Zubereitung: Latte-Macchiato-Dessert
Leckeres Macchiato-Dessert Ihr seid mir doch Latte
Preisfrage: Wie bestellt man in Italien in der Bar korrekt einen kleinen, starken Kaffee? Antwort: kommt darauf an, ob einen der Barista als Deutscher erkannt hat oder nicht. Falls nicht, "caffè!" rufen, und schon steht ein schöner, in die dickwandige Steinzeugtasse maximal zwei Finger hoch eingebrühter Koffeinauszug auf dem Tresen. Wird man als "tedescho" geoutet oder gar als "crucco" ("Kraut"), spielen die Barkeeper gern ein falsches Spiel. Die Bestellung "caffè!" bestätigen sie prinzipiell mit "uno espresso!" und "espresso!" jedes Mal mit "una caffè!".
Macht nichts, solange der Tasseninhalt lecker und stark ist, und man nicht den Fehler macht, nach 12 Uhr mittags noch Koffeinbrühe mit irgendeiner Form von Milchzugabe zu ordern, die ein paar Spritzerchen übersteigt. Puristen trinken ihre "caffè" nach dem Mittagessen bis zum Schlafengehen allenfalls in den Variationen "ristretto" (konzentrierter; mit weniger Wasser gebrüht), "lungo" (lang, also mit etwas mehr Wasser), "macchiato" (mit wenigen Tropfen Milchschaum "befleckt") oder zum Einschlafen "corretto" ("korrigiert" mit einem Schuss Grappa oder Brandy). Wer nach dem Lunch noch einen "Cappuccino", Caffelatte" oder gar eine "Latte Macchiato" (die in Italien ohne die markante Dreifachschichtung, dafür aber mit Strohhalm serviert wird) ordert, missachtet die eherne Meinung italienischer Männer, Milch setze dem Verdauungsapparat schwer zu, und der nachmittägliche Weiß-Trinker müsse deshalb eine Frau sein oder ein Fremder, in jedem Fall aber macht er eine "brutta figura", was mit "zipfeliger Blödbommel" eher wohlmeinend übersetzt werden kann.
Es wird Zeit, die Latte höher zu hängen
In deutschen Latteläden gilt das alles natürlich nicht, denn dort treffen sich längst zu jeder Tageszeit Mitbürger zum gemeinsamen Totschlag ihrer warum auch immer reichlich vorhandenen freien Zeit. Das ist nichts Neues, konnte aber in früheren Zeiten auch schon mal etwas radikaleres Potential entwickeln, um dann - ein ewiger Kreislauf des Lebens - schließlich aber wieder in (Selbst-) Gefälligkeit zu zerbröseln. Vor 20 Jahren endete so die "Toskana-Fraktion", heute sind es die "Piraten", die irgendwann zur "Latte-Macchiato-Linke" retardieren könnten; in beiden Fällen traut man den Gruppen jedenfalls nicht mehr zu, die Revolutionslatte höher hängen zu können, als Rammstein im "Pussy"-Songtext den Schlagbaum oben sehen will.
Wie auch immer - aus Lebensgenießersicht kann es so schlecht nicht sein, dass viele junge Menschen zwischen 20 und 45 in den Szenevierteln der Städte nachmittags die Kaffeehauskultur wieder hochleben lassen, die Jahrzehnte lang nur Omi und Omi vorbehalten schien. Wer hier unbedingt den ersten Stein werfen will, wird dieses Publikum für frustrierte Sinnsucher in nicht sozialversicherungspflichtigen Prekär-Arbeitsverhältnissen halten, die, wenn sie keine Kinder dabeihaben und folglich nicht zur aktuellen Werbezielgruppe der "Latte-Macchiato-Mütter" gehören, emsige Geschäftigkeit dadurch simulieren, dass sie mit Hilfe des vom Kaffeehausbetreibers freundlicherweise eingerichteten (und bezahlten) Wlan-Hotspots den lieben Tag lang auf der Tastatur ihrer Notebooks herumklappern und nur dann kurz in einer Mischung aus Empörung und Verständnislosigkeit aufblicken, wenn die Kellnerin vorsichtig fragt, ob man vier Stunden nach der ersten "Latte" vielleicht noch etwas bestellen möchte.
Wer jetzt lacht, macht diese traurige Geschichte nicht falscher, schließlich waren Kaffeehäuser seit ihrer Erfindung im Wien des späten 19. Jahrhunderts schon immer ein Ort, an dem sich der Geist ohne jeden Verzehrzwang frei zum Himmel oder weiter erheben durfte, an dem man sich ausführlich den auf Bugholz gespannten Tageszeitungen widmen oder gar selbst literarische Texte am Holztisch zu Papier zu bringen konnte. Heute ist man da multimedialer und macht aus der Selbstbespiegelung gleich ein Musical wie die Berliner "Stammzellenformation" mit "Mamma Macchiato". Außerdem muss das ewige Herumsitzen bei einer "Latte" nicht immer gleich bedeuten, dass da mal wieder einer aus der Generation Praktikum die zähe Zeit zwischen Spätaufstehen und Fernsehabend überbrücken will. Wird das Getränk ordentlich heiß serviert, dann sorgt allein die Physik dafür, dass man recht lange warten muss, bevor man sich nicht mehr den Mund daran verbrennt. Die feste, hohe Schaumhaube auf dem Milchkaffee wirkt nämlich wie ein Thermoskannenstöpsel, die Wärmeenergie strömt vor allem aus dem Glas nach außen - und das kann angesichts der extra dickwandigen Lattegläser schon ein Weilchen dauern.
Unser heutiges Rezept für ein Latte-Macchiato-Dessert hat damit kein Problem, denn es kommt gut durchgekühlt auf den Tisch. Allerdings lebt es nicht nur von den typischen Farbkontrasten weiß-schwarz-beige, sondern auch von den unterschiedlichen Texturen und Süßungsgraden der drei Schichten: Die untere Mousse ist cremig und relativ süß, das Espresso-Gelee in der Mitte ungezuckert und fest, der Milchschaum obendrauf luftig und nur mit etwas Vanille-Puderzucker abgeschmeckt.
Schließlich wollen wir nicht noch mehr Zucker in dieses kontroverse Thema hinten reinpusten.
Rezept für Latte Macchiato (Dessert für 4 Personen)
Vorbereitungszeit: 10 Minuten
Zubereitungszeit: 10 Minuten (plus 1 Stunde Gelierzeit)
Schwierigkeitsgrad: einfach
Zutaten
Kaffeemousse
400 ml leichter Brühkaffee aus Espressobohnen
250 g Sahne
1-2 EL brauner Zucker
3 Blatt Gelatine (Vegetarier können pflanzliche Geliermittel benutzen)
1 El Pfeilwurzelmehl (aus dem Reformhaus)
Espresso-Gelee
150 ml stark gekochter Espresso
1 Tl Agar-Agar (aus dem Reformhaus)
Milch-Schaum
250 ml Milch
50 g Sahne
1 Tl Puderzucker
1 Tl Stärke (z.B. Maisstärke oder Pfeilwurzelmehl)
1 Tl Vanillepuderzucker
Zubereitung
Kaffeemousse
Kaffee brühen (geht auch mit Vollautomat) und abkühlen lassen. Gelatine in kaltem Wasser einweichen, Sahne fest schlagen. 150 ml Kaffee in Topf aufkochen, Gelatine einrühren. Alle Zutaten bis auf die Sahne mit Handmixer 2 Min. aufschlagen. Jetzt mit dem Zucker abschmecken (brauner Zucker löst sich langsamer als weißer, also lange einmixen). Sahne mit Schneebesen untermixen. Mit Trichter auf 4 Latte-Macchiato-Gläser verteilen (ca. die Hälfte des Glases füllen). Gläser 1 Stunde ins untere Fach des Kühlschrankes stellen, damit die Mousse anzieht.
Espresso-Gelee
Espresso in Topf mit dem Agar-Agar kurz aufkochen und mit Schneebesen klumpfrei vermischen. Gelierprobe machen: 1 Tl der Flüssigkeit auf einen kalten Teller gießen. Wenn der Espresso nicht binnen 30 Sek. geliert, entsprechend mehr Agar-Agar in die heiße Flüssigkeit mixen.
Ein rechteckiges Gefäß mit glattem Boden mit Küchenfolie fest und faltenfrei bespannen, Espresso eingießen. Gefäß auf ebenem Untergrund kalt stellen, bis die Flüssigkeit geliert ist. Das Gelee sollte ca. 1 cm dick sein.
Milch-Schaum
Sahne festschlagen. Milch mit den Zuckersorten und der Stärke 2 Min. mit Handmixer schlagen, Sahne mit Schneebesen einmontieren. Masse in einen Sahnesiphon füllen und mit 2 Gaskartuschen begasen.
Anrichten
Mit einem weiteren der Gläser, in denen das Dessert serviert wird, aus dem Espressogelee vier Scheiben ausstechen und vorsichtig auf die Kaffeemousse in den restlichen Gläsern gleiten lassen. Den Siphon schütteln, dabei Auslass nach unten halten. In einer Schüssel Sprühprobe machen, um ein Gefühl für den Druck zu bekommen. Die vier Gläser langsam und vorsichtig mit dem Milchschaum ausspritzen. Mit langstieligem Dessertlöffel servieren.
Küchen-Klang
Der Smartiesbunte Polkapop der Britin Gabby Young und ihrer CD "The Band Called Out For More" (Rough Trade) mitsamt ihrer achteckigen Innencover-Kunst (eine Faltanleitung fehlt hier schmerzlich) bringt ebenso Klang-Leben in die Küche wie die beiden zeitgleich erschienenen Alben "The Israeli Songbook" und der wiederveröffentlichten "Live In Israel" (beide: edel) der amerikanischen Sängerin Noa, die damit dem "Great American Songbook" ein würdiges, nahöstliches Pendant entgegen setzt mit klassischem israelischen Liedgut der Jahre 1920 bis 1970.
Getränketipp
Dazu passt perfekt ein auf Crushed Ice geschütteter Kaffeelikör mit einem kleinen Häubchen unseres Milch-Schaumes - das kann ein klassischer Kahlùa oder Tia Maria sein, besser aber der phantastische Bio-Likör der Münsterländer Familiendestillerie Dwersteg*.
*Bezugsquelle:
Bio-Café-Likör Dwersteg.