpft seit langem. "Die Cover der Nachrichtenmagazine waren früher außerordentlich bedeutsam", sagt Stephen Smith, der als Top-Redakteur sowohl bei "Time" wie "Newsweek" gearbeitet hat. "Jetzt ist die Bedeutung extrem gedämpft."
Abgehängt von "Field & Stream"
Dies zeigte sich diese Woche auch bei den Nominierungen für den National Magazine Awards, den renommierten US-Magazinpreis. "Time" heimste da nur zwei Nominierungen ein, für "allgemeine Exzellenz" und "Reportage". Periodika, die sich weniger tagesaktuell geben - der "New Yorker" (neun Nominierungen), "Esquire" (sieben), "Vanity Fair" (vier), selbst die Jäger- und Anglerpostille "Field & Stream" (vier) - schnitten besser ab.
Im Januar leistete "Time" den Offenbarungseid und reduzierte seine gemeldete Auflage - und damit seine Anzeigenpreisgestaltung - von vier auf 3,25 Millionen, indem es Freiexemplare nicht mehr mitrechnete. Zugleich verschob Stengel - ein historischer Schritt - den Erscheinungstag von Montag auf Freitag, damit die Print-Ausgabe nicht länger wie eine obsolet "reflektierende" Wochenschau der Vorwoche aussah, sondern künftig "die Agenda setzt".
Eine Zukunft ohne Print?
Ebenfalls im Januar strich das Mutterhaus Time - das, als Rädchen im Time-Warner-Medienkonglomerat, von allen Seiten unter Druck geraten ist - 289 Stellen. Allein 50 "Time"-Mitarbeiter wurden bei diesem "Neujahrs-Massaker" entlassen, die Korrespondentenbüros in Chicago, Atlanta und Los Angeles dicht gemacht. Aktuelle News wanderte auf die Website. "Ich will, dass die Leute lernen, sich auf "time.com" zu verlassen", sagt Stengel und droht, seine verbliebenen Korrespondenten zu Bloggern zu machen.
Wo soll das hingehen? Die Medien-Website "I Want Media" stellte Stengel dieser Tage eine ketzerische Frage, die aber allen in der Branche durch den Kopf spukt und im Februar auch von Arthur Sulzberger, dem Verleger der "New York Times", ins Spiel gebracht wurde: Könnte es eines Tages nur noch eine Online-Ausgabe von "Time" geben? "Teen People" und "Elle Girl" haben diesen Schritt schon getan.
Stengels kryptische Antwort: "Das ist eine interessante Frage. Es ist eine Frage, die sich jetzt jedes Print-Medium stellen kann. Ich weiß es wirklich nicht. Es ist sicher nichts, was wir gerade erwägen oder auch für die Zukunft."