Dessert mit Eierlikör: Süßes mit Prozenten
Dessert-Rezept Dem Eierlikör ist nix zu schwör
Mein letzte Flasche Eierlikör war ein Geschenk von Tante Rosemarie. Ich fand sie vor vielen Jahren in einem alten Erbschaftskarton wieder: zwischen einem Zinnteller mit Jagdmotiven, einem mit Kunstleder bespannten Dreh-Aschenbecher, einem Feuerzangenbowle-Set aus Messing und handgehäkelten Eierwärmern mit Kükenmotiven. Wie passend.
Dass seine Erfindung einmal zum Inbegriff des Tantigen werden würde, hätte sich der Antwerpener Destillateur Eugen Verpoorten nicht träumen lassen, als er vor über 130 Jahren nach einer Alternative zur Avocado suchte. Der Legende nach hatte Verpoorten bei einer Flussfahrt auf dem Amazonas das von den Indios aus Avocadofleisch hergestellte Getränk Abacate entdeckt. Er scheiterte aber am Anbau der Frucht in Europa. Stattdessen experimentierte er mit Eigelben als Fettgebern und Emulgatoren und gründete für die Herstellung und Vermarktung seiner Erfindung Eierlikör 1876 im ehemaligen Prämonstratenserstift in Heinsberg nahe der holländischen Grenze die "Liqeur-Fabrik & Colonialwaaren von H. Verpoorten".
Inzwischen produziert Verpoortens Urahn William in fünfter Generation in Bonn täglich an die 130.000 Flaschen - nach wie vor nicht aus Eigelbkonzentraten, sondern aus frisch aufgeschlagenen Eiern. Denn das Getränk ist ein Emulsionslikör, dessen Zutaten bei der Herstellung mit Hilfe des Lecithin in den Dottern homogenisiert werden. Damit sich die Emulsion nicht entmischt, dürfen die Herstellerbetriebe geringe Mengen Hühnereiklar verwenden, dazu ist die Beimischung von Vanillin und anderen künstlichen Aromen erlaubt. Ein Reinheitsgebot gibt es also ebenso wenig wie beim Eierpunsch und seinem Anglo-Trinkkumpan Eggnog, jenem in England und Amerika seit Jahrhunderten nicht nur bei Tanten beliebten Mix aus Eiern, Zucker und allerlei Alk zwischen Rum, Brandy und Whiskey.
Vom Tantensprit zum Biathlondoping
Doch auch diesseits des Atlantiks schüttelt der Eierlikör in letzter Zeit seinen Kaffeekränzchennimbus ab. Sei es als Zutat für feine Desserts wie in unserem heutigen Rezept, als Bestandteil rasanter Mixology-Experimente in Szene-Bars - oder als Stimmungsaufheller mit gnädigem Alkoholgehalt. Sogar die Biathlon-Titanin Magdalena Neuner wurde während der WM 2012 von ihrem Trainer mit einem Likörchen auf dem Zimmer erwischt, was sie aber flugs in den Medien relativierte: "Mei, wir haben halt mit der Franzi, der Miri und der Andrea zusammen auf dem Zimmer gesessen und einen Eierlikör gegen die Nervosität getrunken."
Es sei ihr verziehen. Schließlich schafft es sogar Udo Lindenberg, seinen Alkoholkonsum durch die Verwendung von Eierlikör zum Malen seiner "Likörelle" zu verniedlichen - und die leise vor sich hinmuffelnden Bildchen teuer zu vermarkten.
Der Likör aus dem Supermarkt hat nur moderate 14 bis 20 Volumenprozent. Wer mehr will, muss ihn selbst machen. Was einfach ist. Der Fernsehkochonkel Tim Mälzer zum Beispiel macht seinen Eierlikör mit Puderzucker, Orangensaft und jeder Menge Weinbrand, worüber aber jeder, der in der DDR aufgewachsen ist, nur müde lächeln kann. Schließlich wurde dort vor der Wende so manches Ei mit Hilfe des puren Weingeists (Neutralalkohol) Primasprit aus Leipzig und dessen damals wie heute stolzen 96,3 Volumenprozenten in eine richtig harte Droge verwandelt. Das geht noch immer, für schlappe 21 Euro den Liter - wenn man denn den Fünfliterkanister bestellt.
Doch auch mit niederprozentigeren Alkoholen ist der Eierlikör rasch hergestellt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt zwar bei Verwendung von Rohei im Privathaushalt, die Salmonellengefahr dadurch zu minimieren, dass man die Eigelbe mit dem Alkohol vermischt drei Tage lang stehenlässt, bevor der endgültige Likör angerührt wird. Doch die Erreger haben angesichts der 20 Alkprozente im finalen Getränk auch bei anderer Zubereitungsweise keine Chance. Wir zum Beispiel ziehen unsere im heutigen Dessert benutzte Likörmasse durch sanftes Erhitzen zur Rose (siehe Rezept), verlieren dabei zwar ein bisschen Ei-Aroma, erhalten aber ganz ohne Zugabe von gaumenverklebendem Stärkemehl ein viel dickflüssigeres Ergebnis als es bei kaltgerührten Hausgebräuen üblich ist. Außerdem hält sich der so gewonnene Likör ein paar Monate länger.
Tante Rosemaries Flasche habe ich mich trotzdem nicht aufzuschrauben getraut.
Rezept für Variation von Eierlikör und Kirsche (Dessert für 4 Personen)
Vorbereitungszeit: 30 Minuten
Zubereitungszeit: 45 Minuten (plus 2 Stunden Kühl/Gelierzeit)
Schwierigkeitsgrad: mittelschwer
Zutaten
Eierlikör
1 Stück Vanilleschote
100 g Zucker
100 ml Milch
100 g Sahne
4 Stück sehr frische Eigelb
150 ml Rum
Eierlikör-Vanille-Mousse
1 Stück Vanilleschote
50 g Sahne
150 ml Eierlikör
2 Stück Eigelb
2 Tl vegetarisches Gelatinepulver
Eierlikör-Espuma und -Creme
200 ml Eierlikör
200 g Sahne
1 Tl Pfeilwurzelstärke (aus dem Reformhaus)
Kirschen und Gelee
300 g Amarenakirschen aus dem Glas
200 ml Van Nahmen Kirschsaft "Morellenfeuer"*
3 Blatt Gelatine (oder entsprechende Menge vegetar. Gelierpulver)
12 Stück Amarenakirschen
8 Stück Herzkirschen (falls erhältlich, andernfalls 8 Amarenakirschen benutzen)
Schokoladenhaare
250 g dunkle Schokoladenkuvertüre
Zubereitung
Eierlikör
Vanillemark aus Schote kratzen und zusammen mit Milch, Sahne und 50 g Zucker im Topf kurz aufkochen. 30 Min. ziehen lassen. Erneut kurz aufkochen und durch sehr feines Haarsieb passieren. Eigelbe mit dem restlichen Zucker in Rührschüssel auf heißem Wasserbad mit Schneebesen schaumig rühren, Milch langsam einrühren, bis die Masse dicklich wird. Zur Rose ziehen: so lange rühren, bis die Masse dick wird. Wenn sie auf einem Holzkochlöffel oder Silikonspatel kleben bleibt und sich beim Pusten darauf Wellen ("Rosen)" bilden, ist die Masse fertig. Durch sehr feines Haarsieb passieren, abkühlen lassen, Rum unterrühren, Schaum abschöpfen und den Eierlikör in zuvor mit kochendem Wasser ausgespülte Flaschen gießen. Hält sich verschlossen im Kühlschrank einige Monate.
Eierlikör-Vanille-Mousse
Vanillemark aus Schote kratzen und zusammen mit Milch und Sahne im Topf kurz aufkochen. 30 Min. ziehen lassen. Likör zugeben und kurz aufkochen. Eigelbe in Rührschüssel auf heißem Wasserbad mit Schneebesen schaumig rühren, Milch-Likör-Mischung langsam einrühren, bis die Masse dicklich wird. Zur Rose ziehen. Gelatinepulver klumpfrei unter die Masse rühren, in ein mit Küchenfolie ausgeschlagenes Gefäß füllen und im Kühlschrank 2 Stunden gelieren lassen.
Eierlikör-Espuma und -Creme
Likör und Sahne vermischen, Masse hälftig teilen. Die eine Hälfte in einen Sahnesiphon geben, mit zwei Gaspatronen begasen, gut schütteln und kalt stellen. Stärke klumpfrei unter den Rest rühren und in mit Trennfett besprühte Halbkugel-Silikonformen füllen. Einfrieren. Nach 2 Stunden aus dem TK holen, je zwei Halbkugeln in der Hand zu glatten Kugeln formen, erneut einfrieren. 10 Min. vor dem Servieren aus dem Tiefkühler holen.
Kirschen und Gelee
Amarenakirschen (außer den für die Deko benötigten) zusammen mit ihrer Einlegeflüssigkeit und dem Kirschsaft in Mixer glatt pürieren und durch Feinsieb ziehen. Gelatine in kaltem Wasser einweichen. Flüssigkeit sehr kurz aufkochen, die ausgedrückte Gelatine unterrühren. Sofort in mit Trennspray ausgesprühte Halbkugel-Silikonformen füllen und im Kühlschrank 2 Stunden gelieren lassen. Mit Melonenausstecher die Halbkugeln innen aushöhlen und mit entsprechend in der Größe angepassten Eierlikör-Cremekugeln füllen. Zweite Gelee-Halbkugel aufsetzen und für 20 Min. in den Tiefkühler geben.
Schokoladenhaare
Kuvertüre in Schüssel in Wasserbad bei max. 40 Grad schmelzen. Auf Spritze ziehen und in mit Eiswürfeln oder TK-Elementen auf 0 Grad abgekühltes Eiswasser spritzen. Schokoladenhaar mit Schaumkelle entnehmen, auf Krepp abtropfen lassen und kalt stellen.
Anrichten
Mousse auf Brett stürzen und mit rechteckigen Servierringen Quadrate abstechen. Mousse mittig auf die Teller setzen. Espuma mit dem Sahnebläser als 3 Tupfen am Rand des Tellers spritzen, je 1 Amarenakirsche aufsetzen. Kirschgeleekugeln, gefrorene Cremekugeln, Kirschen und das Schokoladenhaar anlegen und sofort servieren.
Küchen-Klang
Zu dem Eierlikör-Overkill muss natürlich die tantigste Musik des noch jungen Jahres in den Küchen-CD-Player: "Für Frauen ist das kein Problem" (Universal), das aktuelle, erneut mit Annette Humpe gemeinsam produzierte Album von Max Raabe, unser aller Großtante des zeitgemäßem Nostalgiegefühlgewühls.
Getränketipp
Nein, kein Wein hätte gegen diese geballte Cremigkeit eine Chance. Deshalb trinken wir einen eiskalten EiKiBa zum Dessert: je 1 Teil Eierlikör, Kirschsaft, Bananenlikör und braunen Rum (alles aus dem Kühlschrank) mixen, in Crushed Ice im Shaker stark abkühlen und in gekühlte Gläser sieben (nicht wärmer als 6 Grad servieren).