Rezept für Halluzisuppe - DER SPIEGEL
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Tageskarte Küche: Psychoaktive Halluzisuppe

Foto: Peter Wagner

Halluzisuppe LSD zum Löffeln

Im Herbst sprießen jene Schwammerl aus dem Boden, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben: Psilocybin-Pilze zur Kunterbuntisierung unserer Wahrnehmung. Doch Farbauffrischung geht auch ohne Drogen - in unserer total legalen Suppenküche.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Zuge der Ernährungsmegatrends "Bio", "Regional" und "Nachhaltig" wächst derzeit in Genießerkreisen wieder das Interesse an heimischen Waldgewächsen, denen bei Einnahme psychoaktive Wirkungen nachgesagt werden. Darum soll es heute aber nicht gehen. Weniger, weil eine Genuss-Kolumne kein geeigneter Ort für Hantieren mit teilweise gesetzlich verbotenen Substanzen ist. Nein, es ist einfach so, dass man mit dem Spitzkegeligen Kahlkopf, dem Grünlichgrauen Dachpilz oder den diversen tryptaminhaltigen Flämmlingen beim besten Willen kein auch nur annähernd leckeres Gericht kochen kann.

Muss man auch nicht. Denn in den sogenannten Drogenküchen werden ja - aus Hobbykochsicht leider - keine spannenden Kochrezepte mit bewusstseinserweiternden oder zumindest ordentlich zudröhnenden Substanzen entwickelt, sondern meist nur schnöde und saugefährliche Billigsynthetikdrogen hergestellt. Für Kochschaffende, denen das Hantieren mit frischen Zutaten über alles geht, ist das natürlich nix. Wer will sich schon künstlich hergestellten Industriemist reinpfeifen? Ist im Vergleich zu naturreinem Genuss in etwa so spannend wie eine Fünfminutenterrine anstelle einer Bouillabaisse.

Hypnotischer Farbstrudel

Weder die bunte Welt der Pillen noch die triste Welt der Grönemeyer-Songtexte ("...der Apotheker nimmt Valium und Speed..."), geschweige denn die noch tristere Welt der MDMA-Brutzler, der Amphetamin-Herzkasper oder Heroinlöffelkocher, werfen Feinschmecker-technisch irgendwas ab. Tetrahydrocannabinol sorgt in den Produkten der Cannabispflanze seit Jahrhunderten für mehr als nur kurze Lacherfolge beim Konsumenten - als Harz oder Blätter gibt es auch in Zehntausenden einschlägiger Kiffer-Koch- und Backrezepten die Kernzutat ab.

Oftmals setzt die Wirkung von oral aufgenommenen THC-Produkten heimtückisch erst Stunden nach dem Konsum ein, was bei so manchem wirkungsfixierten Drogisten zu heilloser Überdosierung führen kann, wenn sich der "Ichmerknix" dann auch noch den vierten Haschischkeks in kurzer Folge reinmampft.

Doch machen wir uns nichts vor: Keinem, der sich wissentlich und willentlich Cannabisprodukte ins Mäulchen stopft, geht es nur um den gustatorischen Mehrwert. Und Mitmenschen so was heimlich in den Tee zu rühren, ist verboten.

Keine unerwünschten Überraschungen verbirgt dagegen unser heutiges Rezept für eine zumindest optisch hochgradig psychoaktive Halluzisuppe. Eigentlich sind es sogar gleich drei sehr farbintensive, wunderbar herbstlich-weiche Cremesuppen, die wir im Teller zu einem hypnotischen Farbstrudel verstreichen, wie man ihn sonst, wenn man solchen Zeitgenossen überhaupt Glauben schenken will, nur "auf Trip" sehen kann.

Mit dem dritten Auge natürlich, das einem dann immer mitten aus der Stirn wächst.

Rezept für Halluzisuppe (Vegetarisches Zwischengericht für 4 Personen)

Vorbereitungszeit: 30 Minuten

Zubereitungszeit: 40 Minuten

Schwierigkeitsgrad: einfach

Zutaten

Tomatensuppe
5 EL Würfel von roter Zwiebel
1 EL Olivenöl
100 ml trockener Rotwein
250 ml Gemüsefond
4 Stück Strauchtomaten
1 TL Ingwer, fein gehackt
2 TL Rosmarinspitzen, fein gehackt
1 EL Tomatenmark
Salz, bunter Pfeffer aus der Mühle, rote Tabascosauce und Zucker zum Abschmecken

Spinatsuppe
2 EL Basilikum, fein gehackt
2 Stück Knoblauchzehen
1 EL Olivenöl
300 ml Gemüsefond
350 g frischer Spinat (große Blätter, kein Babyspinat)
Salz und bunter Pfeffer aus der Mühle zum Abschmecken

Kürbissuppe & Garnitur
1 Stück Hokkaidokürbis (möglichst Bio-Ware)
2 EL brauner Rohrzucker (besser: Muscovadozucker)
30 g Butter
100 ml Quittensaft (möglichst ungesüßt)
300 ml Gemüsefond
0,5 TL Safranfäden
0,5 TL Curcuma, gemahlen
1 Prise Macis, gemahlen (Außenschale der Muskatnuss)
Salz, weißer Pfeffer aus der Mühle und Macis zum Abschmecken

4 Stück Basilikumspitzen
4 TL Abtropfjoghurt (10%)
4 TL Kürbiskernöl

Zubereitung

Tomatensuppe
Zwiebelwürfel im Öl in Sauteuse oder Kasserolle kräftig anbraten (dürfen braun werden), mit dem Wein ablöschen, komplett einreduzieren. Gemüsefond zugeben, aufkochen. Tomaten waschen und würfeln, zusammen mit dem Ingwer und dem Rosmarin zugeben. Bei mittlerer Hitze 35 Min. zugedeckt köcheln, ab und zu umrühren. Tomatenmark einrühren, weitere 5 Min. kochen. Im Mixer oder mit Zauberstab fein pürieren, durch Haarsieb passieren. Mit Salz, Pfeffer, roter Tabascosauce und Zucker abschmecken und ggf. mit etwas Gemüsefond auf die gewünschte Viskosität bringen. Alle drei hier verwendeten Suppen sollten sehr sämig sein, fast schon wie eine Coulis.

Spinatsuppe
Knoblauch häuten und sehr fein hacken (aber nicht durch Presse quetschen), zusammen mit dem Basilikum im Öl in tiefer Pfanne oder Wok kurz dünsten. Gemüsebrühe zugeben, aufkochen. Spinat gründlich waschen und putzen (dicke Stiele abschneiden). In den Fond geben und zusammenfallen lassen (dabei mit zwei großen Löffeln mehrfach umheben). 15 Min. bei mittlerer Hitze zugedeckt köcheln. Im Mixer oder mit Zauberstab fein pürieren, durch Haarsieb passieren. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und ggf. mit etwas Gemüsefond auf die gewünschte Viskosität bringen

Kürbissuppe & Garnitur
Kürbis unter fließendem heißen Wasser mit Gemüsebürste gut abschrubben. Mit großem Messer oder Küchenbeil vierteln, mit Löffel komplett entkernen, Strunk abschneiden. Kürbis mit der Schale in ca. 2-3 cm große Stücke schneiden. Butter in großem Topf oder Wok zerlassen, Kürbisfleisch mit zwei Löffeln darin mehrfach wenden. Mit dem Zucker bestreuen und bei stetigem Rühren goldgelb karamellisieren lassen. Quittensaft einrühren und 5 Min. bei mittlerer Hitze offen leicht reduzieren. Fond zugeben, Safran, Curcuma und Macis einrühren. Bei mittlerer Hitze 25 Min. zugedeckt köcheln, immer wieder umrühren. Im Mixer oder mit Zauberstab fein pürieren, durch Haarsieb passieren. Mit Salz, Pfeffer und Macis abschmecken und ggf. mit etwas Quittensaft und ein paar Butterflocken auf die gewünschte Viskosität bringen.

Anrichten

In gut vorgeheizte tiefe Teller (ideal: große Pastateller) nebeneinander je ein Drittel von jeder Suppe mit Schöpfkelle einfüllen. Je nach optischer Vorliebe mit einem Zahnstocher oder einer grobzinkigen Gabel psychedelische Muster einziehen. Wer Pointillismus schöner findet, gibt jeweils andersfarbige Suppen-Tropfen auf die Sorten. Mittig eine Nocke Abtropf-Joghurt (oder selbst über Feinsieb abgetropften griechischen Joghurt) geben, eine Basilikumspitze einstecken und den äußeren Rand mit einer Spur Kürbiskernöl abziehen. Wer mag, reicht noch salzige, gebratene Kürbiskerne als krosse Textur dazu.

Tipp: Bei Verwendung von pflanzlicher Creme ist das Gericht vegan; wer Fleisch isst, sollte bei der Kürbissuppe kräftigen Hühnerfond statt der Gemüsebrühe verwenden.

Küchen-Klang

Suppe hilft generell ganz gut, wenn man sich krank fühlt, weswegen beim Suppenkochen eigentlich nur ein Album in Frage kommt, das sich inhaltlich mit Krankheiten aller Art befasst - und noch dazu nach einer benannt ist: "Mumps etc" (Universal) von dem schrägen Cincinnati -Trio Why? um Sänger Yoni Wolf, das seinen munteren Romantik-Indie-Pop mit witzigen Gastbeiträgen einer Studio-nahen texanischen Klassik-Musikschule (Bläser, Chor) aufgeporscht hat.

Getränketipp

Die zur Kürbissuppe naheliegenden Weißweine mit Muskat-Aroma funktionieren hier nicht, denn sie sind für die kräftige Säure der Tomaten zu lau und für das metallisch-stumpfe Mundgefühl des Spinats zu süß. Wir fanden als perfekten Begleiter zu dem Suppendreier einen Biowein im Fränkischen: Gerhard Roth in Wiesenbronn kitzelt aus seinen Acolon-Reben (diese Sorte wurde erst 1971 zwischen Lemberger und Dornfelder gekreuzt), die ja oft für eher eindimensional-flache Lemberger-Aromatik stehen, ungeahnt straffe Gerbstoffe zu der ohnehin würzig bis leicht bitteren Anmutung heraus, die den 2009 Wiesenbronner Wachhügel Acolon Auslese* zu einem würdigen Suppensparringspartner machen, solange er leicht gekühlt (ca. 14 Grad Celsius) serviert wird. Zum Weitertrinken schmeckt er bei 18 Grad Celsius besser - also einfach die Flasche auf dem Tisch stehen lassen.